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Thinkdump: Bergsteigen

Autor: Chronos 8. Juni 2018
“Thinkdump”? Wasn das?

Ein Format, das Halbintellektuellen wie mir als Blogersatz dient. Einfach lesen, man erkennt’s sowieso! Jetzt dreht es sich um’s “Bergsteigen”

Einleitung:

Österreich ist für so manches bekannt. Sei es für diesen wunderbaren Dialekt, mit welchem man über de Deitschn lästern kann, ohne dass sie es mitkriegen, sei es wegen unserer fantastischen Kaffeekultur. Manch einer mag uns, weil wir eine eigene, irgendwie unbefangene, affable wiewohl altmodische und eigene Art haben. Manch anderen zieht es nach Österreich, um in Wien noch ein wenig Prunk aus den alten Tagen der Monarchie zu erschnüffeln. Anderen ruft die Abenteuerlust, die ihn in das ferne Sagenland „Niederösterreich“ zieht, um die vielen verschiedenen Urvölker kennen zu lernen, und den Geschichten über ihren sagenumwobenen Gottkaiser „Erwin Pröll d. Erste“ zu lauschen.
Doch Österreich hat vor allem eines: Berge. Viele viele Berge.

Berge und Bergsteigen?

Ich habe keine Ahnung, wie der Geographieunterricht in Deutschland oder der Schweiz aussieht, doch jeder hat wohl so seine eigenen Tücken. Die Deutschen müssen vermutlich die Abermillionen Autokennzeichen zuordnen können, was wir Österreicher geschickt umgehen, indem wir nicht jeder Stadt ein eigenes Kennzeichen gewähren, sondern die kleineren schlicht dem Umkreis von größeren Siedlungen zuweisen. Die Schweizer lernen vermutlich Zugverbindungen statt Kennzeichen.
Auf jeden Fall wird ein nicht unerheblicher Teil des geographischen Unterrichts dafür verwendet, den Schülern die Unterschiede zwischen Nord-, Zentral- und Südalpen klar zu machen. Wo liegen die Sandstein- und Schieferzone, wo die Kalkalpen? Die vielen Täler und Flüsse, ganz zu schweigen von den Furchen… Ich habe noch immer Albträume von der Mur-Mürztalfurche (wobei ich nicht weiß, warum gerade von der). Dann noch die ganzen Namen. Totes Gebirge, Salzkammergut, Hausruckgebirge (nicht zu verwechseln mit dem Hausruckviertel!), Kitzbühler Alpen, Wienerwald. Und wie es sich für einen gestandenen Ösi gehört, lernen wir auch über die dazugehörigen Skigebiete von Eltern, Freunden, der Schule (ja, in der Schule habe ich seinerzeit etwas über unsere Skigebiete gelernt. Preisleistungsvergleiche am Praxisbeispiel.), sogar auf der Universität können unsere Berge jederzeit Gesprächsthema werden.
Der Punkt ist der folgende: Berge haben in Österreich einen besonderen Stellenwert. Ist ja auch irgendwie logisch, die Dinger lassen sich nämlich recht schlecht verschieben, und außerdem leben wir ja gewissermaßen von ihnen – für alle, die es noch nicht wussten: Ohne den Tourismus wäre unsere pittoreske Alpenrepublik ziemlich „am Oasch“, wie die Wiener zu sagen pflegen.
So kommt es auch, dass bei uns das Bergsteigen etwas alltägliches ist. Es ist sogar so alltäglich, dass ich mich zuerst erkundigen musste, ob deutsches Publikum das Wort überhaupt versteht – Entschuldigung! Ich weiß, dass man sich die Bedeutung wohl nach zehn Minuten Deutschunterricht alleine aus dem Wort herleiten könnte, aber nachdem es einmal zu einem peinlichen Fauxpas im Gespräch kam, als ich erwähnte, dass ein Freund von mir gerade exekutiert wurde, und ich dabei einige negative Animositäten seitens der wackeren Teutonen hervorrief, bin ich auf der Hut.
So wie die Eskimo nicht mit einem Wort für Schnee auskommen, so wie etwa jedes zweite lateinische Wort eine Form des Tötens beschreibt, und so wie die Juden zur Zeit Christi mit ihrem Aramäisch mit etwa hundert wichtigen Wörtern auskamen, wovon mindestens 30 ein Synonym für „Schuld“ waren, so haben wir Österreicher auch ein großes Fachvokabular für alles, was mit dem Gebirge zu tun hat. Zwei davon, auf die ich an dieser Stelle näher eingehe, sind wandern und bergsteigen.

