Hauptseite Aus der Redaktion Hinter dem Pult: Rollenspiele im Politikunterricht

Hinter dem Pult: Rollenspiele im Politikunterricht

Autor: Ewok 29. August 2018

Für ein Politikrollenspiel sollte man Charisma auf 20 skillen. Mindestens.
CC BY-SA 3.0, Sargoth

Politik ist ein schönes Fach.

Mal abgesehen davon, dass es immer wieder Kinder gibt, die sich einen Scheiß für Politik interessieren, solange es sie nicht selbst betrifft. “Rentenstreit? Ich bin noch nicht einmal aus der Schule raus und soll jetzt schon darüber nachdenken?” Na ja, wenn das Thema “Gesellschaft” im Schulplan steht, muss das durchgenommen werden. Und dann wird die Frage “Wohin mit Opa?” von den Klassenclowns gerne mal mit “Krematorium” beantwortet. Wie aber bringt man Kinder dazu, sich für Politik wieder zu interessieren?

Durch Rollenspiele.

Rollenspiele sind im Grunde wie ein kleines Mini-Theater ohne Publikum. Ein Rollenspiel kann eine fiktive oder mittlerweile eingestellte Talkshow sein. Hier starten Ideen für neue Lokalfernsehsender wie “KölnTV”, “Hamburger Sendersender” oder “Comedy dezentral”, die Sendungen wie “Die Gießeners”, “Aurich 26603” oder “Zwei bei Jeremy-Pascal” ausstrahlen.

Typische Talkshowsituation, wie sie sein sollte
CC BY-NC-SA 3.0, HarryCane

Im Talkshowformat streiter sich dann Angela Merkel mit Donald Trump über ein Thema, das im Unterricht sonst nur wie üblich hätte behandelt werden müssen. Zum Beispiel “Globalisierung”. Während 95% der Kinder Donald Trump spielen und alle Mexikaner über den Pazifik ausweisen wollen, weil das cool klingt, spielen die restlichen Kinder mit Bastelkleber und wundern sich, warum sie die Raute mit ihren Händen nicht mehr lösen können. In der fiktiven Talkshow kloppen sich dann die Vertreter der beiden Gruppen in einem Battlerap darum, wer am rechtesten hat. Damit das funktioniert, müssen die Kinder selbst das Thema erarbeiten – anstatt dass die Lehrkraft vorne steht und einen Vortrag zum Einschlafen hält.

Ein solches Rollenspiel wäre beispielsweise auch für den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen möglich. Im April gab es einen Giftgasangriff in Duma, nach einigem Hin und Her haben sich die USA, Frankreich und Großbritannien entschlossen, in Syrien zu bomben und Russland ist angepisst.

Nachdem die Institution selbst vorgestellt und erarbeitet wurde, wurden die Rollen per Zufall verteilt und das Schauspiel kann beginnen: Russland hat den Sicherheitsrat zusammengerufen und möchte den Angriff verurteilen. Was folgt, ist eine 45-minütige Miniaturversion der internationalen Politik auf der Ebene einer neunten Klasse, die hier in Ausschnitten wiedergegeben werden soll:
Russland hält die USA, Frankreich und Großbritannien für die Wurzeln allen Übels und behauptet, sie hätten gegen die UN-Charta verstoßen. Sie hätten nicht gefragt, ob sie vielleicht angreifen sollten. Bolivien nickt zustimmend, während die USA den Angriff rechtfertigt: Syrien habe Chemiewaffen gehabt und deshalb dürfe man sie angreifen. Russland droht daraufhin mit Krieg gegen Großbritannien, weil Großbritannien ebenfalls Chemiewaffen besitze und Kaffee besser als Tee sei.

Schmecken kacke: Macarons
CC BY-SA 2.0, Sunny Ripert

Großbritannien weist darauf hin, dass die Chemiewaffen nur zu Forschungszwecken benötigt werden und wirft Frankreich vor den Bus: Macarons seien zwar bunt, schmecken aber wie Pappmaschee.
Frankreich ist empört von Großbritannien und fordert Solidarität. Großbritannien verspricht, den nächsten Angriff auf Syrien wieder mit ihnen zusammen zu fliegen, wenn sie es möchten. Bolivien ist entsetzt: Man wolle wieder Syrien angreifen! China ist damit einverstanden, solange niemand die Menschenrechtssituation in ihrem Land zur Sprache bringt. Äquatorialguinea ist sich unschlüssig, weil alle Seiten gute Argumente haben, lässt sich jedoch von den USA für eine geringe finanzielle Gegenleistung überreden. Das Gleiche gilt für Kuwait und Polen,

Man einigt sich recht schnell darauf, zur Abstimmung zu kommen: Die Alliierten sollen verurteilt werden. Wer dafür ist, der hebe die Hand…okay, Russland. Wer dagegen ist, der hebe die Hand…okay, fast alle anderen. China enthält sich, weil sie die Erwähnung von Menschenrechten fürchten. Es kommt keine Mehrheit zustande, Russland ist tief enttäuscht.

Schöne Stadt, die ihr dort habt. Wäre doch eine Schande, wenn…
PD, United States Department of Energy

Die USA bekommen daraufhin einen Anruf von Trump: Die US-amerikanische Gruppe holt ihr Handy hervor und tut so, als würde sie mit dem Präsidenten telefonieren. Von denen kommt die Anweisung, Russland zu verurteilen. Es wird schnell an einer Resolution gebastelt, in der Russland für ihre Politik büßen soll. Die Abstimmung erfolgt unter dem Hinweis der Amerikaner, dass sie Atomwaffen besitzen. Mit…einem gewissen Augenzwinkern. Alle außer Russland stimmen zu, außer China, weil sie die Erwähnung von Menschenrechten fürchten. Frankreich jubelt schon, bis Russland erwähnt, sie würden ein Veto einsetzen. Alle sind empört und bezichtigen Russland des Egoismus’. Man schreit sich für den Rest der Schulstunde an, bis es aus Bolivien herausbricht: “HEILIGE SCHEISSE, IST DAS EIN KINDERGARTEN!”

Und damit haben die Kinder ziemlich schnell festgestellt, warum internationale Politik ziemlich träge ist. Im Endeffekt haben sie eine Abschaffung des Gremiums bevorzugt, sollte es keine Möglichkeit geben, USA und Russland rauszuwerfen. Vielleicht auch China, wenn sie die Erwähnung von Menschenrechten weiterhin fürchten.

Kommentieren