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Nahverkehrsmakake

Autor: D. E. Orange 28. September 2019

Scheiß die Wand an, ist der Nahverkehr teuer geworden“ denke ich als ich am Ticketautomaten stehe und ein Tagesticket für eine Hin- und Rückfahrt nach Essen ziehe. Ich fahre nicht oft mit den Öffentlichen. Nicht aus Prinzip. Ich habe einfach gern ein Lenkrad vor der Nase. Solange es die in der Bahn nicht serienmäßig in jeder Sitzreihe gibt bin ich daher nur mäßig beeindruckt. Am heutigen Freitag-Abend jedoch lautet die Auswahl „Lenkrad vor der Ömme oder Nüchtern auf der Party.“

Klare Entscheidung: Heute folge ich dem Gesetz der Schiene.

Die Bahn kommt pünktlich, ein Sitzplatz ist vorhanden und ich lasse mich fallen. Alles läuft wie am Schnürchen. Ein Hoch auf die Bahn, mit der kann man fahr’n. Ich bleibe gemütlich sitzen und schalte innerlich ab.

An der vorletzten Haltestelle steigt ein verhinderter Terminator mit Weste ein. Fahrkartenkontrolle. Kein Problem. Ich halte Schwarzeneggers türkischem Schwager mein Ticket vor die Nase und merke im gleichen Moment – Oh. Ich bin gearscht.

Ja. Ich habe eine Fahrkarte gekauft. Was ich jedoch in meiner mir eigenen Volldusseligkeit vergessen habe, ist diese auch mal in die orangene Knipskiste zu halten und zu entwerten.

Den Ausweis bitte“, sagt Ankara-Arnie in aller Seelenruhe. Ich tue wie befohlen und schon schreibt er mir 60 Euro Bußgeld auf. Ich versuche zu verhandeln. Aber ich hätte schon aus den Filmen wissen sollen, dass ein mit Steroiden zugepumpter Cyborg kein adäquater Verhandlungspartner ist.

Ich verstehe ja dass das ärgerlich ist aber ich habe da keinen Spielraum“, sagt Arnie. Aber Sie können sich ja Montag im Kundencenter am Essener Hauptbahnhof melden, vielleicht haben die ja Verhandlungsspielraum.“

Nun gut. Ich habe keine andere Wahl. Am nächsten Morgen fahre ich erneut nach Essen. Ich habe gesehen, dass die auch Samstags auf haben. Gegen 11 Uhr betrete ich ein gähnend leeres Kundencenter. Es ist so still, dass man den Fliesen beim Verstauben zuhören kann. Nur ein einsamer Wackeldackel auf einem Schreibtisch nickt still vor sich hin. Doch selbst er wirkt irgendwie depressiv verstimmt auf mich.

An einem Schalter sitzt eine einzelne Mitarbeiterin, eine Dame um die 60. Sie sieht mich an und ihr Blick sagt mir: „Ich hasse mein Leben, meinen langweiligen Job und am allermeisten hasse ich DICH, du Bückstück. Geh weg so lang du es kannst.“  Aber ist nicht. Ich habe etwas zu klären und ich WERDE es klären

Ich grüße die Dame freundlich und lege ihr meinen Bußgeldbescheid auf den Tisch. „Mir ist da gestern ein Malheur passiert. Das war so…“

Halt! Stop!“ unterbricht sie mich. „Da gucke ich erstmal in den Computer, ob der Vorgang schon angelegt wurde. Vorher reden wir hier nicht weiter.“ Sie beäugt den Bescheid als wäre er etwas Verwesendes.

Nein! Der Vorgang ist nicht in meinem System!“ verkündet sie zwei Sekunden später, ohne den Computer auch nur angesehen zu haben. 