Was ist Bergsteigen?

Vielleicht ist nicht jedermann der Unterschied zwischen Wandern und Bergsteigen geläufig. Das Wort „wandern“ gebrauche – zumindest – ich sehr selten. Wenn, dann für Wanderungen durch eine flachere Landschaft, allenthalben noch Klammwanderungen. Viel eher findet die Phrase „auf den Berg gehen“, oder authentischer „am Berg gehen“ Verwendung. Damit ist gemeint, dass man einfach entlang der vorgefertigten Pfade über Stock und Stein läuft, so wie Gott es einst dem Flachländer zugestanden hatte. Ein Spaziergang in und durch die Natur, in einem recht sicheren Rahmen. Das größte Risiko geht man ein, wenn man seinen Müll in der Gegend liegen lässt oder aus Unachtsamkeit eine geschützte Pflanze pflückt. Im ersten Falle wird man zumeist von alten Männern mit großen Traktoren, die plötzlich hinter dem nächsten Baumstamm hervorgeschossen kommen des Berges verwiesen (wenn man Glück hat). Im zweiten Falle hat die Regierung dafür gesorgt, dass sich 2000€ selbstständig an die Justiz überweisen, sowie man die Finger um den Stängel einer Glockenblume o.Ä. gelegt hat.

Bergsteigen hingegen beinhaltet, dass man von den üblichen Pfaden abweicht. Ein anderes Schlagwort für Bergsteigen ist übrigens der sogenannte Alpinismus. Seit dem 18. Jahrhundert gibt es Belege von tapferen Gipfelstürmern, die Gipfel tapfer stürmten. Das scheint etwas Urösterreichisches sein, denn wir gaben anderthalb Jahrhunderte keine Ruhe, bis wir nicht jeden Gipfel als tapfer erstürmt bezeichnen konnten – manch einer könnte eine Korrelation mit der österreichischen Streitkultur und dem Gipfel der Frechheit sehen, aber das sind selbstverständlich nichts als haltlose Unterstellungen. Übrigens, so erklärt sich auch der tief verwurzelte Monarchismus in unserem kleinen, feinen Land – denn als es noch groß und unfein war, sahen wir noch unbestiegene Gipfel in den Karpaten, im Balkangebirge et cetera, die uns heute natürlich fehlen.
Bergsteigen bedeutet: keine gesicherten, festgetretenen Pfade mehr. Man erklimmt steile Wände, kraxelt über Felsbrocken, schlägt Haken in den Fels, hängt an einem Seil über dem Dach der Welt. „Warum“ fragen Sie?
„Darum!“ antworte ich.
Um Kennedy zu zitieren: „Wir tun es nicht, weil es einfach ist, sondern weil es schwer ist!“ Nichts schlägt das Gefühl, das man erhält, wenn man ein Massiv nur durch die Kraft seiner eigenen Arme und Beine, der Stärke seines Geistes und seiner wohlpräparierten Ausrüstung bezwungen hat. Keine Ekstase kommt diesem Rausch gleich. Bergsteigen ist eine Droge, und macht süchtig. (Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte den Aufdruck auf ihrem Bergschuh und fragen Sie ihren Arzt oder Almbauern.)
Doch das Gebirge gleicht einer Sirene: Es ruft verführerisch, sieht betörend aus, und ist doch tödlich, wenn man einen Fehler begeht. Denn der Berg verzeiht keine Missgeschicke. Wie der brutalste und unpädagogischste Oberlehrer der Welt straft er jeden Fehltritt. Teilweise ist das eigene Leben der Preis.

