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Wieso, Weshalb, Warum… Das Radio offenbar wirklich krank ist

Autor: D. E. Orange 10. Juni 2018

Vor etwas über einem Monat schrieb ich an dieser Stelle einen Artikel, in dem ich mich über die meiner Meinung nach nachlassende Qualität im öffentlich-rechtlichen Hörfunk am Beispiel des WDR ausließ.

In den Tagen nach Veröffentlichung dieses Textes erreichten mich einige Reaktionen, die zum allergrößten Teil positiv waren. Von mehreren Seiten aus wurde mit nahegelegt, in der Sache doch ein wenig nachzuforschen, denn hier würde man sicherlich auf sehr unschöne Dinge stoßen. Meine Neugierde war geweckt. Ich habe mich durch andere Kritiken gewälzt, Nachforschungen angestellt und mit Insidern aus WDR-Kreisen gesprochen. Das Ergebnis ist der nun folgende Text.

Ein Gedankenspiel…

Stellen Sie sich vor, Sie leiten ein großes Unternehmen mit einer gewaltigen Infrastruktur aus Mitarbeitern, Kontakten und einem hohen Millionenetat zu Ihrer freien Verfügung. Ihre Konkurrenz besteht aus einem Haufen von lokal agierenden Halbamateuren, der irgendwie mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Und trotzdem schauen Sie irgendwann auf die Marktanteile und stellen fest, dass Sie – obwohl Ihr eigener Etat mehr als ein vierfaches dessen beträgt, was Ihre Konkurrenten gemeinsam aufbieten können – auf ganze 54% vom Kuchen der Kundschaft kommen.

An dieser Stelle haben Sie zwei Möglichkeiten, was Sie tun könnten:
Möglichkeit 1: Sie nutzen Ihre Ressourcen und ihren Vorsprung an Geld und Manpower und schrauben Ihre Qualität und ihr Gesamtangebot in Regionen, die Ihre Konkurrenz niemals erreichen kann.
Möglichkeit 2: Sie denken sich „Hm. Irgendwas machen die kleinen Scheißerchen da unten wohl richtig.“ und beginnen, eine Ihnen eigentlich unterlegende Konkurrenz zu kopieren.

Wenn Sie ein motivierter, Qualität und Eigenanspruch zugeneigter Unternehmer sind, ist Ihre Entscheidung hier eigentlich recht einfach – Natürlich wählen Sie Möglichkeit 1. Keine Frage, oder?

Tja. Außer natürlich, Sie sind Verantwortlicher beim WDR-Hörfunk. Dann verpulvern Sie Ihren jährlichen, dreistelligen Millionenetat, um wie die fast bankrotte Konkurrenz zu klingen. Warum? Eine gute Frage.

Statistik! Ich höre immer nur „Statistik!“

Statistiken sind etwas wunderbares, wenn man sie auslegen kann, wie man es gerade braucht. Laut einer Statistik ist jeder sechste Mensch auf der Erde Chinese. Gucke ich jedoch aus dem Fenster, sehe ich keinen einzigen. Ergo stimmt die Statistik nicht. Jede Statistik ist immer nur so klug wie der Mensch, der sie analysiert, auf seine Situation herunterbricht und dann seine Schlüsse daraus zieht.

Und so zog der WDR aus seinen gegenüber dem Lokalradio vergleichsweise schlechten Zahlen einen folgenschweren Schluss: Um stärker als das Lokalradio abzuschneiden, muss man sich dem Lokalradio angleichen, denn offensichtlich wollen die Leute genau so etwas hören. Immerhin sagen dies ja die Statistiken. Und etwas anderes ist ohnehin nicht von Belang. Statistiken sind das Futter jedes Programmgestalters. Einen anderen Beleg als die Zahlen, die ein Marktforschungsunternehmen regelmäßig in die Chefetagen der Sender mailt interessieren hier eigentlich niemanden. Diese Zahlen sind allwissend und geben vor, wie der Sender und sein Programm auszusehen haben. Das Ergebnis ist dann eben ein Dudelfunk, dem nahezu jeder höhere Anspruch genommen wurde. Dies hat durchaus seine Methode und seine Gründe. Es hat etwas damit zu tun, wie WDR und Konsorten sich selbst und die Leute draußen vor den Radio wahrnehmen. Ich möchte die Dinge, die mir in diesem Zusammenhang dargelegt wurden, in der Folge ein wenig erläutern und erklären. Spoiler-Alert: Jeder, der bis jetzt noch einen Funken Hoffnung hatte, wird bitter enttäuscht werden.

