Hauptseite Aktuelles Was Satire darf – und was nicht

Was Satire darf – und was nicht

Autor: Ewok 23. Mai 2019

Danke, Captain Obvious.
CC0 1.0, Schneebiene

Die Europawahl steht an! Zwischen Donnerstag und Sonntag sind, ganz grob gerundet, ein paar hundert Millionen Leute aufgerufen, ihr Kreuzchen bei einer der zahlreichen Parteien zu machen, die in das Europaparlament nach Straßburg Brüssel Straßburg Brüssel und Straßburg einziehen. 96 Personen schickt Deutschland dorthin, 96 Sitze sind zu vergeben und rein rechnerisch reicht knapp ein halbes Prozent1. Neben den klassischen Parteien CDU/CSU, SPD, B’90/Die Grünen, Die LINKE, FDP und AfD (fight me, ihr seid jetzt etabliert und gehört zu dem Kreis, zu dem ihr nie gehören wolltet) gibt es auch zahlreiche Kleinstparteien wie zum Beispiel die Grauen Panther, DiEM25 oder aber auch die gegen die Bundeszentrale für politische Bildung klagende Volt. Doch auch die Satirepartei Die PARTEI von Martin Sonneborn ist wieder mit dabei. Bei der letzten Europawahl 2014 haben die Satiriker*innen 184.709 Stimmen gesammelt. Das sind 0,6% der Stimmen, oder anders gesagt: Reicht für einen Sitz. Seitdem sitzt Sonneborn im Europaparlament und macht keinen Hehl daraus, dass er Satiriker ist: Er stimmt mit kleinen Ausnahmen abwechselnd mit Ja und Nein, unabhängig des eigentlichen Inhalts. Das ist aber ein klares Problem.

Wenn Satire zurückfeuert

Alle, die keine Meinung haben, sagen „Jein“ – „Ja nee.“
CC BY-SA 3.0, Olaf Kosinsky

In dem Europäischen Parlament werden manchmal wichtige, manchmal weniger wichtige Themen debattiert und auch über sie abgestimmt. Die Wichtigkeit dieser Themen ist rein subjektiv, aber wir können uns sicherlich alle darauf einigen, dass Sachen wie bspw. die Konversionstherapien bei Homosexuellen jetzt schon recht wichtig ist. Letztendlich geht es darum, dass versucht wird, Homosexuelle zu „heilen“. Anfang März hat das Europaparlament über ein Verbot dieser Therapien abgestimmt und sie mit großer Mehrheit verurteilt. Nach Sonneborns Terminkalender war zu dem Zeitpunkt ein „Nein“ an der Tagesordnung – er stimmte also gegen eine Verurteilung dieser Therapien.

Letztlich ist es seine Entscheidung, wie er darüber abstimmt. Er ist mit dem Versprechen in den Wahlkampf gegangen, abwechselnd Ja und Nein zu stimmen. Er hätte also eigentlich darauf kommen können, dass es zu gewissen moralischen Problematiken führen könnte und auch die Wähler*innen hätten sich dies vor Augen führen können … wobei, nein, eigentlich nicht, denn Die PARTEI hatte ja ein reales Wahlprogramm und beschloss sogar ein Grundsatzprogramm. Auch beim Wahl-O-Maten 2014, an denen sich gerade die jüngeren Wähler*innen orientieren, gab die Partei ernsthafte Antworten. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der Wahl-O-Mat KEINE Wahlempfehlung ist und jede Person, die nur aufgrund dessen ihre Wahlentscheidung trifft, noch einmal scharf nachdenken sollte, aber es ist nunmal eine nicht zu verneinende Orientierung. Und selbst wenn nicht, hey, da ist ja noch das Wahlprogramm.

Gerade aber in Abstimmungen wie der oben genannten kann sich aber gut erkennen lassen, wie hoch der Stellenwert der Satire bei Sonneborn liegt: extrem hoch. So hoch, dass auch die Schwächsten der Gesellschaft gerne mal unter die Räder kommen dürfen.

Ein krummes Verständnis von Demokratie

Könnte genauso gut im Parlament sitzen und abstimmen: Caillou mit Haaren
PD, David Terry

