Hauptseite Kommentare Chemnitz – wer mitläuft, darf sich nicht beschweren

Chemnitz – wer mitläuft, darf sich nicht beschweren

Autor: Ewok 3. September 2018

Selbst, wenn man taub war, hat man die Gesinnung gesehen. Die waren so freundlich und haben es sogar aufgeschrieben.
CC BY-SA 3.0, Lord van Tasm

In Chemnitz ist Daniel H. erstochen worden. Der 35-jährige Deutsch-Kubaner postete auf Facebook Zitate von Bob Marley, sprach sich für Cannabis aus, konnte zwischen dem Islamischen Staat und dem Islam differenzieren und wandte sich in Posts gegen Rassismus. Das alles hält Rechte aber nicht davon ab, diesen Fall zu vereinnahmen. Während es sonst immer aus der rechten Ecke heißt, es müsse auch mal auf die Opfer geachtet werden – wogegen freilich wenig spricht – sind es doch die mutmaßlichen Täter, die diese auf die Straße treibt.

Rechts ist keine Lösung

Die Tat diente Rechten als Vorwand, auf die Straße zu gehen. Ein Deutsch-Kubaner, der von Ausländern erstochen wurde! Unerhört. Es ist selbstverständlich schrecklich, bedauerns- und verachtenswert, wenn Menschen durch Messer, Waffen oder sonstwie ums Leben kommen. Umso verachtenswerter allerdings, wenn dies instrumentalisiert wird, wenn die Täter eine ausländische Staatsangehörigkeit haben. Dies treibt Leute auf die Straßen, die die ganze Zeit schon Probleme mit Ausländern haben. Subjektive Probleme und Erfahrungsberichte sind nicht zu vernachlässigen, auch sie können valide sein. Das eigentliche Hauptproblem sind hier aber die Lösungsvorschläge, die angeboten werden. Die Ausländer™ sind schuld. Die müssen raus. Nicht etwa diejenigen, die die Tat begangen haben. Nein, Geiselhaft muss es sein. Eine gesamte Bevölkerungsgruppe ist für die Tat verantwortlich.
Die rechte Politik hat in solchen Fällen einfache Lösungen parat: Der Täter war Ausländer? Ausländer raus. Das koppelt sich gut mit dem subjektiven Empfinden der Einwohner. Ausländer sind ein Problem, ich fühle mich hier fremd, die Ausländer führen sich alle wie die Axt im Walde auf. Das hat schon fast etwas von Reisen mit der Deutschen Bahn: Trotz einer Pünktlichkeitsrate von 94,4% im Nahverkehr sind die Züge der Bahn grundsätzlich zu spät. Es wird aber auch nie von pünktlichen Zügen berichtet, sondern nur von unpünktlichen Zügen. Pünktliche Züge regen niemanden auf. Unpünktliche Problemzüge allerdings schon. Nur anders als Ausländer können die Deutschen die Bahn nicht einfach so abschieben, obwohl die Züge allesamt Rollen haben. So ein Mist aber auch.

Wer mitläuft, toleriert

Trotzdem wollen die Leute ihre Probleme irgendwie wahrgenommen haben. Was macht man also in einer Demokratie? Man geht auf die Straße und demonstriert. Das gute Recht eines jeden. Aber wenn die rechten Parteien und Organisationen Pro Chemnitz, AfD und PEGIDA Demos und Trauermärsche anmelden, sollte jedem Bürger doch einfallen: „Moment mal, da kann doch etwas nicht stimmen. Ich finde die Tat schon schrecklich, aber deshalb mit Nazis demonstrieren…?“
Wenn die Antwort auf so eine Frage „Ja“ lautet, darf sich nachher niemand wundern, anschließend als Nazi tituliert zu werden – weil es einfach wahr ist. Wer mit Nazis mitläuft, ihre Parolen toleriert und dazu auch noch applaudiert, hat jedes Recht verwirkt, die Bezeichnung „Nazi“ zurückzuweisen.

Eine Huldigung von Adolf Hitler in einem „Trauermarsch“, die auch noch mit Applaus begrüßt wird. Deutlicher kann man „Nazi“ nicht mehr rufen. Da hilft es dann auch nicht, in eine „Diskussion“ mit linken Reporterinnen zu kommen, in der sie im Endeffekt nur angeschrien wird. Diese Leute wollen keine vernünftige Diskussion, sie stehen, aufgerufen von Nazis, auf der Straße und fungieren als Unterstützer eben jener rechten Klappspaten. Anstatt auf andere Lösungen zu setzen – beispielsweise mehr Polizeipräsenz (auch, wenn dies kein Allheilmittel ist, wie beim Hutbürger zu sehen war) – wird gleich das radikalste Mittel gewählt: Nationaler Sozialismus, nationaler Widerstand und Ausländer raus.