Österreicher und Deutsche sollten sich von Tirol fernhalten.Die meisten Unfälle geschehen beim Bergsteigen, dicht gefolgt vom Skifahren. Das ist vergleichsweise logisch: Im Sommer macht man das eine, im Winter das andere. Wenn man im Sommer Ski fährt und im Winter bergsteigt, dann hat man den Unfall eigentlich verdient. Die meisten Opfer am Berg sind Männer, Österreicher und österreichische Männer. Nicht zwingend in dieser Reihenfolge. Interessanterweise aber folgen uns die Deutschen eben auf den Fuße und okkupieren den zweiten Platz in Unfallzahlen. Ich meine, es ist kein Wunder, sagen doch böse Zungen den Deutschen eine Neigung nach, mit Sandalen ins Hochgebirge zu latschen, aber die meisten Unfälle geschehen vor allem aus einem Grund: Selbstüberschätzung.
Ich bin mir bewusst, dass beispielsweise viele Raucher nach der Prämisse handeln: „Es führt nur ein Weg zur Lunge und der gehört geteert.“, aber bitte versucht dann doch nicht gleich den Traunstein zu besteigen. Schwangere, alte Menschen ohne Bergerfahrung, Kinder und die hippe Jugend von heute mit MP3-Player und zwei Bierchen intus gehören nicht auf den Berg. Auch die Flachländer, bei denen eine Fahrt oberhalb von 50 Höhenmetern schon ein Abenteuerurlaub durch die Rocky Mountains, wird tunlichst von ausschweifenden Bergexkursionen abgeraten.
Besagtes Klientel sollte nach Italien, beispielsweise zum Gardasee fahren, der inzwischen durch die vielen Österreicher dort schon fast zu unserem Staatsgebiet gehört.

Ab in’s Freie!

Okay, jetzt ist lang und breit über Bergsteigen, Wandern, das Gute, das Schlechte und das Hässliche berichtet worden. Doch wohin also, wenn die Natur stärker ruft als der Arbeitgeber und der Urmensch in einem grölend durch die Wälder streifen möchte? Jede Nation hat da ihre präferierte Lösungen, und im Falle von uns Österreichern ist das zweifelsohne der Berg. Oder der Wald. Oder der Donauradweg. Oder der Wiener Prater – die Go-To-Lösung für Adrenalinjunkies, die gerne das Risiko ausleben.
Grosso Modo also muss es nicht immer direkt ins Gebirge gehen. Das wunderschöne Salzkammergut bietet zum Beispiel eine Alternative für die, die lieber an einem See liegen würden, gute Küche genießen, die herrlich unfreundliche Bedienungskultur Österreichs erleben und insgesamt eine entspannte Zeit haben möchten. Und genau darum geht es:
Bergsteigen ist etwas eigenes. Für manche ist es keine Option, für manche ist es genau das richtige. Das Gefühl, unter strahlend blauem Himmel Berge zu besteigen, nur auf sein Seil, seine Hände, seinen Partner und die Bergrettung vertrauen zu können ist unbeschreiblich. Ein Streifzug durch die Natur, für diejenigen, die sich fordern wollen, die ihre Grenzen ausloten wollen. Genau das ist bergsteigen für mich. An dieser Stelle übrigens eine Aufforderung an all diejenigen, die diesen Text im Moment zu Hause an ihrem Schreibtisch, der Schule oder auf ihrem Arbeitsplatz (löblich!) oder unterwegs per Smartphone lesen: Wann waren Sie das letzte Mal so richtig draußen? Nicht so halb und auch kein Viertel, sondern wirklich mit Leib, Seele und Steinchen im Schuh viele Kilometer von der Zivilisation entfernt auf Wanderschaft? Oder an einem See, dem Meer, oder dem Wald oder eben dem Berg? Es gibt so vieles zu erleben und entdecken. Angeblich soll es in manchen Teilen des Zauberlandes „Bayern“ noch gänzlich vom Menschen unberührte Völker geben, die sich ausschließlich von Bier, Weißwurst und Brezel ernähren, und einem eigenen heidnischen Kult um die sogenannte „CSU“ dienen!
Und was für Geschichten könnte man erst erzählen, würde man sich an die Ost- oder Nordsee wagen. Die ganzen Sorgen des Alltags hinter sich lassen und das Wochenende einfach mal dazu nutzen, die Arbeitswoche zu beenden (steckt ja eigentlich so im Namen drinnen, hm?) um wirklich den Urmensch in sich zu erwecken. Zwei Tage später kann man ihn sowieso wieder im hintersten Winkel seiner Persönlichkeit einschließen und den Kollegen daheim von den verregneten Scheißtagen im Freien berichten.
Man sollte bloß aufpassen, dass man bei dem ganzen Urmenschen-Erwecken nicht den Menschen vergisst, und wie Rambo auf Parkplatzsuche durch die Natur prescht. Denn dann hat man sich schneller eine Verletzung zugezogen, als ein bekennender Fan von Borussia Dortmund unter den Anhängern aus Rostock.