Hören Sie ich bin extra aus….“

Nein! Ich will das alles nicht hören. Wir brauchen hier nicht zu diskutieren. Sie können mir hier jetzt einen vom Pferd erzählen, ich kenne das alles schon.“

Ja welche Pferdestorys kennen Sie denn schon? Erzählen Sie mal ein paar. So für Leute wie mich die nie die Wendy abonniert haben. Dann haben wir vielleicht eine Grundlage auf der wir weiterreden können“ schlage ich vor. Ich ernte einen Blick, mit dem Stauffenberg seinen Auftrag auch ohne Ledertasche hätte ausführen können.

Sie sollten gehen“ verkündet die Dame und schiebt meinen Bußgeldbescheid von sich. „Kommen Sie Montag wieder, da ist jemand anderes hier.“

Montag geht nicht.“

Warum?“

Ich bin nicht so arbeitslos wie ich aussehe.“

Ja, das ist nicht mein Problem.“ Sie lehnt sich in ihrem Sessel zurück und verschränkt die Arme.

Hören Sie, können Sie mir nicht vielleicht eine Auskunft geben, inwiefern…“Nein. Ich habe den Vorgang nicht im System, ich kann gar nichts.“

Ich werde langsam echt sauer. „Ey, wenn ich hier nicht wenigstens meine Frage zu Ende stellen kann, mach ich Ihnen hier gleich den Makaken.“ sage ich, nun doch auch deutlich ungehaltener. Schweigen von der anderen Seite des Schreibtischs.  Ich setze erneut an. „Also, ich hatte ein Ticket gekauft und….“

NAHAIN! Wir brauchen es nicht zu diskutieren, ich will kein Wort davon hören!“ sagt die Dame und hält sich demonstrativ die Ohren zu.

Jetzt reicht es. Ich trete zwei Schritte zurück. Dann springe ich aus dem Stand auf den Schreibtisch meiner neuen Busenfreundin, pfeffere alle Papiere vom Tisch, werfe den Computerbildschirm um, drehe einen Kugelschreiber durch einen Bleistiftanspitzer und schwinge die Maus wie ein Lasso über meinen Kopf. Dabei wippe ich in den Knien auf und ab und gebe Affenlaute von mir.

Was in Gottes Namen tun Sie?“ fragt die Dame entsetzt.

Ich habe Ihnen gesagt, wenn Sie nicht zuhören mache ich Ihnen den Makaken“ antworte ich ruhig und lasse die Maus im hohen Bogen an die Glaswand prallen. Dann nehme ich den nächsten Computer-Bildschirm fest in beide Hände, reiße ihn hoch und lasse ihn, den Brunftschrei des Zwergschimpansen ausstoßend auf dem Boden zerschellen.

Sie hören jetzt sofort auf damit!“ schreit die Dame in einer Tonlage für die die Bee Gees getötet hätten.

Moment. Sie kennen das Finale noch nicht“ sage ich und halte ein. Dann lasse ich die Hose runter und kacke auf den Schreibtisch. Der Wackeldackel nickt voller Respekt und Anerkennung.

Das machen Sie sofort weg!“ schallt es mir entgegen. Ich zeige auf den Haufen und sage: „Das, gute Frau, ist leider nicht in meinem System. Da müssen wir nicht weiter diskutieren.“

Schweigen. Triumphgefühl. Fünf Sekunden. Dann werfen sich zwei Herren vom Sicherheitsdienst auf mich. „So ist die Natur“ denke ich. „Gegen zwei Gorillas hat ein kleiner Makake keine Chance“. Der Dackel versinkt wieder in Trauer.

Am Ende muss ich die 60 Euro schließlich doch zahlen.

Und 800 Euro wegen Erregung Öffentlichen Ärgernisses.

Und 2400 Euro wegen Sachbeschädigung.

Wie gesagt. Der Nahverkehr ist echt teuer geworden.

Ein Glück, dass ich in den nächsten Jahren sowieso nicht mehr mitfahren darf.

(Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich als Bühnentext konzipiert und wird durch D.E.Orange unter bürgerlichem Namen als solcher verwendet. Sollte er Ihnen zufällig in diesem Zusammenhang über den Weg laufen, sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt)

 

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