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Das Digitalpakt-Drama

Autor: Ewok 10. Dezember 2018

Kostensparender, cooler Unterricht – keine Gebäude benötigt, kein digitaler Schnickschnack, nur ein paar Pulte und eine Tafel (Schleswig-Holstein, 2018)
CC BY 4.0, Iconographic Collection/Wellcome Collection gallery

Wer erinnert sich nicht an die eigene Schulzeit? Quietschende Kreide auf alten, grün gefärbten Tafeln. Die Bitte der Lehrkraft, das, was an der Tafel steht, fein säuberlich ins Heft abzuschreiben, damit man es nachher zu Hause wieder vergessen kann. Oder aber der Gedanke „Ach, das brauche ich nicht abschreiben, das kann ich mir so merken“. Gab es, abgesehen von „Ich habe die AGBs gelesen“, jemals eine weiter verbreitete Lüge?

Vorbei soll die Zeit sein, in der die Schüler*innen nur abschreiben müssen. Eine PDF schicken lautet das neue Credo. Mit Unterstützung digitaler Medien wie einer elektronischen Tafel, einem Beamer im Klassenraum oder – sofern nicht vorher von restriktiven Lehrkräften einkassiert – den Smartphones der Kinder soll der neue Unterricht laufen. Schüler*innen sollen lernen, mit digitalen Medien umzugehen. Zeit sollen sie sparen und überhaupt, zeitgemäß soll es sein. Warum bringen wir 2018 Kindern noch etwas mit Materialien bei, die sich seit Kaiser Wilhelm nicht grundsätzlich geändert haben? Die Möglichkeiten sind doch vorhanden, also los!

Grundgedanke vorhanden

…dachte sich auch die deutsche Bundesregierung. Leider, leider darf sie dem Grundgesetz nach nicht einfach so fördern. Der Gedanke dahinter ist kein schlechter; nach der Zeit des nur zwölf Jahre währenden tausendjährigem Reiches (ein klassisches Beispiel von Irreführung der Bevölkerung) hat man sich geschworen, den Bundesländern das Heft der Bildung in die Hand zu drücken, damit in Deutschland ein meinungspluralistisches Volk herrscht. Wenn der Bayer mit einem Ostfriesen spricht, muss es richtig fetzen. Wenn sich jemand für die Uni bewirbt, soll er gefälligst alles fünf Mal beglaubigen lassen, dass er auch wirklich ein Abitur hat, was dem Bundesland der Universität mindestens ebenbürtig ist – sonst könnte ja jeder kommen und lernen.

Und ja, auch, wenn es Absprachen bei der Kultusminister*innenkonferenz (KMK) gibt – Deutschland ist bildungstechnisch immer noch ein Land, in dem regionale Institutionen ihr eigenes Süppchen kochen. Entsprechend entscheiden sie auch darüber, wie viel Geld für Digitalisierung zur Verfügung steht. Und das tendiert gefühlt eher gegen null.

Dieses verdammte Grundgesetz

Der Parlamentarische Rat verkündet das Grundgesetz – Bildnis in Auftrag gegeben von der Landesregierung Baden-Württemberg unter Achtung der eigenen Sichtweise auf das heilige Dokument
PD, Kornilo Ustianovich

Was also tun? Wenn die Bundesregierung, vom Grundgesetz verboten, kein Geld in die Bildung stecken darf, weil die Bildungskompetenz (hihi, Kompetenz. Als ob man davon sprechen könnte) nun einmal bei den Ländern ist, muss man eben halt das Grundgesetz ändern. Der Parlamentarische Rat ist schließlich nicht auf einem Berg gewesen und kam mit Steintafeln herunter, auf denen auf einmal 146 Artikel standen, sondern setzte sich zusammen und diskutierte aus, was sie für das Beste für das Land hielten – und damit eben halt auch die Länderkompetenz beim Thema Bildung.

Gesetze, und gerade das Grundgesetz auszulegen, ist aber eine Wissenschaft für sich, die viele für sich beanspruchen, aber selten grundlegend verstehen. Sobald Grundgesetzartikel herangezogen werden, mutieren alle zu Fachwissenschaftlern und versuchen, ihre Meinung damit zu belegen. Das Phänomen sieht man sonst nur, wenn es plötzlich während einer Fußballweltmeisterschaft achtzig Millionen Bundestrainer gibt, die alles hätten besser machen können als Löw. So verwundert es nicht, dass die Länder das Grundgesetz so lesen, dass der Bund auf keinen Fall eingreifen soll. Selbst, wenn Sodom und Gomorrha auf der Erde existieren, Deutschland von einer Wirtschaftskrise gebeutelt wird oder Albert Einstein aus seinem Grab aufersteht, um Bundesbildungsminister zu werden – nichts darf dieses heilige Privileg der Kompetenz berühren.

“Wie, ich muss 50% zahlen? Das will ich nicht.”

“Ich weiß gar nicht, was die Schülerschaft hat. Die Klassenräume sind doch top ausgestattet! Sogar mit Rechenschieber!!” – Niedersachsen
CC BY-SA 3.0, Flominator

Der Bund hat die Hand ausgestreckt und fünf Milliarden Euro versprochen, die für die Digitalisierung von Klassenräumen genutzt werden könnten. Laptops und Tablets für Schüler*innen, digitale Tafeln im Klassenraum oder vielleicht mal ein Beamer, damit man YouTube-Videos im Unterricht gucken kann – „das alles und noch viel mehr würde der Bund machen, wenn er König vom Bildungssystem wär’“, heißt es da fast unisono von den Ländern. Tatsächlich möchte der Bund, dass solche digitalen Materialien jetzt zu 10% und ab 2020 zu 50% von den Ländern finanziert werden sollen und der Rest vom Bund statt, wie bisher, zu zu 100% von den Ländern. „Das geht nicht!“, rufen da die Länder. „Die ärmeren Länder können sich die 50% nicht leisten und würden dann vielleicht gar nichts bekommen.