„Arm und Dumm“-Reloaded

Erinnert sich noch jemand an die öffentlich gewordene Aussage des damaligen ProSiebenSat1-Chefs Thomas Ebeling aus dem vergangenen Herbst, als Ebeling in einem Telefonat mit Analysten die Kernzielgruppe seines Sendeunternehmens als „Menschen, die ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm sind, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen“ bezeichnete? Wie groß der Aufschrei doch war! Ebeling beleidige seine Zuschauer! Ein No-Go! „So denkt das Privatfernsehen also über seine Konsumenten!“  schallte es aus allen Richtungen. Die Konsequenzen für Ebeling ließen nicht auf sich warten: Er musste vorzeitig von seinem Posten zurücktreten. Die Welle der Entrüstung ebbte jedoch bald schon ab. Übrig blieben die paar Versprengten, die ohnehin immer schon der Meinung waren, das Privatfernsehen halte seine Zuschauer inzwischen für Idioten. Business as usual.

Ein Einzelfall? Mitnichten. Stellen Sie sich mal vor, eine Programmverantwortliche des WDR würde intern die Zielrichtung ausgeben, das Rundfunkprogramm auf ein pauschal als dumm und desinteressiert angenommenes Publikum auszurichten. Auf eben jene Menschen, die Thomas Ebeling so schön als sein Kernpublikum beschrieb. Finden Sie, dass dies eine Sauerei ist? Nun, genau dies ist aber die Annahme, unter der die Programmreform des WDR durchgeführt wurde.

Vorhang auf für Andreas, Susanne und Valerie!

Valerie Weber ist seit Mai 2014 Hörfunkdirektorin des WDR. Die heute 52-jährige Weber kam von Antenne Bayern und hatte zuvor eigentlich ausschließlich für Lokalradioformate gearbeitet  Frau Webers Zielsetzung ist klar: Steigerung der Quoten auf Biegen und Brechen. In Bayern hatte sie dies geschafft. Ihre Methoden waren dabei recht klar gegliedert: Totale Kommerzialisierung des Programms und Einpassung in ein striktes, glattgebügeltes Wohlfühlprogramm mit möglichst wenig Ausschermöglichkeiten. Die musikalische Vielfalt wurde stark reduziert, ebenso die journalistische Freiheit der Moderatoren. Von der Redaktion vorbereitete Beiträge verlesen musste für die Moderatoren ja wohl genügen. All dies ist weder neu, noch ein Insidergeheimnis. Das steht bei Wikipedia. Lesen Sie selber nach, wenn Sie es mir nicht glauben. Der WDR wusste also genau, was er bekommen würde, als er Valerie Weber zur Hörfunkdirektorin ernannte. Dies ist jetzt vier Jahre her. Und all das, was Valerie Weber in Bayern durchsetzte, setzte sie auch Eins zu Eins im Westen um. Wie ein Uhrwerk. Frau Weber ist ein Profi des kommerziellen Medienzirkus, ein statistikaffiner Roboter, frei von kulturellem Anspruch oder journalistischem Denken, dessen zweifelhafter Erfolg auf eine eher bedenkliche Mischung aus Fatalismus, Nihilismus und einer gehörigen Prise Schubladendenkens basiert.

Beispiel? Klar! Kennen Sie Susanne und Andreas? Dies sind der Leitschiene des neuen WDRs nach die durchschnittlichen WDR 2-Hörer. Susanne und Andreas leben in NRW, sind im mittleren Alter, haben Familie und interessieren sich nicht für höhere Zusammenhänge aus Welt und Politik, sondern nur für ihren Alltag und was sie direkt betrifft. Also das Wetter, den Verkehr und  vielleicht ob die Kitas streiken. Aber das sollte reichen. Redaktion, Moderation und Programmgestalter sollten sich nun vor jedem Arbeitsschritt fragen, ob die kommenden Programmpunkte Andreas und Susanne gefallen würden. Ein Bericht über die Zustände in Favelas nahe Sao Paulo? Meh. Das interessiert Andreas und Susanne nicht. Das ist weit weg und man kann über Armut und Bandenkriminalität nicht schmunzeln. Aber hey – Ein Bericht über zwei Pelikane, die eine Collegeveranstaltung in Florida durch ihre Anwesenheit gestört haben? Haha! DAS ist ein Knaller. Tiere gehen immer! Da geht Susanne und Andreas das Herz auf – Aufbauschen und senden!

