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Die letzte Umarmung

Autor: D. E. Orange 12. Juni 2019

„Da wären wir mal wieder.“ sagte er. Sie lächelte ihn an, als sie sich auf den Beifahrersitz seines Autos fallen ließ. Ja, da waren sie wieder. Er ließ den Motor an und fuhr los. Mit dem Zeigefinger tippte er auf das Autoradio und eine CD mit Liedern ihrer gemeinsamen Lieblingsband „Die Ärtze“ sprang an. „Du bist immer dann am besten, wenn du einfach ganz normal bist“, verkündete Bela Bs Stimme aus den Lautsprechern. Doch so recht Bela mit seiner Aussage hatte, hier war gerade nichts normal. Überhaupt nichts.

Rückblende. Ein gutes Jahrzehnt zuvor waren die beiden zufällig bei einem kleinen Stadtfest ineinander gestolpert. Die Entschuldigung ging ansatzlos in Smalltalk über. Man mochte sich auf Anhieb. Man verbrachte den Rest des Abends quatschend zusammen, die Nummern wurden getauscht und in den kommenden Wochen wurde weiter geschrieben und telefoniert. Als sie relativ bald feststellten, dass sie ihre Liebe zur gepflegten Gitarrenmusik und exzessivem Konzertgehen teilten, fuhren sie sich von dort an gegenseitig zu allen Veranstaltungen die Zeit und Budget zuließen hinterher. Ein Paar wurden sie nie und der Gedanke daran allein war ihnen schon fremd. Und doch, sie waren ein gutes, eingespieltes Duo für viele Jahre.

Doch nun kriselte es bereits seit einigen Monaten. In letzter Zeit war viel passiert. Während seine Welt zu stagnieren schien, drehte sich ihre nahezu in Lichtgeschwindigkeit weiter. Sie entfernten sich schleichend voneinander. Sie meldeten sich seltener, sie hatten sich weniger zu erzählen und wurden sich fremder. Ihn traf dies härter als sie, denn er mochte keine Veränderungen und hing zudem mehr an ihr, als er es gerne zugegeben hätte. Kurzum – Ein mögliches Ende ihrer Freundschaft war ein Schreckensszenario für ihn, welches ihm nichts anderes als Angst machte. Als nicht mehr zu leugnen war, was die latente Verlustangst in ihm ausgelöst hatte ließ er die Bombe platzen. Er machte ihr eine Liebeserklärung, die sie verwirrt von sich schob. Sie beschlossen, diese Sache zu übergehen und weiter zu machen wie immer. Doch es bröckelte, Er sah es genau und sie tat so, als würde sie es nicht sehen.

Nun saßen sie nebeneinander im Auto, zwischen ihnen Musik und eine unsichtbare Barriere, die sich nach einer kurzen, fröhlichen Begrüßung wieder zwischen sie geschoben hatte. Normalerweise hätten sie keine Musik im Auto gebraucht. Sie war eine Quasselstrippe. Autofahrten verbrachte sie normalerweise damit, ihm haarklein aus ihrem Arbeitsalltag oder von anderen Dingen zu erzählen und dabei gestenreich mit den Armen in alle Richtungen zu fuchteln, während er es einfach genoss. Er mochte ihre Stimme und ihre Art zu reden, daher beunruhigte ihn die Stille, die nun zwischen ihnen eingekehrt war. Er sah zu ihr herüber. Sie tippte auf ihrem Handy herum und chattete mit Leuten, die bereits an ihrem Fahrziel angekommen waren.

Sie waren auf dem Weg zu einer Party von Bekannten. Genau genommen waren es ihre Bekannten. Sie hatte sie im letzten halben Jahr kennen gelernt und zunehmend viel Zeit mit ihnen verbracht. Er selbst hatte keinen der Leute zuvor zur Gesicht bekommen, doch sie wollte ihm diese Leute unbedingt mal vorgestellt haben, daher hatte er ihr versprochen, mit ihr dort hin zu fahren. Er hatte zwar das dumpfe Gefühl, dort zum unerwünschten fünften Rad am Wagen zu werden, aber er hatte es ihr nun einmal versprochen – Und seine Versprechen hielt er immer. Ihr gegenüber insbesondere. Zumal er derzeit ohnehin nach jedem noch so dünnen Strohhalm griff und etwas Zeit mit ihr zu verbringen. Und immerhin hatte sie ihn im Gegenzug versprochen, zwischen ihm und ihren Bekannten zu vermitteln.