Aber selbst für den Fall einer Verletzung ist Österreich, die erneute Lobhudelei sei mir verziehen, gut gerüstet: Auch für all diejenigen, die nach jahrelanger Pause plötzlich wie von der Tarantel gestochen aus ihren Häusern gekrochen kommen und überrascht feststellen, dass der Schilling keine legitime Währung mehr ist, aber das unbändige Verlangen verspüren, auf den Berg zu rasen – so wie ich – und dabei kläglich scheitern – auch so wie ich – die können eine fantastische Erstversorgung im lokalen Krankenhaus genießen. Das Essen ist zwar so lala, aber mit einem hübschen Zimmergenossen, freundlichen Schmerzmitteln und starken Krankenschwestern wird das Ganze sehr viel erträglicher. Oder umgekehrt. Fünf Sterne für’s Service, die Beinamputation war hervorragend, nächste Woche am liebsten nochmal!

P.S: Sollte ich mit diesem Machwerk Gelüste nach dem Gebirge geweckt haben, so bin ich höchsterfreut! Allerdings möchte ich das, besonders im Hinblick auf unser Publikum aus den flachen Ländereien, noch einmal betonen, dass man sich unter keinen Umständen jemals in die Berge begeben darf, sofern man keine Erfahrung hat. Das betrifft alles, Wandern wie Skifahren wie Bergsteigen. Die Berge sind nicht minder gefährlich als das offene Meer – aber sie sind Teil der Landschaft, weswegen man ihnen automatisch etwas weniger vorsichtig begegnet.
Immer im Vorfeld über die Gegebenheiten informieren. Gutes Equipment, ein Partner und schönes Wetter sind ein Muss! Vor dem Aufbruch sollte man Bezugspersonen mitteilen, was man vorhat und wann man zurück zu sein gedenkt, damit diese im Zweifelsfalle Alarm schlagen können – in den Bergen hat man verhältnismäßig schlechtes WLAN.
Anbei ein paar Links für die Interessierten, um das Wissen aufzufrischen.
Grüße vom Berg!

http://www.alpinesicherheit.at/de/fibeln/
http://www.bergsteigen.com/klettern
http://www.bergsportfuehrer-tirol.at/tirol/downloads/dokumente/Ausruestungsliste_Guesteseite_BGSF.pdf
http://www.at-reisen.de/service/hoeheninfo.html
https://www.sportalpen.com/tipps-unfall-berg.htm

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