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Das hier ist Punk, verdammt!

Autor: D. E. Orange 28. Oktober 2019

Warum zum Fick hab ich mich auf diesen Scheiß eingelassen?“  frage ich mich etwas zu laut und etwas zu nah am offenen Mikrophon stehend. Es ist der 11.Dezember 2004. Ich bin 16 Jahre alt und heute stehe zum ersten Mal mit meiner Band auf einer Bühne.

Rückblick; 2 Monate zuvor. Am Samstag, den 16.Oktober 2004 feiert mein Kumpel Basti seinen 17.Geburtstag und alle seine Freunde – also Steffen und ich – sind da. Basti hat zwar erst am 18. Geburtstag, aber das ist ein Montag und folglich ist dieses Wochenende näher dran als das kommende. So viel Pragmatismus muss ja wohl erlaubt sein.

Basti hat den Schnapsschrank seiner Großmutter ausgeräumt. Eine Flasche Batida Kirsch und eine Berentzen Apfel, die vermutlich bereits in den späten 90ern nicht mehr genießbar waren kreisen durch die übersichtliche Runde. Die Saat für dämliche Teenager-Ideen ist gesät. Die Ernte folgt auf dem Fuß.

Lasst uns eine Band gründen!“ ruft Basti. „Geile Idee!“ antworte ich umgehend. Steffen sagt nichts, aber für Änderungen des Grundgesetzes genügt ja auch eine 2/3-Mehrheit, also ist er dabei, egal was er behauptet. Steffen fügt sich.

Ich bin der Gitarrist“, verkündet Basti. „Ich auch.“ sage ich. „Äh. Ich bin auch Gitarrist.“ sagt Steffen. Hm. Kann irgendwie nicht so ganz aufgehen.

Normalerweise sollte jeder ja spielen was er spielen kann, aber eine Band bei der niemand auch nur irgendetwas spielt ist auch kein lohnendes Grundkonzept, also treten wir in zähe Verhandlungen ein, an deren Ende folgendes Ergebnis steht: Basti ist der Gitarrist, er hatte die Idee und es ist ja schließlich SEIN Geburtstag. Steffens Eltern besitzen ein Autohaus, folglich sind sie Kapitalistenschweine und können ihm einen Bass kaufen und für mich bleibt das Schlagzeug übrig. Ich habe zwar keins, aber laut Basti ist das egal. Denn wer schon mal aut einem Konzert war, der weiß, dass das Schlagzeug immer bereits steht, wenn die Band auf die Bühne kommt, also müssen wir selber ja keins haben. Das leuchte ja wohl ein.

Und was ist mit Proben?“ frage ich vorsichtig. Da weiß Basti dann auch keine Antwort außer… Ja. Da musst du improvisieren“

Was dieses „Improvisieren“ bedeutet stellt sich erstmals eine Woche später heraus, die ich erfolgreich damit verbracht habe meinen Opa davon zu überzeugen dass seine Gartenlaube ein toller Proberaum für uns wäre. Ich sitze hinter einer Monströsität aus Pfannen, Töpfen, einem Grillrost und einer Marschkapellentrommel als Basedrum, die ich mit einer selbstgebastelten Vorrichtung aus Nähgarn, einem Gummihammer und den Pedalen meines Lenkrads für PC-Autorennspiele bediene und schlage mit zwei Holzlöffeln auf dieses Etwas ein. Gegenüber von mir quälen sich Basti und Steffen durch eine beklemmend schiefe Version von The Clashs eigentlich ja wunderbarem „Should I stay or should I go?“ und die Antwort erübrigt sich bereits nach den ersten Takten. Gehen wäre die bessere Alternative. Aber das tun wir nicht, denn das hier ist Punk, verdammt.

Als es darum ging, was für Musik wir überhaupt spielen, waren wir uns überraschend schnell einig.Punkrock der 70er und 80er sollte es sein. Erstens hatten wir gerade diese Phase, zweitens hatten Bastis Eltern die entsprechenden Platten in der Sammlung und drittens ist diese Musik so einfach gestrickt, dass auch saucoole Volldilletanten wie wir sie problemlos spielen können.