Andere Motive

Etwas Anderes scheinen die Demonstranten, die um Gottes Willen keine Nazis sein wollen, aber trotzdem mit Nazis laufen, ebenfalls nicht zu beachten: Solche Taten wie in Chemnitz geschehen nicht, weil das Opfer Deutscher war, sie haben andere Hintergründe – Geld, Streitereien, familiäre Beziehungen, was auch immer. Nicht falsch verstehen: Angriffe sind auch mit solchen Motiven nie gerechtfertigt, von Mord und Totschlag einmal ganz abgesehen. Die Rechten allerdings interessieren solche Motive nicht: Die bloße Existenz einer Person reicht aus, um Feind zu sein. Ausländer? Wollen sie nicht haben. Linke? Werden regelmäßig mit dem Tod bedroht. Behinderte, Juden, Homosexuelle, alle, die nicht ins Weltbild passen? Das haben wir alle schon gesehen. Und das ist das gefährlichste an diesen „Demonstrationen“. Die rechte Szene marschiert auf, weil die AfD, Pro Chemnitz und PEGIDA dazu aufgerufen haben. Niemand von ihnen behauptet von sich, eine Nazipartei oder -gruppe zu sein. Doch wer kommt zur Demo? Nazis. Wer die Anwesenheit solcher Personen leugnet, mit dem ist nicht vernünftig zu reden. Überhaupt: Das ganze „Wir müssen die Sorgen und Ängste ernst nehmen!“ führte zu genau dieser Situation. Die Chaoten fühlten sich bestärkt in ihrem Glauben, extreme Ansichten wurden stellenweise mehrheitsfähig und diejenigen, die von sich immer noch behaupten, sie seien keine Nazis, trauten sich, sich neben sie zu stellen. Hier wurden Fehler gemacht, die sich leider nicht so einfach beheben lassen.

Rechte isolieren?

Besonders Schlaue könnten sich jetzt die Frage stellen, ob man nicht einfach die Nazis isolieren könnte. Diese Krawallbürsten, die Adolf Hitler huldigen und Polizisten angreifen. Isolieren, um zu zeigen, dass die friedfertigen Bürger vielleicht einfach nur politisch rechts gesinnt sind, aber nicht rechtsextrem.
Natürlich könnten die Demonstranten. Allerdings ist mir kein Fall bekannt, bei dem das tatsächlich ernsthaft versucht oder auch nur in Erwägung gezogen wurde. Hitlergrüße? Werden hingenommen. Schläge gegen die Polizei? Man bietet dem Täter Platz in der Menge, statt ihn zu isolieren. Nationalsozialistische Chöre? Dafür gibt es sogar Applaus. Auf dieser Linie scheitern sie phänomenal.

Aufschwung für Rechte

Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen und die Rechten fühlen sich im Aufwind. Sie sind es vermutlich auch, denn die „Ich bin aber kein Nazi“-Fraktion legitimiert den rechten Aufmarsch. Während Otto Normalverbraucher denkt, dass er mit seinem rechten Gedankengut jetzt an die Öffentlichkeit kann, überlegt sich Adolf Normalnazi, mit wie viel er eigentlich durchkommt, bis es so richtig knallt. Und diese Grenze ist leider noch nicht erreicht, sondern erfährt mit der AfD einen Aufschwung, die es ebenso nicht schafft, aus ihrer angemeldeten Demo rechte Klappspaten auszuschließen. Vielleicht wollen sie das aber auch gar nicht.

Disclaimer: Dieser Kommentar spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung des gesamten Autorenkollektivs wieder. Aber alle finden Nazis kacke.

1 Kommentar

Avatar
Hart. Bei Maaßen - autorenkollektiv.org 11. September 2018 - 19:33

[…] Hart: „Gut, wie auch immer. In diesem besagten Interview äußerten Sie jedenfalls Zweifel an der Echtheit eines Videos, welches eine Hetzjagd mutmaßlicher Rechtsradikaler auf Menschen mit Migrationshintergrund zeigt…“ […]

Antwort

Kommentieren