Nun kann natürlich gedacht werden: „Moment, 465 Abgeordnete stimmten dafür, und nur 109 waren dagegen, da kam es jetzt auf eine Stimme nicht wirklich an, oder etwa doch?“, aber damit kann so vieles begründet werden. Eine Stimme kann immer viel bewirken, sonst hätten wir die Demokratie vermutlich schon längst abgeschafft. Die PARTEI vertritt rein rechnerisch rund 850.000 Menschen aus Deutschland, obschon nur ein Achtel von denen die gewählt haben. Und das ist eine verdammte Menge, die er da repräsentieren muss. Natürlich ist es absurd, zu denken, dass ein*e Wähler*in mit dem Wahlprogramm einer Partei immer zu 100% übereinstimmt, aber Sonneborn zieht den Karren damit ziemlich durch den Dreck, da er sich noch nicht einmal 5% darum bemüht. Wird das Abstimmungsergebnis einer nicht eingeweihten Person gezeigt, denkt die sich nicht „Oh, da hat Die PARTEI aber einen ganz gewaltigen Gag gelandet“, sondern „Oh, 109 Abgeordnete sind wohl dagegen, Konversionstherapien zu verurteilen“. Das sind letztlich 18% der Gesamtabgeordneten und hat nach außen hin ein anderes Bild. Schlussendlich haben auch ganz geringe Anteile an sich Wissenschaftlern nennenden Klappspaten einen gewaltigen Einfluss auf die Klimadebatte, wenn sie behaupten, er sei nicht von Menschen verursacht, und sich alle darauf stürzen. Sonneborn geht als Zahl unter und ist vermutlich der einzige, der sich ins Fäustchen lacht, weil er sich sagen kann, dass seine Satire zieht. Hmh. Nein. Er repräsentiert 850.000 Menschen und hat für sie mit „Nein“ gestimmt. Und das ist nur eine Momentaufnahme von vermutlich mehreren als „Satire“ gekennzeichneten Fehltritten. Da hilft es auch nicht, dass Die PARTEI Niedersachsen versucht, es nachträglich noch als Gag zu deklarieren: Da bis heute niemand wirklich davon hörte und sich Die PARTEI zwei Monate später noch dazu erklären muss, zeugt davon, dass das nicht durchdacht, sondern ein Flop war.

Was das Ziel von Satire ist

„Hast du gerade ernsthaft gesagt, dass wir Kinder an der Grenze erschießen müssten?“ – „Ja, aber das war Satire, Mann.“ – „Ach so, dann ist ja gut.“
PD, Autor unbekannt

Das Problem der Satirepartei ist ein sehr grundlegendes und greift tief in das Verständnis von Satire. Der NDR respektive extra3 hat sich 2009 bereits mit der Frage auseinandergesetzt, was Satire eigentlich alles darf, und hat dazu einen extrem lesenswerten Artikel geschrieben. Womit sich Jesko Friedrich allerdings nicht befasst hat, ist die Frage, ob Satire sich überhaupt politisch betätigen darf.

Grundsätzlich kann auf die Frage, was Satire eigentlich darf, „Alles“ geantwortet werden. Das liegt in der Natur der Frage, denn Satire darf alles. Das nehmen dann aber auch gerne mal viele zum Anlass, politisch unkorrekt zu sein oder Schrödingers Positionen zu vertreten: Eine Position ist so lange ernst gemeint, bis sie jemand anprangert, dann ist es Satire und der Diskussionspartner ist ein Klappspaten, weil er den satirischen Wert nicht erkannt haben will. Prangert es niemand an, bleibt es unkommentiert stehen und wird für bare Münze genommen. Die Frage ist also nicht „Darf Satire alles?“, sondern „Ist das Satire?“.

Satire muss, wie Friedrich korrekt darstellt, wehtun. Sie darf übertreiben, polemisieren, anecken, aber vor allem muss sie Missstände aufdecken. Sie darf nicht einfaches Rezitieren oder gar eine Nachahmung von aktuellen politischen Geschehnissen sein. Und sie darf nicht nach unten treten.
Sonneborn möchte die Missstände in dem Europäischen Parlament anprangern, macht dies dann aber auch auf Kosten der Schwächeren. Die Abstimmung oben ist nur ein Beispiel. Insofern ist das Ganze in meinen Augen schon keine Satire mehr, die Sonneborn dort betreibt. Gehen wir den Gedankengang von Friedrich einmal durch: Wer ist der „Feind“ an dieser Stelle im satirischen Prozess? Eine gut durchdachte Satire muss ja irgendeinen Feind haben, sonst ist es keine Satire mehr. Die Homosexuellen? Wenn sie der Feind sind, dann ist das verabscheuungswürdig. Die Wähler*innen, die die Partei gewählt haben? Dann wäre die Frage: Warum? Das System des Europäischen Parlamentes selber? Warum dann genau bei so einer Abstimmung? Es bleibt problematisch, da der genaue Feind nicht ausgemacht werden kann.

Die PARTEI wird Teil dessen, was sie anprangert

„Und stellt euch vor, was diese Politiker im Europaparlament so alles verkacken!“ – „Moment mal, haben wir dich nicht auch da reingewählt?“ – „Ja, schon, aber ich bin ja Politiker, äh, Satiriker!“
CC BY-SA 2.0, Jared and Corin

Bleibt eigentlich nur noch übrig, dass das System als solches ein Feind ist. Dieser Gedankengang liegt nahe, wenn Sonneborn 2014 sagte, er möchte die Personen vertreten, denen Europa eigentlich egal ist. Das System als Feind zu deklarieren, ist per se erst einmal nicht verkehrt, denn das System kann vieles sein, von Hartz-IV-System über das Wahlsystem hin zum Bürokratismus der Europäischen Union, der oftmals wie ein Papiertiger wirkt.