Dachten wir.

Stimmt aber nicht.

Steffen hatte zwar einen Nachmittag im Internet verbracht und ausgedruckte Notenblätter einschlägiger Songs mitgebracht, aber was nützt das, wenn ausgerechnet der Schlagzeuger der einzige ist, der Noten lesen kann. Allerdings nicht spielen. Das sind zwei Paar Schuhe. Und so verbrachten wir unsere Probezeit damit, uns die Lieder anzuhören und darauf zu vertrauen, dass jeder einzelne von uns sich seinen Part rein durch Hören und Probieren irgendwie selbst draufschafft. Ja gut. Mit Glaube geht vieles. Aber halt nicht alles.

Ein paar Wochen später hat Basti etwas dramatisches zu verkünden. „Ich kenn da einen, der lässt uns in seinem Club auftreten. Als Vorband. Der Vorband. Der Vorband.“ Ich frage mich in der folgenden Zeit, was das für ein Typ sein soll, der uns freiwillig auftreten lässt und die Antwort erhalte ich, als ich an ebenjenem 11.Dezember 2004 einen Hip-Hop-Schuppen in der Nachbarstadt betrete, dessen Besitzer Rastas um die Halbglatze herum trägt und dessen auf links getragenes Cypress Hill-Shirt mit Cannabisfragmenten übersät ist. Eminem und 50Cent dröhnen aus den Boxen.

Ich bin der Jochen. Voll knorke dass ihr aufteten wollt. Ihr könnt gern anfangen.“ sagt der Rastamann und deutet mit zwei Fingern zwischen denen ein Joint von der Größe Rotterdams klemmt auf die leere Bühne. Dort stehen zwei Mikrophone, ein Mischpult, zwei Boxen und sonst… nichts. Kein Schlagzeug. Natürlich nicht. Keiner hielt es für nötig Jochen vorher darüber in Kenntnis zu setzen dass wir eine Punkband sind, die technisch gesehen Instrumente bräuchte und entsprechend irritiert ist er, als Steffen und Basti ihre zwei kleinen Fender-Verstärker auf die Bühne stellen und ihre Instrumente anschließen. Unter Saft und auf Lautstärke 8. Den folgenden Störton hören einige damals Anwesende bis heute.

Dann geht es los. Basti schiebt mich vor ein Mikrophon. Meine Aufgabe: In Vertretung eines echten Schlagzeugs, muss ich es imitieren, indem ich „Bumm Bumm Bumm Kisch Kisch Kisch“ ins Mikro sage. Klar, in einem Hip-Hop-Laden könnte es theoretisch möglich sein, dass irgendwer im Publikum Beatboxing beherrscht, das wäre ja eine originelle Alternative. Aber wir sind doof und kommen nicht auf diese Idee. Und außerdem: Das hier ist Punk, verdammt!

Warum zum Fick hab ich mich auf diesen Scheiß eingelassen?“  frage ich mich etwas zu laut und etwas zu nah am offenen Mikrophon stehend. Die Leute schauen irritiert. Dann beginnen wir, wie original jede einzelne aller 34.643 Punkrockcoverbands der Republik unseren Auftritt mit dem Blitzkrieg-Bop der Ramones. Basti stellt dabei recht bald und doch zu spät fest, dass gleichzeitig Gitarrespielen und Singen zu viel für ihn ist und schiebt mir den Gesang zu und da mir das immer noch lieber ist als ein Schlagzeug zu imitieren lasse ich es mir nicht zweimal sagen. Ich beginne „Teenager-Liebe“ der besten Band der Welt, als mich der erste Pappbecher am Kopf trifft. Das Publikum ist offensichtlich eher auf Sidos Arschficksong aus als auf Schlagzeuglose Versionen von Bad Religions „No Control“, „Teenage Kicks“ der Untertones und „Love and a Molotow Cocktail“ von den Flys.

