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Pokémon GO – ist das noch was?

Autor: Ewok 29. Juni 2018

Sogar schon die Nachfolgegeneration – aber immer noch mit vergleichsweise banaler Grafik.
CC BY-NC 2.0, Matt

Alte Semester erinnern sich womöglich noch daran, wie Grundschulkinder mit einem klobigen, 25 kg schweren Klotz auf dem Hof rumliefen, ein ellenlanges Kabel dabei hatten und sich gegenseitig Codewörter wie Schiggy, Mewtu und Aquaknarre zuriefen. Was auch gut die Kosewörter für die mittlerweile schon in den Unterstufen aktiven Mafiamitglieder sein könnten, sind in Wahrheit Namen für Pokémon und Attacken. 1999 kamen die ersten Spiele nach Deutschland, nachdem sich in Japan irgendwer vorstellte, wie es wäre, wenn ein Hirschkäfer und eine Spinne gegeneinander kämpfen könnten. Godzilla für Arme, irgendwie. Aber es war megaerfolgreich.

Zusammen mit den Spielekonsolen entwickelten sich auch die Pokémonspiele, sodass es mittlerweile neunundzwanzig bzw. dreißig Spiele der Hauptreihe gibt – je nach Zählweise. Und obwohl das Prinzip immer gleich blieb, ließ sich damit immer irgendein Gewinn abschöpfen: Nintendo hatte einen legalen Weg gefunden, Geld zu drucken. Dass das nicht ausreicht, weiß jeder, der mal was von BWL gehört hat. Geld muss schneller reinkommen, als es gedruckt werden kann. So kam man auf die Idee, Pokémon GO zu entwickeln.

Mehr Geld macht mich glücklich

Schlaue Leute benutzen ein Fahrrad. Wobei…wenn man zu schnell fährt, werden die Eier nicht ausgebrütet. Lieber langsam fahren.
CC BY 2.0, Jill Carlson

Pokémon GO erschien im Sommer 2016 für Handys und Tablets, die kein Blackberry oder Windows Mobile Phone waren. Für die war bereits Hopfen und Malz verloren. Im Kern geht es darum, dass die Spielenden mal ihre vier Buchstaben vom Sessel erheben und ihren Fuß vor die Tür setzen. Dort konnten sie mittels GPS-Daten die mutierten Hirschkäfer und Spidermen Spinnen mit Pokébällen fangen.

Es begann ein Hype um die kleinen Viecher: Jeder, der ein funktionierendes Handy hatte, wollte das Spiel spielen, das mehr Akku in einer Stunde saugte als fünf Stunden WhatsApp, Telegram, Threema und Skype zusammen auf einmal. Alle wollten zu Pokéstops oder Arenen laufen – vom Spieleentwickler festgelegten Punkten in der Innenstadt, wo man Pokébälle und andere Gegenstände bekommen kann. Dass diese dann halt mitten auf der Straße sein können und die ganzen Spieler die Kö in Düsseldorf verstopfen – drauf geschissen.

Pixel auf Pixel schmeißen
CC BY-ND 2.0, Bennilover

Überall überschlugen sich die Medien mit Meldungen, wie Personen auf der Suche nach einem Pikachu, Chaneira oder Glumanda auf fremdes Privateigentum begeben oder während des Autofahrens Pokémon spielen. Während Letzteres durch Updates der Hersteller verhindert wurde, löste sich das erste Problem schon dadurch, dass jeder Hype irgendwann mal abflaut.

Pokémon GO war ein Strohfeuer und wurde schnell wieder langweilig. Niemand hatte ernsthaft Lust, fünf Kilometer durch die Weltgeschichte zu laufen, nur um irgendein Pokémon zu fangen. Lieber bindet man sein Smartphone an einen Roomba und lässt den durch die Wohnung flitzen, der dann die Kilometer zählt. Frische Luft und ausreichend Bewegung sind keine Argumente für Leute, die generell nur sehr wenig mit solchen Sachen am Hut haben. Und Pokémon GO war bis Ende 2016 wieder vergessen.

Zumindest für die Masse.

