Hauptseite Aus der Redaktion Weihnachten bei der Familie

Weihnachten bei der Familie

Autor: Ewok 25. Dezember 2018

Ziel: So soll es aussehen.
Spoiler: Wird es nicht.
CC BY-SA 3.0, Malene Thyssen

Es ist wieder die Zeit, in der alle komplett durchdrehen. Adventszeit – die Zeit, in der Alice Weidel, oberste patriotische Verteidigerin des christlichen Abendlandes, verkündet, dass bald mit der Geburt Jesus Christus‘ das größte Fest im Christentum gefeiert wird. Vermutlich ist sie deshalb auch nie Pastorin geworden.

Die Menschheit – oder zumindest die Menschen, die in einer entsprechend auserkorenen Gesellschaft lebt – erinnert daran, dass vor vermutlich 2018 Jahren ein Mensch geboren wurde, der eine Religion begründet hat. Und angesichts dessen, wie die Menschen seitdem mit der Welt umgegangen sind, haben sie Schuldgefühle bekommen. Dieses ganze Abholzen von Wäldern seit dem 18. Jahrhundert schlägt der Natur schon arg auf die Substanz. Und so hielt man es für eine töfte Idee, ein bisschen Natur in die eigenen vier Wände zu bringen.

Die Wahl des Baumes

Ein bisschen Natur – das beschränkt sich dann allerdings auf einen Baum, der für ein paar Tage im Wohnzimmer steht. Groß muss er sein, der Baum, er muss bis zur Decke stehen. Wenn er umfällt, muss es richtig krachen. Nicht nur müssen Baum und Boden großen Schaden nehmen, nein, er muss alles umreißen können, was sich ihm in den Weg stellt: Flachbildschirm, Bücherregal oder das zweijährige Kind der Familie. Und grün muss er sein. Das ist im Winter schwer, denn die Laubbäume sind sich im Winter alles andere als grün und werfen sich schon gegenseitig im Herbst mit bunten Blättern ab. Dies führt eigentlich nur dazu, dass deutsche Wälder aussehen wie ein Pflanzen-FKK-Gebiet. Die einzigen grünen Bäume, die dafür also infrage kommen, sind Nadelbäume.

Nadelbäume grünen im Winter, denn sie haben besondere Blätter – Blätter, mit denen sie Mensch und Tier stechen können, wenn sie denn Lust hätten. Perfekte Bedingungen also für ein gemütliches Weihnachtsfest der Familie. Wenn der Baum dann auf die Katze fällt, bekommt sie gratis dazu noch eine Akupunktur und die Familie kann sich den Gang in die Veterinärmedizin sparen.

Töten wir was

„Genau die richtige Grö- nein halt, der ist ja zehn Mal größer als ich. Wir brauchen einen anderen.“
PD Sgt. Christopher Prows

Dann mal los, es gilt, einen grünen Nadelbaum zu besorgen. Die Adventszeit ist die einzige Zeit des Jahres, in der eine Familie mit einer Stihl Motorsäge, angetrieben von toten Tieren, in einem von gleichermaßen toten Tieren angetriebenen Fahrzeug ohne Verdacht zu schöpfen über die Landstraße fahren darf. Mit dem nicht-geländefähigen Kleinwagen geht es anschließend über Stock und Stein in den nächstgelegenen Wald, um sich einen Baum auszusuchen, der langsam, aber sicher in den eigenen vier Wänden verrecken darf.

Der hier vielleicht? Nein, der ist zu groß. Oder der hier? Der ist zu klein. Wie soll denn das Geschenk für den pubertierenden Hosenscheißer drunter passen? Der hier soll es sein: Eine perfekte Nordmann-Tanne, wo vorhin noch ein vom Winterschlaf erwachtes Eichhörnchen, gestört vom knatternden Geräusch des potenziellen Mordinstruments, entlanglief, um zu flüchten. Keine Fichte, denn Fichten riechen zu sehr, wenn sie im Wohnzimmer stehen. So, als ob sie noch einmal einen duftenden, mehrere Wochen anhaltenden Todesschrei ausstoßen. Mit lautem Gebrüll beißt sich die Motorsäge in den Stamm, der Baum fällt – gerade so am Auto vorbei, aber hey, was wäre das nicht alles ohne ein wenig Nervenkitzel, hmh?

Mit Gepäckbändern wird das Opfer auf dem Dach montiert, die Reifen beulen sich schon nach außen. Zurück über Stock und Stein – dieses Mal in langsam, denn den Elchtest würde das Fahrzeug jetzt bestimmt nicht mehr bestehen. Daheim kommt das neue Familienmitglied erst einmal in den Garten. Erst an Heiligabend soll das Grünzeug ins Haus kommen. Es könnte ja noch sein, dass sich irgendwelches Getier am Baum befindet und es soll erst einmal seine Zeit bekommen, sich eine neue Bleibe in Essen-Steele zu suchen – die Kündigung wegen Eigenbedarf ist schon draußen.

Früher war mehr Lametta

Damals konntest du den Weihnachtsbaum unter dem ganzen Schmuck gar nicht mehr erkennen!!1!
CC BY 3.0, Wuhazet – Henryk Żychowski

Es kommt, wie es kommen muss, der 24. Dezember bricht an. Heiligabend. Zeit, den Tannenbaumständer aufzubauen, um den Weihnachtsbaum dann ordentlich reinzustecken. Ein schöner, runder Tannenba- Ach verdammt, der Ständer wurde ja ganz vergessen. Dann müssen eben halt noch einmal fünfzehn Zentimeter vom Baum abgesägt werden. Nach erledigter vorsätzlicher Körperverletzung an einem sterbenden Wunder der Natur passt der Baum nun in den Ständer und wird fixiert. Es folgt der streitlustigste Teil des Weihnachtsfestes: Das Schmücken.

