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Gedanken zu Weihnachtsmärkten

Autor: Chronos 28. November 2018

Es ist soweit, der Dezember naht mit rasenden Schritten. Jedermann weiß, was das zu bedeuten hat: es beginnt wieder die Zeit der panischen Last-Minute-Geschenkekäufe, des alljährlichen Kampfes gegen den widerspenstigen Tannenbaum und natürlich des schon sehnlichst erwarteten LAAAAAAAAAAAAAAAAAST CHRISTMAS, I GAVE YOU MY HEAAAAAAAAAAAART. Nichtmal David Hasselhoff konnte die Deutschen nach dem Fall der Mauer im Osten halten, sagt man. Mit “Last Christmas” als musikalische Grenzsicherung hätten es nur die Taubstummen in den Westen geschafft, jede Wette. Aber ich schweife ab.

Wie jedes Jahr beginnt auch die Zeit der Weihnachtsmärkte, oder hier in Österreich “Christkindlmärkte” genannt. Viel anders ist wenig bei uns, nur diese hübschen Beton-Legosteine alle zwei Meter fehlen. Wir setzen mehr auf den taktischen Punschstand bei der Abwehr von Anschlägen. Nicht mal der extremistischte, alle christlich angehauchten Feste verabscheuende Erzmuslim würde es freiwillig wagen, sich auch nur auf zwanzig Meter einer Horde schon um 12:00 betrunkener, mit stattlichen Bierbäuchen und einer Bratwurst in jeder Hand  bewaffneten, wild in allerlei Dialekten rumgrölender Altparteienwähler zu nähern. Geschweige denn, dass er mit seinem LKW überhaupt nach dem Weg fragen könnte, und eine verständliche Antwort erhielte. Aber ich schweife erneut ab, zefix.

Dunkel war’s, der Baum schien helle, als mit Blitzesschnelle, ein LKW langsam um… ähm, zu früh? ‘ CC-BY-SA 2.0 Martin Balem

Bei uns hier sind diese Christkindlmärkte ein ganz besonderer Teil der Kultur. Wie in Bayern feiert man in Ö. das Christkind und nicht den Weihnachtsmann, und das nehmen wir ernst. Sehr ernst sogar. Dieses Jahr sichert das österreichische Militär sogar den Luftraum, damit die unerlaubte Einreise des Weihnachtsmannes via Rentierschlitten verhindert wird. Wobei der Weihnachtsmann wohl in den USA ohnehin schon genug zu kämpfen haben dürfte. Es würde mich nicht wundern, wenn man im Laufe der nächsten Wochen die ein oder andere Schlagzeile à la “Verdächtiger mit Vollbart und suspekt großer Tasche auf dem Rücken erschossen” zu lesen bekommen dürfte. Aber wenn wir schon nicht Väterchen Frosts generösen Kuseng in unsere Tradition aufgenommen haben, so zumindest das bunte Lichterspiel. Für einen Monat lang verwandelt sich jede größere Stadt, oder zumindest der Stadtkern, in ein kleines, buntes Las Vegas. Inklusive extra angereister schmieriger Drogendealer und Alkoholleichen in jeder zweiten Ecke. Vegas, Baby! Aber was ist das besondere an diesen Weihnachts- und Christkindlmärkten?

Attraktionen:

Nicht umsonst kommen die Leute so gerne zu den alten Holzhütten und frieren sich nächtelang den Arsch bei überteuertem Glühwein ab. Die bunten Lichter, der typische Geruch nach  frisch gebackenen Süßigkeiten, umgekippten Schnappsnasen und oftmals auch die vielen kleinen Spielzeuge wie Karussele erwecken das Kind in Jung und Alt. Wie im Traum lustwandelt man von Stand zu Stand, bestaunt mit offenen Augen handgemachte österreichische Glaskugeln aus China und genießt jede Menge Schund und Kitsch zu Preisen, die an eine plötzliche Hyperinfaltion erinnern. Ganz besonders schlimm ist das in Städten mit traditionell großen oder bekannten Christkindlmärkten. Ich glaube, in Berlin und Dresden gibt es schöne wie große Weihnachtsmärkte, aber ich war noch nie dort, kann also folglich nur über die in Salzburg und Wien richtig berichten. Und Marantjosef, in Salzburg könnte man meinen, man befände sich auf einem kollaborativen Großkonzert der Rolling Stones + Dire Straits. Wobei das musikalisch sicher immer noch angenehmer als LAAAAAAAAAAAAST CHRISTMAAAAAAAAAAS wäre. Wäre man nicht links von einem übergewichtigen, trotz minus fünf Grad schwitzenden Amerikaners und rechts von dreiunddreißig eifrig schnatternden und Bilder knipsenden japanischen Touristen eingeklemmt, könnte man sich nach einem Kieselstein bücken und ihn über die Schulter schmeißen, um festzustellen, dass er in dem hoch empor gehobenen, siebten Punschglas eines Standlsäufers landet.