Flashmobs um 20 Uhr abends vor deinem Haus

Ungefährlich: Pokémon-GO-Spieler mit ausreichendem Akku. Gefährlicher wird’s, wenn die Akkuleistung unter 10% sinkt.
CC BY-SA 4.0, Marinna

Ein harter Kern hat Pokémon GO auf dem Handy behalten und mitbekommen, wie sich das Spiel entwickelt. Man spricht sich in WhatsApp-Gruppen ab, wo man sich das nächste Mal treffen kann – spontane Versammlungen bei Arenen sind die Folge. Früher hat man sich davor gefürchtet, eine einzelne Person alleine in einer dunklen Seitengasse zu treffen, wenn gerade der Heimweg ansteht. Es könnte ja ein Räuber, ein Mörder oder Horst Seehofer sein. Aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass es sich um eine achtköpfige Gruppe handelt, die ein Pokémon namens Regice fangen will, weil die Statue in Nachbars Garten eine Pokémonarena ist. Sobald einer der in den WhatsApp-Gruppen anwesenden Spielern merkt, dass bei der Arena ein Raid stattfindet, um ein besonders starkes Pokémon zu erhalten, wird sich abgesprochen. In einer Stunde steht eine Gruppe und die dunkle Seitengasse wird erst einmal mit acht Autos dichtgeparkt, damit auch ja nicht gestört werden kann.

Hier beginnt der eigentlich kritische Teil. Die Pokémon-GO-Spieler sprechen sich ab, wie sie den Raid am besten angehen. Fragen wie “Oh shit, was war nochmal gut gegen Regice?”, “Wer hat noch eine Powerbank übrig?” oder “Wer fehlt denn noch?” sind Standard und fallen bei jedem Treffen, gefolgt von einem halb angefressenen “Geht nochmal raus, ich bin noch nicht drinnen! Scheiß GPS-Signal” und einem reaktiven Raunen durch die ganze Gruppe. Nach rund zehn Minuten ist der Spuk vorbei und man bereitet sich darauf vor, das Pokémon zu fangen: Mit Wischbewegungen werden eine abhängig von der Leistung im Spiel festgelegte Anzahl an Premierbällen nach oben aus dem Handy geschmissen. Ungeübte Personen werfen dabei ihr Handy auf den Boden. Entweder ist es dies oder aber das Verwerfen aller Premierbälle im Spiel, was den Raid endgültig beendet. Alternativ kann man im Spiel auch Erfolg haben, dann kann man sich vielleicht für zwei Minuten freuen. Anschließend geht es zurück ins Auto und auf nach Hause.

Wird während des Raids allerdings noch ein neuer Ort, eine neue Möglichkeit zum Raid entdeckt, sodass man gleich zwei hintereinander machen kann, steigen alle in ihre motorisierte Fortbewegungsmaschine und fahren in maldonadoesker Art durch die Innenstadt.
Der Spuk ist vorbei.

Pokémon GO extreme: Die Safarizone in Dortmund

Pokémon-GO-Event in Japan. Und sie alle wollten nur ein Pokémon. In Dortmund wollen sie drei.
CC BY 2.0, Brian Miller

Am Samstag (30.06.18) und Sonntag (01.07.18) wird in Dortmund allerdings der Ausnahmezustand ausgerufen: Als einzige Stadt in Europa wird an den Tagen eine Safarizone eingerichtet. Pokémon, die wie Buchstaben aussehen, einer Koralle ähneln oder goldene Hühnchen sind, tauchen verstärkt im Dortmunder Stadtgebiet auf. Das Ganze kann man sich wie einen Raid vorstellen – mit rund 100.000 Leuten, von denen 55.000 Personen gleichzeitig in den Westfalenpark dürfen. Im gesamten Stadtgebiet ist daher mit Personen zu rechnen, die ständig mit dem Gesicht nach unten auf ihr Handy blickend durch das Stadtgebiet laufen und ihre Umgebung nicht mehr wahrnehmen. Ein plötzliches Stehenbleiben, Umherdrehen oder ein verwirrtes Auftreten, weil man sich beim Gucken auf das Smartphone verlaufen hat, sind die noch einigermaßen harmlosen Nebenwirkungen. Viel problematischer wird es dann, wenn tatsächlich mal ein sehr gutes Pokémon auftaucht.
Dazu muss man wissen, dass Pokémon nicht immer gleich Pokémon sind, selbst, wenn sie gleich heißen. Aufgrund der Spielmechanik kann die Stärke von Pokémon von 0% bis zu 100% frei variieren. Und was passiert, wenn irgendwo ein 100%-Pokémon auftaucht? In einer Chatgruppe sind rund 8.500 Personen (Stand: 29.06.) anwesend, um sich gegenseitig bei einer entsprechenden Sichtung zu informieren. Und wenn das Pokémon dann bei Ihnen auf dem Klo sitzt, werden Sie das schon irgendwie mitbekommen…

 

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