Sie halten das für weit hergeholt? Tja. Der Pelikan-Bericht lief vor wenigen Wochen als Aufhänger im WDR-Mittagsmagazin. Gern genannter Arbeitstitel dieser Sendung: „Fakten und Hintergründe“. Oder zumindest das, was zwei tumbe Gestalten namens Susanne und Andreas für Fakten und Hintergründe zu halten haben.

Für den Westen bloß nichts Neues!

Wer sich an dieser Stelle fragt, ob man sich als gut ausgebildeter und weitgereister Auslandskorrespondent nicht ziemlich dumm vorkommt, wenn man am Ende solche Berichte senden muss – Natürlich ist das so. Die Auslandskorrespondenten des WDR hängen mehr und mehr in der Luft. Natürlich gibt es sie noch, all diese wunderbaren Reportagen aus fremden Ländern, über Kulturen und Ereignisse, von denen wir in Deutschland nie gehört haben und wirklich was verpasst hätten, hätten wir es niemals erfahren. Natürlich gibt es sie noch, diese Reporter alter Schule, die leidenschaftlich an Berichten arbeiten, die sie und den Hörer zugleich interessieren und faszinieren. Es gibt sie sogar in Hülle und Fülle. Nur leider haben sie keinen Platz mehr im nun entstanden System. Weil man dem Zuhörer nicht mehr zumuten will, einem vielleicht gar fünfminütigen Bericht über ein etwas komplexeres Thema irgendwo in der Welt zu folgen. Man nimmt gar an, der Hörer würde dies überhaupt nicht können. Es hat schon seinen Grund, wieso Wortberichte zunehmend eingekürzt werden und Hintergründe wenn überhaupt in einem höchst oberflächlich gehaltenen Interview in 2-3 Minuten und 2-3 Fragen abgefrühstückt werden: Mehr verstehen die Schubladenfiguren Andreas und Susanne nicht, also macht es auch keinen Sinn, sich tiefergehend mit einem Thema zu beschäftigen. Vor allem, weil solch tiefergehende Dinge auch völlig den erwünschten Programmfluss stören würden.

Sie sehen hieran vor allem eines deutlich: Die geänderte Einschätzung hinsichtlich des Naturell des Hörers hat auch zu einer veränderten Selbsteinschätzung des Senders selbst geführt. Das Radio von heute sieht sich nicht mehr als Informationsmedium und kleines Tor zur Großen Weiten Welt für seinen Hörer, sondern nur noch als reines Begleitmedium für den angenehmen, aber öden Alltag, welches sich um sich selbst drehend in Banalitäten ergießt. Chronistenpflicht und Journalistenehre früherer Tage sind nicht mehr gefragt. Oder zumindest im strategischen Konzept von Valerie Weber nicht vorgesehen.

Ganz nah dran und völlig daneben

Vom Sender selbst wird diese Neufokussierung freilich anders verkauft. Man möchte „Nah am Hörer“ sein, was bedeutet, dass man sich auf „sein Niveau herab begibt“ und die Dinge thematisiert, die diesen Hörer in seiner Region selbstverständlich interessieren. „Wir sind der Westen!“, wie es so schön heißt. Es suggeriert ein Zusammenheitsgefühl von Sender, Hörern und Region – Ist aber nichts weiter als eine dreiste Lüge.

Führen Sie sich noch einmal vor Augen, wie die Informationslage und die primären Moderationsthemen im regulären Programm der Haupfinformationswelle WDR 2 im Regelfall heute aussehen: Es sind Plaudereien übers Wetter, Fitnessprogramme, den Stau auf der Autobahn oder den Tatort am Vorabend, verpackt in einem Haufen schmieriger Glückseligkeit und ein paar Schmunzlern im Abgang. Banalität in einer Brachialität kolossalem Ausmaßes. Derart kolossal, dass selbst die vielbeschworenen Regionalbezüge dabei völlig über die Planke ins seichte Meer der Wohlfühlberieselung gejagt werden. Dem WDR gelingt es in der Tat, das Programm derart zu banalisieren, dass er es ohne Änderung in Hamburg, München und Dresden senden könnte. Es würde überhaupt nicht auffallen. „Wir sind der Westen, Osten, Norden, Süden. Uns doch egal. Regnets gerade eigentlich? Welche Übergangsjacke sie tragen sollten, erklären wir Ihnen nach Mark Forster!“  Das Programm muss emotionalisieren, nicht informieren.