Die 35 Minuten Fahrt waren ihm quälend lang vorgekommen. Sie hatte unentwegt ins Handy gekichert und zwischendurch mit dem Arm in die korrekte Fahrtrichtung gewiesen, sonst jedoch die Kommunikation weitestgehend am Nullpunkt gehalten. Sie kamen an einem kleinen Einfamilienhaus zum stehen, in dem die Feier stattfinden sollte.

Sie gingen hinein. Sogleich entdeckte sie einige bekannte Gesichter, beschleunigte ihren Schritt, warf sich lachend in eine Gruppe ihm unbekannter Personen und verschwand mit ihnen im Gewirr der Räume. Er blieb verwirrt im Eingangsbereich stehen, warf seine Jacke achtlos auf ein Regal knapp oberhalb seiner Kopfhöhe und fragte sich von diesem Moment an, was zum Henker er hier eigentlich tat,

Daran sollten die kommenden Stunden nicht viel ändern. Auch wenn er sich bemühte, in das ein- oder andere Gespräch einzusteigen, er fühlte sich fremd. Diese Leute tickten anders als er. Sie hatten andere Hobbys, einen anderen Hintergrund, hörten andere Musik und vor allem interessierten sie sich nicht für ihn. Und von ihr war kaum eine Spur zu sehen. Hin und wieder entdeckte er sie im Gespräch mit anderen Leuten, von denen er maximal den Namen kannte. Er näherte sich ihr, doch in diesen Momenten wechselte sie den Raum oder jemand anderes nahm sie zur Seite. Er sah ihr hinterher und fühlte sich nur noch elend an diesem Ort. Er setzte sich an einen Tisch ins Nirgendwo und wartete auf die Dinge, die da kamen oder einfach nicht kommen wollten. Nur ab und an huschte sie vorbei und er sag ihr zunehmend flehend nach. Er fand sich nicht zurecht und brauchte ihre Unterstützung. Schließlich war er nur ihr zur Liebe auf diese gottverdammte Party gekommen und nun war sie überall und bei jedem, doch ihn ignorierte sie als sei er auch für sie der Fremde, der er ja bereits für so ziemlich alle anderen hier war. Sein Frust wuchs. Und die einzige Person, die daran etwas hätte ändern können blieb verschwunden und wich seinen Blicken aus.

Gegen Mitternacht war er es Leid. Während er allein an seinem Tisch hockte – ihm gegenüber ein Fremder, der mehr sich selbst als ihm eine detaillierte Beschreibung seiner letzten Liebesnächte lieferte, sah er sie keine 4 Meter entfernt in einer Gruppe ihres neuen Freundeskreises stehen, doch mittlerweile war ihm ihr ewiges Ausweichen so unangenehm geworden, dass er sich schon nicht mehr traute, seine Freundin überhaupt noch anzusprechen. Ihm kam die Frau mit dem so vertrauten Gesicht hier wie eine Fremde vor und allein schon diese Erkenntnis tat ihm weh. Und so schrieb er – obwohl sie eigentlich ja in Hörweite stand – ihr eine Nachricht auf WhatsApp. „Hey. Ich glaube, hier läuft gerade etwas schief. Wir sollten vielleicht besser mal reden.“ Er schickte die Nachricht ab und beobachtete, wie sie ihr Handy aus der Hosentasche zog und kurz auf seine Nachricht sah. Sie blickte auf und sah in seine Richtung. Sie sahen sich in die Augen. Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Drei Sekunden. Dann schüttelte sie leicht den Kopf, senkte den Blick und widmete sich wieder den Leuten um sie herum. Er verstand die Welt nicht mehr. Er musste hier raus. Er schnappte sich seine Jacke, öffnete die Haustür und setzte sich auf den Treppenabsatz draußen vor dem Haus. Sie sah ihm nach, machte jedoch keine Anstalten, irgendetwas zu tun. Sie konnte und wollte nicht. Nicht hier. Nicht jetzt. Nicht für ihn. Nicht mehr.