Das Schmücken selber ist eine Wissenschaft für sich. Hier zeigt sich, ob die Familie zusammenhalten kann oder ob der Weihnachtsbaum nachher aussieht wie nach einem Lamettabukkake, wo alle eigene Dinger gedreht haben. Hier ein paar Glaskugeln, dort ein aufgeknüpfter Weihnachtsmann und wer besonders lustig sein will, hängt irgendwas an den Baum, was nicht mal annähernd mit Weihnachten zu tun hat. Einen Pott Zucker. Eine Packung Taschentücher. Oder die letzte Stromrechnung.

Der Baum ächzt unter dem Gewicht all dieser neuen Schönheit und neigt sich schon gefährlich nach rechts zum Aquarium mit den Fischen. Zeit also, die andere Seite, die sowieso niemand sieht, zu beschmücken, um nicht absichtlich eine Katastrophe auszulösen, sondern maximal aus Versehen. Die hässlichsten Kugeln dürfen die Wand erfreuen und schon ist die sterbende Nordmann-Tanne wieder im Gleichgewicht mit der Natur und sich selbst … oder so ähnlich.

Höhepunkt

GESCHENKÄÄÄ!
CC BY-SA 2.0, Sander van der Wel

Zeit für die Geschenke. Schön verpackt und mit Schleifchen drapiert verdecken sie den Blick auf den Tannenbaumständer – dem einzigen Teil des Baumes, der nicht wirklich geschmückt wurde. Natürlich hat sie der Weihnachtsmann vorher schon gebracht; abends hat er halt zu viel zu tun, weshalb er bei der Familie schon ein paar Monate zuvor gekommen ist, ihnen Geld in die Hand gedrückt hat und ihnen eine Nachricht hinterließ, dass sie ihre Geschenke gefälligst selbst holen sollten, um ihre heimische Wirtschaft ordentlich anzukurbeln. Und was wurde geholt? Original importierte Ware aus den USA, China oder Japan. Das Einzige, was an die heimische Wirtschaft erinnert, ist der Tannenbaum, der nach dem Geschmack eines Familienmitglieds nun doch etwas wenig nach Weihnachten riecht. Glücklicherweise liegt eine Sprühdose mit Tannenduft bereit, mit der schnell das komplette Wohnzimmer vernebelt wird. Das Kind möchte gerne helfen und holt das Duftbäumchen aus dem Auto. Nach kurzer Zeit riecht die Stube wie ein bayrischer Urwald und hätte von Söder zum Naturschutzgebiet erklärt werden können, wären nicht alle Fenster aufgerissen worden, um mal ordentlich durchzulüften. Ist ja total stickig hier, kann ja kaum geatmet werden.

Endlich mal wieder frische Luft im Haus, jetzt können Geschenke ausgepackt werden – fast, denn vorher werden noch Wunderkerzen angezündet, danach wird einmal Oh, Tannenbaum gesungen. Die Wunderkerzen sprühen ihre Funken, es sieht wunderschön aus. In einem selbstlosen, aber doch solidarischen Akt findet der Tannenbaum nun auch, dass er brennen möchte und entzündet sich mithilfe eines Funkens spontan selbst. Das Geschrei ist groß, steht doch bald die ganze Bude in Flammen, wenn das Feuer nicht gelöscht wird. Doch wie es aus dem Fernsehen bei zahlreichen Dokus von N24 geheißen hat – gerade auch in Angesicht der zahlreichen Waldbrände in Kalifornien – ist die beste Möglichkeit, ein Feuer zu stoppen, ein Gegenfeuer zu legen, damit es sich nicht ausbreiten kann. Dementsprechend fängt nun auch der Fernseher an zu brennen, der muss es ja wissen; auf seinem Bildschirm liefen die nun vermutlich überlebenswichtigen Informationen. Reicht aber noch nicht, das Feuer kann sich noch ausbreiten. Schnell also noch das Bücherregal umgeschmissen und angezündet, bevor es sich bei der Nordmann-Tanne ansteckt und in Flammen aufgeht.

Das letzte Kohlebergwerk

Das war’s.
CC BY 2.0, Falk Lademann/coreforce

Das sinnlose Spektakel geht so lange weiter, bis die Familie völlig verrußt in ihrem Wohnzimmer steht. Alles ist abgebrannt. Aber die Wohnung ist dank sechs präzise gelegten Gegenfeuern gerettet worden. So kann Weihnachten doch noch schön werden – wären die Geschenke nicht auch als Zündholz für Feuer Nummer vier drauf gegangen. So bleibt alles, was noch übrig ist, der schwarze Schnee und passend zur Schließung von Prosper-Haniel sieht die Familie aus, als käme sie gerade von unter Tage.

Die ganze Szenerie bleibt jetzt so bis zu den Heiligen Drei Königen, wo drei völlig Fremde Gold (kann gut gebraucht werden), Myrrhe (damit die Wohnung wieder angenehm duftet) und Weihrauch (damit die Wohnung nicht mehr gesehen werden kann, weil alles vollgenebelt ist) vorbei bringen. Erst danach darf der nun nur noch als verkohltes Gerippe existierende Weihnachtsbaum nach draußen befördert werden, wo er dann von der Freiwilligen Jugendfeuerwehr zum Verbrennen beim nächsten Osterfeuer abgeholt wird.

Und das alles nur, weil wir zumindest ein bisschen an die Geburt Jesus Christus denken wollen, der beim Schlagen des Weihnachtsbaumes, dem Geschenkeeinkauf und dem feierlichen Anzünden der Wohnung kein einziges Mal bedacht wurde.

Frohe Weihnachten.

Kommentieren