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Kein Echo ist auch keine Lösung

Autor: D. E. Orange 26. April 2018

Wer in den letzten Tagen und Wochen nicht mit dem Kopf im Sand gelebt oder sich in keinem komatösen Fiebertraum von Liebe und Glückseligkeit befunden hat, sollte es ja mitbekommen haben – Die diesjährige ECHO-Verleihung wurde überschattet von einer Preisvergabe, über die zu streiten sich mehr als lohnte.

Nein, dies ist kein weiterer Aufschrei. Dies ist keine weitere Diskussion über “Antisemitismus oder nicht” in Songs von minderbemittelten Sprechgesangkünstlern mit einer Messiewohnung von einer Kinderstube. Nein. Hier geht es um die Reaktion darauf.

Hach, was waren wir alle empört! Auschwitzvergleiche in prämierten Alben prämierter Künstler. Und das in der Musikindustrie? Dieser blumigen Wiese voller Empathie und Rechtschaffenheit? Da fällt einem ja glatt das Monokel ins Cognacglas, so entsetzlich überraschend ist dieser Faupax. Wer hätte gedacht, dass es bei einer Auszeichnung, die nur auf Verkaufszahlen beruht, dazu kommen könnte, dass am Ende Gestalten auf der Bühne stehen, in deren Bootlegs mehr Chauvinismus, blinder Hass und Beleidigungen gegen Schwächere stehen als in einer Woche BILD-Zeitung? Tja. So war es dann aber.

Jetzt wurde der ECHO aus dem Programm genommen. Der Echo verhallt in einer Welle aus Scham, Reaktionismus und diesem schalen Geschmack des verperlten Champagners der Plattenbosse, deren Erzeugnisse im Zuge der Skandale jede Menge kostenlose Promotion erhalten haben.

So läuft das in Deutschland. Funktioniert etwas nicht so, wie es funktionieren soll, schaffen wir es ab und basteln etwas Neues, damit wir uns nicht mit dem eigentlichen Problem auseinandersetzen müssen. Wenn es denn erkannt wurde. Da scheint bereits Nachholbedarf zu bestehen.

Die offizielle Begründung für das ECHO-Aus liest sich wie folgt: “Die Marke ECHO ist so stark beschädigt worden, dass ein vollständiger Neuanfang notwendig ist.” Schön. Peter Maffay hat die Veranstaltung vorzeitig verlassen, Marius Müller-Westernhagen seine zahlreichen Preise medienwirksam zurückgegeben (auch, um zu betonen, dass er überhaupt so viele Preise bekommen hat. Versteht sich von selbst) und selbst die personifizierte Teflonschicht der Musikindustrie, Helene Fischer, zeigte sich für ein paar Minuten sehr, sehr empört. Im Juni soll es nun einen Workshop geben, um “möglichst viele Ideen und Erwartungen aus der Branche beim Prozess der Neugestaltung einzubeziehen” und sich so eine Ersatzveranstaltung aus den Rippen zu leiern, in der es solche Kontroversen bloß nicht wieder geben soll. Und wenn dann keiner mehr das Problem sehen kann, ist es weg und alle sind glücklich. So der Plan.

Wir können uns also sicher sein, dass wir im Jahre 2019 eine neue Veranstaltung sehen werden, wo erneut hässlicher Klimbim mit großen Brimborium an die üblichen, weichgespülten Verdächtigen verteilt werden kann. Dann jedoch frei von der Möglichkeit, dass etwas passieren könnte, was den Schein der Heilen Musikwelt trüben könnte. Und das ist vor allem Eines: Falsch. Absolut Falsch.

Wenn ein Preis, der auf Verkaufszahlen beruht an einen Künstler geht, dessen Inhalte mehr als problematisch sind, heißt es vor allem, dass er mit diesem Quark eine große Masse erreicht und entsprechend viel von seinem geistigen Dünnschiss unters tumbe Volk gebracht hat. Das ist nicht das Problem des Preises, sondern der Gesellschaft, die ihn möglich macht. Die ECHO-Verleihung hätte ein Anlass dazu sein können, auf dieses Problem aufmerksam zu machen und sich aktiv dagegen zu stellen. Der einzige, der zeitnah – also WÄHREND der Veranstaltung, diese Verantwortung wahrnahm, war Campino, Frontmann der Toten Hosen, der sich in einer Rede vor laufenden Kameras gegen Hass und Antisemitismus stellte – auch wenn man natürlich sagen muss, dass Campino ohnehin keine Gelegenheit auslässt, diese Werte irgendwo zu betonen. Ein derartiger Auftritt von ihm war zu erwarten gewesen. Doch wo waren die anderen? Wo? Es wäre jedem – Teilnehmer und Veranstalter – möglich gewesen, sich ebenso schnell und offensiv zu positionieren. Ein Zeichen zu setzen. Doch das wurde verpasst. Unmittelbar und auch jetzt im Nachklang.

Wir brauchen keine Diskussion darüber, was für ein Musikpreis angemessen für Deutschland ist. Deutschland hat in diesen Tagen des Preis erhalten, welchen es verdient hat. Das sehen wir jetzt umso deutlicher. Die Diskussion hat sich verlagert. Weg von der Tat, weg von den Tätern, hin zur Frage, was man jetzt mit dem beschädigten Image macht. Das ist die traurige Realität in einer verlogenen Scheingesellschaft namens Musikindustrie. Einer Welt, in der Probleme nur Probleme sind, wenn man sie nicht sieht.

Zwei Gewinner hat das Ganze übrigens durchaus: Kollegah und Farid Bang. Die beiden Straßenstrampler werden nämlich nun ewig die beiden Typen sein, die den großen ECHO zu Fall gebracht haben. Ganz harte Jungs, wegen denen eine Institution der Gesellschaft kapitulierte und sich selbst auflöste. Darauf werden sich die beiden noch einen runterholen, wenn der Echo bereits in seine vierte, friedlich reformierte Nachfolgeveranstaltung gegangen ist und währenddessen Lyrics mit Auschwitzvergleichen und KZ-Rhetorik regelmäßige Millionenabsätze generieren und vielleicht sogar garantieren. Während parallel eine Scheingesellschaft sich selbst feiert.

Das klingt traurig? Aber das passiert gerade. Und dies ist der eigentliche Skandal dieser Tage.

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