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Ein Lehrer in den Ferien

Autor: Ewok 15. Oktober 2018

Hurra! Es sind Ferien!

Was kann es besseres geben an dem Beruf einer Lehrkraft als Ferien?, mögen sich die meisten Leute denken. Sechs Wochen Sommerferien, zwei Wochen Herbstferien, drei Wochen Weihnachtsferien, zwei bis drei Wochen Osterferien, Brückentage im Mai und Juni und dann schon wieder Sommerferien. Mann, so viel Urlaub möchte jeder mal haben.

Halt. Die. Fresse.

Klausuren in den Urlaub mitzunehmen ist eine geauso gute Idee wie während der Hurricane-Saison nach Haiti zu fliegen.
PD, NOAA / Satellite and Information Service

Wer glaubt, dass Lehrkräfte tatsächlich so häufig Urlaub haben, glaubt vermutlich auch, dass Lehrkräfte um 13:00 Uhr Feierabend haben, nach Hause kommen und dann die Füße hochlegen. Wer gut ist, holt vielleicht noch einen gelben Kalender hervor, um sich mit einem abgeranzten Bleistift ein Plus, ein Minus oder ein Kringel hinter den Namen der Schüler*innen einzutragen. So bekommt der Bleistift auf seine alten Tage doch noch ein bisschen Macht. Un am Ende eines Quartals, wen ndan ndie Schüler*innen ankommen und eine Note haben möchten, stlelt sich die Lehrkraft nach vorne und sagt: “Hmh…öh…ich hole eben meinen sechsseitigen Würfel.” Ach, was ist er heute mal wieder gut gelaunt.

Das Blöde ist nur, dass das nicht stimmt. Ständig nerven einen Schüler*innen, dass sie ihre Klausur wiederhaben wollen. Das ist natürlich Arbeit, die ich in meinen Urlaub mitnehmen muss. Eine Fahrt nach Gran Canaria muss ich dort mit Arbeit verbinden. Dann liegen halt zwischen den Blättern der letzten Sozialwissenschaftenklausur ein paar Sandkörner. Sollen die Jugendlichen das als Bonus sehen. Ich opfere immerhin meine Freizeit.

Vorbereitung ist alles

Es darf auch eine komplette Zeremonie sein.
CC BY-SA 3.0, Bangin

Woher soll ich denn wissen, ob die nächste Klassenfahrt an die Côte d’Azur überhaupt ihr Geld wert ist, wenn ich nicht selbst dort hinfahre? Auch das zähle ich als Arbeitszeit. Ich muss schließlich schauen, wo sich die Jugendlichen in Nizza besaufen können. Als vorblidlicher Lehrer muss ich mich in der Stadt auskennen. Und so trinke ich mich durch die Bars und Restaurants, während ich weine. Was für eine Arbeit. Meine Freizeit geht für die Zukunft der Jugendlichen drauf. Die sollen sich daran erinnern können, was für eine coole Abschlussfahrt sie hatten. Das ist Stress pur, denn die entdecken sowieso wieder irgendwo eine Bar in der Seitengasse, wo sie sich dann mit irgendwelchen französischen Wässerchen abschießen und anschließend ein “Sauf Service”-Schild klauen. Betrunken sind die halt wesentlich witziger.

Kultur darf auch nicht zu kurz kommen. Das Weinmuseum in der am Atlantik gelegenen Stadt Bordeaux muss natürlich durchgenommen werden. Vielleicht auch mit Verköstigung und anschließendem Trip nach Arcachon. Wer sich mit den gelben Découvertes-Büchern im Französischunterricht herumschlägt, dem könnte dieser Ort vielleicht aus dem zweiten Band bekannt vorkommen. Oder man hat bereits alles aus dem Französischunterricht vergessen. Das passiert ja nicht gerade selten. Das ist extrem stressig.

Was ist eigentlich nach den Ferien?

Irgendwann muss ich den Schüler*innen aber auch wieder in persona begegnen. Ich muss den Unterricht für die nächste Woche vorbereitet haben – mindestens für die nächste Woche. Ich kann natürlich noch mehr machen. Einfach die Türklinke runterdrücken und dann mal schauen, was ich mache, ist nicht. Da muss man sich vorher ganz genau überlegen, was im Unterricht überhaupt drankommen soll. Vielleicht zeige ich denen einfach Star Wars und anschließend analysieren wir das politische System auf dem Todesstern und/oder bei den Ewoks. Warum nicht? Analyse ist immerhin Thema. Und es ist besser als Faust.

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