Dadurch, dass Die PARTEI allerdings im Europäischen Parlament sitzt, werden Probleme aufgeworfen, die wohl nicht bedacht worden sind: Als Teil des Europäischen Parlaments sind sie auch Teil des Systems, das sie anprangern und satirisch aufarbeiten wollen. Sonneborn kann neue Mittel nutzen, weil er als Abgeordneter gewisse Privilegien genießt, aber macht dies nur aus satirischen Gründen. Satire möchte jedoch Missstände anprangern und dazu anhalten, sie zu beseitigen. Das geschieht jedoch nicht. Der PARTEI kann vorgeworfen werden, sie prangert Missstände an, ohne sie aber selbst beseitigen zu wollen. Sie wird damit Teil des eigentlichen Problems. Und das geht über die „Hey, du prangerst das BAföG-System an, obwohl du selbst BAföG kassierst“ oder „Hey, du prangerst den Abbau von Rohstoff X an, der problematisch ist, benutzt aber selbst Geräte, die Rohstoff X brauchen“-Vorwürfe hinaus. Hier wurde nicht eine Spontanentscheidung getroffen, hier wurde systematisch Wahlkampf gemacht und „satirisch“ aufs Korn genommen. Sie haben sich bewusst dafür entschieden, so zu agieren, und es wurde ihnen nicht aus finanziellen (BAföG) oder gesellschaftlichen (Rohstoff X) Zwängen auferlegt.

Satire muss anders arbeiten, damit es Satire bleibt

extra3-Redakteure diskutieren im Keller der Hamburger Sendeanstalt, was sie als nächstes machen.
CC BY-SA 2.0, SuSanA Secretariat

Satire kann von außen agieren, sie muss nicht in Parlamenten sitzen, um Missstände anzuprangern. Weder Welke noch Ehring oder Uthoff sitzen in irgendwelchen Parlamenten und das ist auch richtig so. Wenn sie Probleme in der Politik anprangern wollen, für die sie als Abgeordnete letztlich selbst (teil-)verantwortlich sind, schießen sie sich sprichwörtlich ins eigene Knie, denn sie versuchen, sich selbst aufs Korn zu nehmen. Das kann nur nach hinten losgehen. Abgesehen davon kann dann auch nicht mehr von Satire gesprochen werden, sondern von Wahlkampf, gerade jetzt zur Zeit der Europawahl 2019, denn primäres Ziel ist nicht mehr das Anprangern von Missständen und deren Behebung, sondern ein „satirischer Wahlkampf“ – und schon verkommt Satire zu einem reinen Adjektiv mit einem Ziel, das mit Satire nicht mehr viel gemein hat.

Nico Semsrott hat im Zuge der Europawahl 2019 ein Interview mit der ze.tt geführt, in der einige gute und auch wichtige Sachen genannt werden. Wie weit darf Satire eigentlich gehen? Ist Die PARTEI zu ernst in manchen Sachen?
Er nimmt auch Stellung zu der Abstimmung von Sonneborn bzgl. der Konversionstherapien und fragt nach, warum wir nicht lieber Manfred Weber (CSU) darauf festgenagelt haben, dass er ebenfalls mit „Nein“ stimmte. So schrecklich es auch ist, dass der Kerl ebenfalls so abgestimmt hat – von ihm haben es die Leute erwartet. Von Sonneborn nicht. Diese Debatte war und ist nicht absurd, denn sie ist mit einem anderen Blickpunkt geführt worden: Darf Satire das? Ich sage: Satire darf alles. Aber nicht alles ist Satire.

Satire muss also fernbleiben von dem, worüber sie berichtet, sonst verwässert sie und der Satiriker wird zu dem, was er selbst noch lustig fand. Das ist schade – und gefährlich.

—-
1
Warum das nicht 1,2% oder sonstwas sind, liegt an dem Auszählungsverfahren. Eine genauere Erklärung ist auf Wahlrecht zu finden.

Disclaimer: Das ist die persönliche Meinung eines Mitglieds des Autorenkollektivs. Das ganze Thema Satire ist streitbar und es ist auch gut, dass es streitbar ist. Es kann sein, dass in zehn Jahren andere Ansichten zur Satire vorherrschen, dass sich die Gesellschaft verändert hat etc. Selbst im Autorenkollektiv sind wir nicht einer Meinung.

Und das ist auch gut so.

Kommentieren