Und wo wir schon bei Mark Forster sind – Was denken Sie, wieso die Musikauswahl von WDR 2 und dem Lokalfunk sich so erstaunlich ähnelt? Ganz einfach: Es existieren Absprachen darüber. Wie schlimm wäre es denn, wenn es leicht einschaltbare Alternativen gäbe? Schlimm wäre das. Es würde ja völlig die angestrebte Austauschbarkeit stören.

Die absurde Mär vom Mood-Management

Ja, Austauschbarkeit ist die neue Tugend. Diese Tugend wird intern geschult und vermittelt. Dies beginnt in der einheitlichen Programmgestaltung und wird weitergeführt im Briefing der Moderatoren.

Der Moderator von heute ist nur ein kleines Rädchen im System, aber doch ist er das Bindeglied zwischen Sender und Hörer. Seine stilistische Interpretation der Sendung prägt im Endeffekt auch einen großen Teil der Hörerwahrnehmung. Der Moderator und seine Stimme bilden quasi das Schaufenster des Senders. Natürlich weiß man das auch beim WDR. Entsprechend werden die Moderatoren ebenfalls darauf getrimmt, der Senderphilosophie brav zu folgen. In intensiven Schulungen wird den Moderatoren heutzutage eingeimpft, sich selbst nicht mehr als Journalisten, sondern als Gefühlsvermittler- und Steuerer zu sehen. Intern wird diese Art von Moderation als „Mood-Management“ bezeichnet. Was dies bedeutet: Den Hörer sanft berieseln, Interesse für seine noch so banalen Sorgen und Nöte imitieren und den Programmablauf möglichst locker über die Zeit bringen. Auch eine inhaltliche (und manchmal gar stimmliche) Annäherung der Moderatoren aneinander ist absolut erwünscht. Ohnehin hat der Moderator bei WDR 2 nur einen kleinen Anteil an Ellenbogenfreiheit, was seine inhaltliche Programmgestaltung betrifft. Der größte Teil (ca. 70%) wird am Vortag von der Redaktion vorgegeben. Für die einen Moderatoren ist dies ein Problem. Für andere weniger. Vor allem die ehemaligen 1Live-Moderatoren, die den Stil der seichten Unterhaltung dort bereits gut kannten, arbeiten nach diesem Schema und in diesem Gefühl eigentlich völlig ohne es überhaupt einmal hinterfragen zu wollen. Mit Ihnen wurde daher ein Generationswechsel in der WDR-2-Moderatorenriege vorangetrieben, während einige der alteingesessenen Moderatoren, deren grundsätzlicher Stil nicht mehr den Erfordernissen der neuen Zeit genügten, geschickt abgeschoben wurden.

Ein Ritt auf der Fremdschamskala

So hören wir nun, was wir heute täglich erdulden müssen. Das Paradebeispiel ist die morgendliche Eineinhalb-Moderation, die schon seit ihrer Einführung Gegenstand der Kritik ist, auch weil im Endeffekt bis heute nicht wirklich klar ist, wie man im laufenden Programm mit der Kombination „Moderator/Sidekick“ umgehen soll. Man hat sich darüber keine rechten Gedanken gemacht. So ist nun seit mittlerweile fast zwei Jahren jeden Tag zu hören, wie zwei Moderatoren mit klarer Wertigkeitsabstufung sich durch den Morgen kalauern und sich zwischen Stauschau und sich im überregelmäßigen Takt wiederholender Wetterstandsmeldungen um einen arg befremdlichen Smalltalk mit Fremdschamzwang bemühen. Dies ist in vielen Facetten derart peinlich, dass selbst aktuelle und frühere Mitarbeiter des WDRs es sich nicht mehr anhören können und wollen. Und doch kam der schlimmste Ausschlag auf der nach oben offenen Lothar Matthäus-Skala für kollektives Fremdschämen nicht aus dem Morgenprogramm; Hierfür sorgte eine Moderatorin des Mittagsmagazins, die einen Bericht über den Besuch des Bundespräsidenten im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz sinngemäß mit den Worten ankündigte, Herr Steinmeier hätte einen Termin, der nicht vergnügungssteuerpflichtig sei.“. Rumms. Es purzelt das Porzellan. Alltag in der neuen Heimat der zwanglosen Denkfäule.