Die Unmutsbekundungen vor uns werden lauter und intensiver. Jochen ist auf dem Mischpult liegend eingepennt und greift nicht ein. Basti versucht die Stimmung zu drehen. Er greift sich ein Mikro und beginnt sein selbstgeschriebenes Stück „Wir hassen alle Hopperschweine“. Gar nicht mal so gut die Idee stellen wir fest, denn nun werden wir mit allem beworfen was nicht festgeschraubt ist. Becher, Deko, Nokiahandys – die halten das aus – Sie alle fliegen uns um die Ohren. „Should we stay or should we go now?“. Einen Moment verharren wir in stiller Unentschlossenheit. Dann drehen wir uns zueinander. Drei Augenpaare schauen sich an. Fixieren sich gegenseitig. Ein Lächeln huscht über drei verpickelte Gesichter.

Im Dreieck zueinanderstehend spielen wir unser Set zuende, während ein Regen aus Beleidigungen, Mikro-und Maxiplastik auf uns niederprasselt. Doch nichts davon dringt zu uns durch. Dies ist unser Moment. Dies ist was wir tun und wir tun es nur für uns. Scheiß auf die Welt da draußen, Das hier ist unsere kleine Welt. Hier sind nur wir. Wir drei und unsere Band. Und die Welt da draußen kann uns mal. Das hier ist Punk verdammt

Es ist knisternde Magie und wir können sie zwischen uns mit den Händen greifen. Okay, vielleicht sinds auch die Haschdämpfe aus Richtung Mischpult … Aber Nein. Nein. Magie. Bestimmt Magie. Ganz sicher sogar ist es Magie!

Irgendwie kamen wir halbwegs heil aus dem Schuppen heraus und haben nie wieder dort gespielt. Keine Ahnung wieso. Unsere Band existierte noch gut drei Jahre, bis Ausbildungen und Freundinnen interessanter wurden. Wir haben noch einige weitere Auftritte hingelegt, die auch nicht alle unbedingt glatt liefen, aber wir lernten mit der Zeit dazu.

Eine Sache jedoch lernte ich bereits an diesem schicksalhaften Tag im Dezember 2004 – „Warum zum Fick hab ich mich auf diesen Scheiß eingelassen?“  Die Antwort ist ganz einfach: Für Momente die diese. Für Momente, an die du den Rest deines Lebens zurückdenken wirst und die du vermissen würdest, hättest du sie nicht auf dich zukommen lassen.

..und für die 3310-förmige Delle die ich seit diesem Abend oberhalb der linken Niere habe.

Aber hey: Auch das ist Punk, verdammt.

 

 

 

 

(Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich als Bühnentext konzipiert und wird durch D.E.Orange unter bürgerlichem Namen als solcher verwendet. Sollte er Ihnen zufällig in diesem Zusammenhang über den Weg laufen, sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt)

 

1 Kommentar

Bacardisteaks - autorenkollektiv.org 14. November 2021 - 16:36

[…] Auf den Tag 13 Jahre ist es jetzt her, dass Basti, Steffen und ich anlässlich Bastis Geburtstag ein…. Heute grillen wir auf der Halde vor der Stadt, wenn es auch genau genommen nicht unsere Stadt ist. Die wilden Jahre sind offenbar vorbei, auch wenn Basti dies offensichtlich noch nicht verstanden haben will. Ursprünglich hatte er vor, sich zu seinem 30. Geburtstag einen Heißluftballon zu mieten, damit nach Afrika zu fliegen und mit Dartpfeilen auf Makaken zu werfen. Auf das erste Ohr klingt dies vielleicht schlicht und einfach einem herzlichen Ausdruck gar absurden Humors, aber Basti hatte es damit ernst gemeint und wir letztendlich fast ein halbes Jahr damit zugebracht, ihm die Sache mit dem Heißluftballon auszureden. Am Ende zog glücklicherweise mein Argument, dass Makaken gar nicht in Afrika, sondern in Südostasien beheimatet sind und dies sei ja nun wirklich ein total lästiger Umweg, da würden wir unter Garantie nicht zu Hause sein wenn um 21:00 Championsleague angepfiffen wird. […]

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