Öhm…ja, kann man so sehen, muss man aber nicht. Wenn man sich schon 50% nicht leisten kann, warum sollte man sich dann für eine Option entscheiden, bei der man auf jeden Fall 100% bezahlen muss? Diese Rechnung geht nicht wirklich auf. Sowohl im übertragenen Sinne als auch im wortwörtlichen. Einem Nackten kann man nichts aus der Tasche ziehen und wenn er schon nicht die Hälfte der Rechnung zahlen kann, wird er erst recht nicht alles zahlen können.

Meins, alles meine Macht

Wie sich Sachsen-Anhalt den Bund vorstellt.
CC BY-ND 2.0, showbizsuperstar/Jeff

Dies ist aber nur ein vorgeschobenes Argument. Im Kern geht es um die bereits angesprochenen Kompetenzen. Man fürchtet, der Bund könnte hinter vorgehaltener Hand Vorgaben für den Unterricht machen: „Ja, die Klasse bekommt Laptops und Tablets, aber bitte macht auch etwas damit“ wäre dann der best case. Warum sonst sollte man digitale Medien anschaffen, wenn man sie im Unterricht nicht nutzen will? Zur Ankurbelung der Wirtschaft? Doch die Länder glauben, dass der Bund noch mehr hereinreden könnte: „Macht dieses oder jenes Thema in der Schule, sonst werden die Fördermittel nicht bewilligt.“ Dabei beabsichtigt der Bund dies überhaupt nicht, noch nicht einmal in der angestrebten Grundgesetzänderung ist davon die Rede – sondern nur, dass gefördert werden darf, um die Qualität sicherzustellen. Wenn der Putz von der Decke fällt, Schulen überschwemmt werden und die Anzahl der Klassenräume vorne und hinten nicht reicht, muss gar nicht darüber diskutiert werden, dass die Qualität von Schulen stellenweise ziemlich den Bach runter geht.

Wer braucht schon Nahverkehr? Oder Wohnungen?

Und nicht nur da hätte der Bund helfen können, sondern auch beim Nahverkehr und der Wohnungspolitik, derzeit Ländersache. Wer glaubt, dass die Länder das Geld da auch nicht gebrauchen können, sondern alleine zurecht kommen, hat die letzten Jahre, Jahrzehnte irgendwie gepennt. Weit weg. Unter einem Stein. Im pazifischen Ozean. Drei Kilometer unter der Erde.

Die von der Bundesregierung als Voraussetzung für den Digitalpakt geforderte und vom Bundestag bereits beschlossene Grundgesetzänderung lehnt Kretschmann ab. Sie sei “ein grundsätzlicher Eingriff in die Selbständigkeit der Länder. Das geht nicht.” Die Grundgesetzänderung hätte den Bund legitimiert, künftig flächendeckend Milliardensummen in Schulen investieren zu können, genauso wie in den sozialen Wohnungsbau und die Verkehrsinfrastruktur.

Süddeutsche Zeitung

Milliardensummen für unsere Schulen? Das ist doch völlig irrsinnig!!

An Land ertrinken

“Und so, liebe Kinder, öffnet man eine PDF auf einem Handy.” – “Herr Cüppers, das ist eine Geige.” – “Ich habe ja auch anfangs gesagt, wir machen es nur exemplarisch.”
CC BY-SA 3.0, Ines Kaiser

Die Kinder und Jugendlichen von heute sollen lernen, mit den Sachen umzugehen, mit denen sie sich tagtäglich konfrontiert sehen. „Digital Natives“ (kein Marvel-Charakter) sind sie keineswegs. Sie wachsen zwar mit den elektronischen Geräten auf und haben früher damit Kontakt als die „Millennials“ (kein Marvel-Charakter), sind aber schon im Alter von sechs besser im Umgang damit als die „Silver Surfer“ (ist ein Marvel-Charakter, aber der ist hier nicht gemeint), also Personen über 50, die wissen, wie man einen PC einschaltet. Das Problem, was die Schüler*innen hier haben, ist aber, dass sie nicht unterscheiden können zwischen digital und real. Wie auch, beides beeinflusst sich gegenseitig und das Eine ist nicht (mehr) ohne das Andere wegzudenken. Schüler*innen müssen lernen, mit dieser Situation umzugehen und das geht nunmal nicht mit Tafel, Kreide und Schwamm, sondern, indem sie mit dem Material selbst lernen.

Die Länder hatten die Chance, ihrer Kompetenz nachzukommen und sich um das Bildungssystem zu kümmern. Sie hatten die Möglichkeit, die Weichen zu stellen und zu zeigen, dass sie wirklich kompetent sind, den Laden der Zukunft zu führen. Letztlich ist das keine Übertreibung, denn hier, in der Schule, sind die Manager*innen, Bauarbeiter*innen und streikenden Lokführer*innen von morgen und sie müssen an Digitalem gebildet und für den Umgang mit Digitalem ausgebildet werden. Schwimmen lernt man auch nicht, indem man nur Trockenübungen macht, damit theoretisch fünfzig Meter weit kommt und mit einem Badehosenaufnäher namens Seepferdchen belohnt wird, man lernt es im Wasser. Umgang mit Medien lernt man entsprechend nicht mit Materialien von achtzehnachtzig Kartoffelkrieg, sondern mit realitätsnahen Materialien, die das Leben der Schüler*innen schon heute beeinflussen. Und was machen die Länder? Sie stellen sich selbst ein Bein und versemmeln alles grandios. Lauter kann man “Wir haben’s nicht drauf” beleibe nicht rufen.

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