Quo vadis, Radio?

Das Vorbild für diese Art von Mediengestaltung ist übrigens auf der anderen Seite des Atlantiks zu finden. In den USA ist man mit der Zeit ebenfalls dazu übergegangen, den Hörer maßlos zu unterschätzen und auf sein kleines, auf sich zentriertes Weltbild zu reduzieren. Gehören auch Sie zu den Menschen, die sich immer gefragt haben, warum man in den Vereinigten Staaten oft so wenig über den Tellerrand blickt? Wieso es Menschen in Texas nicht interessiert, wie man in Philadelphia denkt oder was man dort tut? Vom Ausland ganz zu schweigen? Hier haben Sie die Antwort. Es ist der gleiche Teufelskreis, der sich nun in unseren Radioprogrammen niederschlägt. Es ist die tödliche Reduzierung von Menschen auf Schubladen. Auf Rollenbilder, die dümmere und einfältigere Abziehbilder einer Realität darstellen, die sich in Klischees und Statistiken aber schlicht und ergreifend nicht darstellen lässt. Mit der Folge, dass man irgendwann wirklich eine Generation von Menschen herangezüchtet hat, die diesem Klischeedenken tatsächlich entspricht. Aber dann ist das Kind endgültig in einen Brunnen gefallen, der tiefer ist, als man es sich heute vorstellen mag. Ich persönlich kann auf eine solche Zukunft in Deutschland gern verzichten, obgleich der Alltag in den sozialen Medien und auch außerhalb dessen mir schon lange zeigt, dass diese Zukunft faktisch bereits begonnen hat. Leider.

Aber wir Hörer sind auch nicht unschuldig an der Misere. Die vielzitierten Statistiken sagen nämlich noch immer, dass alles gut ist, wie es geworden ist und keinerlei Handlungsbedarf bestünde. Tatsächlich sind die Hörerzahlen von WDR 2 seit der Programmreform sogar leicht gestiegen, was vom Sender als absolute Bestätigung seiner Entscheidungen wahrgenommen wird. Sieht man sich jedoch nun an, woher diese neuen Hörer kommen, sollte man dieses Bild eigentlich revidieren. Die neuen Hörer sind nämlich größtenteils von 1Live herübergewechselt und sinnbildlich gesehen der Moderatorenwanderung gefolgt. Es ist also kein Hörergewinn, sondern eine hausinterne Verlagerung, die der Sender sich selbst aber dennoch als Erfolg verkauft. Quasi als würden wir den Inhalt unserer Küche ins Wohnzimmer werfen und uns dann darüber freuen, dass die Küche so herrlich aufgeräumt wirkt.

Und doch, man lebt gut mit der Programmreform. Tatsächlich hatte sie für den Sender bislang nur positive Konsequenzen, denn der Hörer schaltet trotzdem ein. Er tut es zwar quengelnd, leidend und häufig mit dem Kopf auf der Tischplatte, aber er tut es. Natürlich gehen Beschwerden ein, aber warum sollten sie jemanden kümmern? Der Hörer wird nicht ignoriert, aber erst recht nicht ernst genommen. So lange er einschaltet – und das tut er ja, sagen die Statistiken, ist alles super.

Wenn Sie, lieber Hörer, also wirklich wollen, dass sich beim WDR etwas ändert, dann wissen Sie, was Sie tun müssen: Beschweren Sie sich nicht auf den hoffnungslos in den Kuschelmodus versunkenen Social-Media-Accounts des Senders (Das ist, als würden sie ein Kaninchen auffordern, den Klimawandel aufzuhalten. Es ist selbst davon betroffen, aber wird nichts ändern können, selbst wenn es Sie verstehen wollen würde.) und starten sie auch keine Petition, die dem WDR sagen soll, dass er den Bogen überspannt. Und seien Sie bloß nicht Andreas und Susanne und lassen sich von Programmen leiten, die Sie nicht hören wollen. Wenn Sie wirklich unzufrieden sind über den WDR und ihn dort treffen wollen, wo es ihn interessiert, dann versauen Sie ihm die Statistik und schalten Sie nicht mehr ein. So einfach ist es. Traurig, aber wahr. Wie so vieles im Leben.

