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Hitze predigen und Kälte verteilen

Autor: Ewok 31. Januar 2019

Politik hautnah erleben
CC 0, Leonhard Lenz

Greta Thunberg heißt die junge Schwedin, die mit ihrem Schulstreik auf den Klimawandel hinweisen möchte.  Nicht nur hinweisen – sie will, dass wir handeln, „als wenn [unser] Haus brennt, denn das tut es„.

Schüler*innen deutschlandweit haben sich schon zusammengeschlossen und begonnen, freitags auf die Straße statt in die Schule zu gehen. Fridays For Future heißt die recht lose Bewegung – Freitage für die Zukunft. Doch damit brechen die Jugendlichen die Schulpflicht. Die Schüler*innen müssen im Unterricht sitzen. Was, wenn sie sogar eine Klassenarbeit oder Klausur verpassen? Die Bundesländer regeln es unterschiedlich.

Du willst doch nicht, dass wir bei den Eltern anrufen?

„Was bin ich lesend, ein Schulverweis?!“
PD, Joshua Reynolds

Bayern und Baden-Württemberg etwa haben klargestellt, dass die Schulpflicht Vorrang hat. Die Schüler*innen müssen schließlich etwas lernen. Verständlich, denn wenn man bei einer Demonstration bei der Schulpflicht locker lässt, wo soll das dann aufhören? Wenn den Schüler*innen Klimademonstrationen so wichtig sind, dann sollen sie sich anschließend hinsetzen und einen Aufsatz schreiben. Konsequenzen müssten in Kauf genommen werden. Und wer es in der nächsten Woche immer noch nicht verstanden hat, der muss mit drastischeren Konsequenzen rechnen: Die Eltern werden informiert.

Nichts täte ich als Elternteil lieber, einen solchen Brief in Ablage P zu legen.

Was im Bildungsplan steht

Schulen sind, stark vereinfacht, folgendermaßen aufgebaut: Es gibt Kompetenzen, die ein*e Schüler*in erreichen muss. Diesen Kompetenzen sind Themen zugeordnet, die im Unterricht behandelt werden müssen. Die Schule kann im schulinternen Curriculum diese Themen genauer spezifizieren und eigene, für alle dort unterrichtenden Lehrkräfte Vorgaben machen, was zu machen sei. Letztendlich entscheidet dann die Lehrkraft unter Berücksichtigung der eben genannten Dokumente und Vorlagen, was wann wie zu machen ist. Das nordrhein-westfälische Bildungsministerium beispielsweise verlangt in seinem Kerncurriculum für die Jahrgangsstufe 10 folgendes:

Die Schülerinnen und Schüler

  • beschreiben Formen und Möglichkeiten des sozialen Engagements von Jugendlichen,
  • ordnen Formen des sozialen und politischen Engagements unter den Perspektiven […] der demokratie als Lebens-, Gesellschafts- und Herrschaftsform, […]
  • erläutern Ursachen für und Auswirkungen von Politikerinnen- und Politiker- sowie Parteienverdrossenheit, […]
  • beurteilen unterschiedliche Formen sozialen und politischen Engagements Jugendlicher im Hinblick auf deren privaten bzw. öffentlichen Charakter, deren jeweilige Wirksamkeit und gesellschaftliche und politische Relevanz,
  • erörtern demokratische Möglichkeiten der Vertretung sozialer und politischer Interessen sowie der Ausübung von Einfluss, Macht und Herrschaft.

Im Endeffekt heißt dies auch, dass Schüler*innen verstehen sollen, wie Demonstrationen funktionieren und was für einen Platz sie in der Demokratie der Bundesrepublik haben. Lehrkräfte sollen Jugendliche aufzeigen, was sie politisch machen und erreichen können – gerade auch mit Blick darauf, dass das Bildungsministerium schon weiß, dass Politikverdrossenheit gefährlich sein kann.

„Und so, liebe Kinder, demonstriert man.“ – „Herr Cüppers, das ist eine Geige.“ – „Ich habe ja auch anfangs gesagt, wir machen es nur exemplarisch. Wehe dem, der wirklich auf Demos geht.“
CC BY-SA 3.0, Ines Kaiser

Nun ist Nordrhein-Westfalen nicht ganz so extrem drauf wie Baden-Württemberg und Bayern. Das Bildungsministerium hat explizit klargestellt, dass es den Schulen überlassen bleibt, ob die Schulleiter*innen mit Konsequenzen für die Schüler*innen ankommen. Genauso klar ist aber auch: Wer deshalb eine Klassenarbeit verpasst, muss mit einer Sechs rechnen. Das Bildungsministerium zieht sich also zurück und pocht – ganz deutsch – auf Regeln und Gesetze. Kulanzfälle werden kaum gegeben, immerhin ist die Eintragung als unentschuldigtes Fehlen in jedem Falle Pflicht.

Das Bildungsministerium verkennt die Chance

Leider übersieht das Bildungsministerium hierbei, wie viel Wert diese Worte haben. Bei Fridays For Future geht es keinesfalls mehr um eine Demo mit zehn angemeldeten Teilnehmenden, sie hat mittlerweile mediale Präsenz errungen, von der andere Bewegungen nur träumen können. Sie hat unbestreitbar gesellschaftliche Relevanz, von daher stellt sich in diesem speziellen Fall die Frage nicht, ob Schüler*innen dann zu jeder Demo laufen sollten – es geht in diesem Text ausschließlich um Fridays For Future. Es geht wort- und sprichwörtlich um die Zukunft der Kinder, die das selbst organisiert und auf die Beine gestellt haben. In der Schule wird beigebracht, wie Politik sein kann, dass Demonstrationen dazugehören, dass Demonstrationen etwas ändern und bewegen können. Dass die Bildungsministerium nun teilweise aktiv die Möglichkeit der Partizipation von Jugendlichen verhindern will, ist, gelinge gesagt, sehr schade. Einerseits will es, dass Jugendliche politisch aktiv sind – andererseits dann auch bitte nur in der Freizeit, denn wo käme Deutschland denn hin, wenn die Leute sich jenseits der Freizeit für Politik engagiert? Na bitte. So fördert das deutsche Bildungssystem aktiv das, was es eigentlich verhindern will: Politikverdrossenheit. Die Angst davor, sich politisch zu engagieren. Und das in einem jungen Alter.

Ehre, wem Ehre gebührt

Aber nicht nur Leute von Bildungsministerien benehmen sich ganz kartoffelig, es sind auch Leute aus dem – Überraschung! – rechtskonservativen Spektrum, die zunächst gegen Greta Thunberg vorgingen und nun auch gegen die Schüler*innen, die sich ihr anschließen.

Meinen höchsten Respekt deshalb an diejenigen, die sich davon nicht unterkriegen lassen und deshalb nicht zum Unterricht erscheinen. Die sich dem Bildungsministerium, das alles mit dem Hintern einreißt, was es mühselig aufgebaut haben, trotzen. Die den Leuten trotzen, die es „im wahrsten Sinne des Wortes“ „affig“ finden, wenn Kinder auf Bäume klettern. Die allen trotzen, die die Demonstrationen für „Kindertheater“ halten.

Ein Bewusstsein zu schaffen, nicht nur für sich, sondern auch für die eigene soziale, ökonomische und ökologische Umwelt, ist eines der Ziele des Politikunterrichts. Ziel erreicht.

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