Gäbe es keinen Punsch, gäbe es keine Weihnachtsmärkte. Nur Weihnachten, und das wäre Öde. CC-BY 2.0 – Adelina Horn

Und zwar jedes einzelne Mal!

 

Glücklicherweise sind die Märkte aber auch Attraktion für andere Standeln als nur Punsch, versteht sich. Wenn ich so darüber nachdenke, kommt mir das ganze immer mehr wie ein glorifizierter Flohmarkt vor. Was sich Jesus wohl am Kreuz denken würde, hätte er gewusst, dass man zweitausend Jahre später leichtgläubigen Touristen ein Paar getragene Socken als lokales Unikat für zweihundert Euro verkaufen würde? Vermutlich etwas in die Richtung: “Äh, kann ich nochmal über das Ganze ‘Für die Menschen sterben’ überdenken?”

Herausragendes:

Naja, ist ja nicht nur alles Abzocke, Alkohol und Autismus in den Märkten. Mich fasziniert immer, nach welchem Plan man die Stände aufgebaut hat. Entweder, alles läuft so fein säuberlich nach Maß, ist perfekt zueinander im 46,41° Winkel errichtet und wirkt allgemein, als hätte ein zwänglerischer Architekt, bei dem die Bügelfalte mit dem Geodreick abgemessen ist, hier ein Jahr Arbeit investiert… oder, die Stände sind so ohne Sinn und Verstand platziert, dass man meint, die Pläne stammen von einem Parkinsonkranken, dem man einen Stift und ein Blatt Papier in die Hand gedrückt hat. Es gibt kein Dazwischen. Entweder in Reih und Glied, oder so verwirrend, dass man nach nur fünf Schritten den zuletzt besuchten Stand unweigerlich im Chaos der Holzhütten verloren hat und sich fragt, wo zum Teufel man gerade gelandet ist. Auf dem Naschmarkt in Wien ist das zur Weihnachtszeit besonders extrem. Das erste Mal dort, ich erinnere mich gut, habe ich etwa dreißig Minuten lang zwischen immner den gleichen zwei Kleiderhändlern, einer Punschbude und einem Glaswarenladen gewandelt, ohne überhaupt zu bemerken, dass ich mich im Kreis bewege.

Eine andere Eigenschaft dieser Touristenfallen ist, dass sie einen in irgend Weise leersaugen. Entweder, man spaziert entspannt durch eine Traube aus durchschnittlich 7,2 Menschen pro Quadratmeter und ist nacher energetisch total ausgelaugt, oder man kauft zwischen ein und vier Artikel, worauf man erstaunt feststellt, dass das letzte Monatsgehalt gerade Flöten ging. Ich werde nie verstehen, wie manche Leute es schaffen, jemanden einen Holzengel (der dazu noch weniger Ausstrahlung als eine Taschenlampe ohne Batterien aufweist) um dreißig Euro zu verkaufen, wobei der Materialwert bei exakt einer halben Orange liegt. Veilleicht werden diese Händler mit dem Stat +20 auf Charisma während Weihnachtszeit geboren, wer weiß.

Zu guter Letzt sei noch etwas über die mediale Wirkung der Weihnachtsmärkte gesagt. Dabei meine ich nicht den Zustand, wenn eben ein LKW oder Vergleichbares entschieden hat, einen Punschstand und die dazugehörigen Besucher als Privatparkplatz zu verwenden, sondern ganz allgemein gesprochen: die Dinger sind prävalent wie eine besonders schlecht gelaunte Herpesblase. Weihnachtsmarkt hier, Weihnachtsmarkt da. Sicherlich, sie stellen einen unersetzlichen Touristenmagneten dar und sind Teil unserer Kultur, aber wenn quasi jede fünfte Nachricht über irgendwelche Funfacts dieses Events handelt, dann wird das mit der Zeit echt mühselig.

 

Fazit:

Nun gut. Wenn ich mir den Beitrag so durchlese, kommt es mir irgendwie so vor, als würde ich Weihnachtsmärkte nicht wirklich mögen. Das stimmt so nicht ganz. Ich liebe die Märkte an sich, aber hasse das ganze drumherum. Das ist, als wäre man für Formel 1 fahren… aber man ist blind – wobei man dann vermutlich immer noch besser fahren würde als Riccardo Rosset. Wie dem auch sei: Weihnachtsmärkte sind die Casinos des armen Mannes. Wenn man sich vor dem inhärenten Charme der Attraktionen schützt und nur mit kleinem Geld hineinwagt, kann man in ihnen eine vorzügliche Zeit verbringen. Oh, und wenn dieses Jahr jemand den großen Weihnachtsbaum zur Gänze hinaufklettert und Flyer für das Autorenkollektiv verbreitet, dann erhält er oder sie hier seinen ganz persönlichen Gastbeitrag. #Christbaumkraxeln.

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