Außer natürlich, sie sind ein reiner WDR-Hörer. Dann ist nämlich alles prima. Zumindest, wenn in Ihrem Kleiderschrank die passende Jacke für jedes Wetter hängt und Sie gute Laune haben. Alles andere ist ja nun wirklich sekundär. Oder etwa nicht?

6 Kommentare

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Magnus Larsson 10. Juni 2018 - 12:12

Konsequente, bissige und pointierte Weiterführung des ersten Artikels. Das strategische Trauerspiel beim WDR wird toll anhand der teils direkten Einblicke offengelegt. Leider ist die beschriebene Entwicklung jedoch nicht alleine auf den WDR zurückzuführen, sondern zieht sich wie ein Faden der Ignoranz durch die gesamte Medienwelt, in der man seinen „Konsumenten“ das Denken nicht mehr zumuten möchte.

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D. E. Orange 10. Juni 2018 - 12:15

Das ist natürlich korrekt. Aber ich finde das Problem wesentlich anschaulicher dargelegt, wenn man ein konkretes Beispiel zerlegt.

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Ray Zacharias 13. Juni 2018 - 12:21

Absolut schlüssige Analyse. Die aktuellen Moderatoren sollten das lesen und den Aufstand wagen gegen diese Radio-Katastrophe von Burow & Weber. Aber die werden keinen Ar… in der Hose haben und alles schlucken, was ihnen vorgesetzt wird. Problem ist die niveaulose schweigende Masse, die so ein Programm wegen mangelnder Alternative jeden Tag einschaltet, auch wenn die kritischen Stimmen von Woche zu Woche zunehmen.

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Geht Dich nix an ! 13. Juni 2018 - 18:18

Linksradikale dumme gequirlte Scheisse ! Außer ein paar linken und Grünen Wähler ist jeder normale Mensch droh, dass Kommunistenfunk ala DDR1 und 2 heute außer beim RBB nicht mehr stattfindet, womit wir beim Thema wären: Radio Eins ist Elitefunk, wie es sich der linke Autor wünscht, für mich ist das Kifferfunk übelster Sorte wie es ihn hoffentlich bei WDR und auch NDR nie wieder geben wird, denn die Programme von WDR und NDR sind hervorragend so wie sie sind. Vielleicht sollte der Autor mit seinen linksextremen Ansichten nach Berlin ziehen, dort wär er unter seines gleichen und hätte die passenden Müllprogramme Eins,Fritz etc. vom RBB dazu !

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D. E. Orange 13. Juni 2018 - 18:47

Wow. So oft das Wort „links“ in einem wirren Kommentar auf einen Artikel ohne wertpolitische Aussage verwenden können nur echte Elite-Krieger. Gut, dass eine meiner Quellen mir wortwörtlich sagte, das heutige Radioprogramm würde „durchaus bewusst die intellektuell anspruchslosere Klientel fischen, was lustigerweise auch die AfD täte“. Ich habe dieses Zitat bewusst rausgelassen, finde es aber wirklich äußerst witzig, dass Sie es ungefragt bestätigen. Danke dafür. Mit einem herzlichen „Alerta! Alerta!“ – Ihre linke Scheißratte.

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Slow 21. Dezember 2018 - 13:55

Sehr guter und wichtiger Artikel!!! Ich habe mich am Dienstag offiziell mit einer E-Mail an die WDR2-Redaktion vom WDR verabschiedet und höre ihn seitdem nicht mehr. Und das nach 45 Jahren!!! Der Entzug ist hart, weil man doch die aktuelle Qualität nicht wahrhaben wollte und glaubte, es müsse nun etwas im Leben fehlen. Leider Fehlanzeige! Teste seit 2 Tagen Radio Vest. Ich habe mir wirklich von Herzen gewünscht, ich hätte einen größeren Unterschied zu WDR 2 wahrgenommen. Naja so ganz stimmt das dann auch nicht: die Musik von Radio Vest ist heterogener, die Moderatoren sind ernster und ich verspüre so etwas wie Lokalkolorit. Das Informationsniveau ist jedoch auch sehr flach. Ich habe dann heute eine freundliche Antwort per E-Mail erhalten:
„Sehr geehrter Herr xxx, vielen Dank für Ihre kritische Auseinandersetzung mit unserem Programm. Wir haben Ihre Beschwerde an die zuständige Redaktion weitergeleitet.“
Auf Wiedersehen Kohle, auf Wiedersehen WDR!

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