Eine Stunde später saß er noch immer allein vor der Tür. Plötzlich vibrierte sein Handy. Eine Nachricht. Von ihr. „Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, nochmal zu reden.“ schrieb sie. „Ich spüre deine Blicke. Und ich will das alles so nicht mehr.“ Er hatte verstanden. Einen Moment lang überlegte er ob es nicht besser wäre, kommentarlos auf Nimmerwiedersehen von diesem Ort zu verschwinden. Er zögerte. In dem Moment, als er sich dazu entschieden hatte, die Szenerie nun final zu verlassen, öffnete sich die Tür und er bemerkte, dass sie es war, die nun hinter ihm stand. Er drehte sich um und bemühte sich doch nach Kräften, sie jetzt bloß nicht anzusehen.
„Ich denke, ich gehe dann mal“ sagte er zu einem Punkt am Türrahmen knapp neben ihrem Kopf. Sie nickte kaum merkbar. Wie von einer unsichtbaren Kraft im Rücken nach vorn geschoben machte sie mechanisch zwei Schritte auf ihn zu. Dann streckte sie wie in Zeitlupe die Arme aus, griff seine Schulter und versuchte ihn langsam an sich heran zu ziehen. Er wusste nicht wie ihm geschah. Dann begriff er. Er zwang sich, seine fast unerträgliche Anspannung zu lösen und legte seinen Arm um ihren Rücken. Sie legte ihr Kinn auf seine Schulter. Ihr Haar streifte seine Wange. So verharrten sie ein paar Sekunden, die wie eine Ewigkeit schienen ohne etwas zu sagen oder sich in die Augen zu sehen.

Er hatte Umarmungen immer gemocht. Dieser kurze Moment körperliche Nähe zu Menschen die ihm etwas bedeuteten sagten für ihn oft mehr als tausende von Worten es hätten tun können. Doch so wie diese Umarmung hier in diesem Moment hatte sich für ihn noch nie eine angefühlt. Es lag etwas endgültiges in der Luft. Und es war auch etwas endgültiges. Sie hatten dies hier gewiss schon hunderte Male gemacht, doch diese Umarmung hier war nun unwiederbringlich ihre letzte. Sie beide wussten es. Eine Welle des Schmerzes durchzuckte sie. Der Schmerz einer sterbenden Freundschaft. Der Abgesang eines gemeinsamen Jahrzehnts voller Erinnerungen und Gefühlen komprimiert in einer kurzen Berührung. Ihre Blicke wurden leer. „Goodbye“ hauchte er kaum hörbar in den Haarschopf auf seiner linken Schulter. Dann ließen sie voneinander ab. Mit gesenktem Blick zog sie sich zurück ins Haus, während er sich umdrehte und sein Auto ansteuerte ohne sich noch ein letztes Mal umzuwenden.

Als er wieder im Auto saß fühlte er sich elend wie selten in seinem Leben. Doch es nützte nichts. Er machte sich auf den Heimweg. Nach wenigen hundert Metern tippte sein Finger ans Autoradio. Farin Urlaub meldet sich und stellt die Frage aller Fragen

„Es heißt, dass jedes Ende auch ein Anfang wär, doch warum tut es so weh und warum ist es so schwer?“

Er muss anhalten. Es zerreißt ihn. Alle Schleusen öffnen sich. Er heult hemmungslos. Eine halbe Stunde lang, bevor er sich halbwegs fängt. Mit dem Kopf auf dem Lenkrad steht er in der Dunkelheit. Eine innere Leere überkommt ihn. Ungerührt steigt Farin Urlaub wieder ein.

„Ich sage dir, wir haben hell geleuchtet und vieles was wir taten hat Bestand. Man wird sich lange noch an uns erinnern. Du musst jetzt stark sein. Hier, nimm meine Hand.“

Schluchzend greift er in Richtung Beifahrersitz. Doch dort ist niemand. Er ist allein. Völlig allein.

Noch eine Stunde starrt er in die Dunkelheit über seinem Lenkrad, dann fährt er heim. Sie haben sich nie wieder gesehen. Zum Glück hat er noch andere Freunde. Doch noch oft fragt er sich wo sie wohl heute ist und wie es ihr wohl gehen mag. Die Jahre lassen sich schließlich nicht wegwischen. Zumindest nicht für ihn.

Vielleicht werden sich ihre Wege irgendwann in ferner Zukunft noch einmal kreuzen. Vielleicht sogar wieder auf irgendeinem kleinen Stadtfest. Er weiß nicht wann, wie oder ob dies jemals passieren wird. Er weiß nur eines: Seine Arme werden offen sein. Trotz allem. Das Leben dreht sich weiter. Und manchmal, in einem einsamen Moment, wenn er seine Augen schließt, dann ist dieser Moment plötzlich noch einmal da. Die letzte Umarmung. Der Schlussakt einer über Jahre wunderbaren Freundschaft.

Und für diese Jahre wird er immer dankbar sein.

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