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Derbytag

Autor: D. E. Orange 17. November 2019

Ihr kriegt heute sowas von auf den Sack“ sagt Basti und drückt mir eine Flasche Becks in die Hand.

Heute ist der anerkannt höhste Feiertag im Ruhrgebiet, der für gewöhnlich gleich zweimal im Jahr begangen wird. Heute ist das Revierderby. Borussia Dortmund gegen Schalke 04.

Zur Feier des Tages habe ich mich bei meinem Kumpel Basti in Gelsenkirchen eingeladen, denn Basti hat Sky. Ich hingegen habe daheim nur eine illegale russische Streamseite, die alle 5 Minuten abstürzt und mich permanent mit Werbung zukachelt für im Westen unbekannte Wettanbieter und „Geile willige Weiber in meiner Nachbarschaft., die angeblich alle nur 5 Minuten von mir entfernt wohnen aber trotzdem Handynummern mit ukrainischer Vorwahl ihr Eigen nennen., aber jedem seine kleine Exotik.

Nein, für so etwas Elementares wie das Derby nutze ich dann doch die Ressourcen der anderen, auch wenn es heißt, Opfer zu bringen. In diesem Fall: Am Derbytag Zeit mit Basti verbringen.

Ihr kriegt heute sowas von auf den Sack, ihr Scheiß-Zecken“ ruft Basti erneut in die Tiefe des Raumes.

Samma, wat willst du eigentlich? Du bist Werder Bremen-Fan.“ entgegne ich. Basti entgleisen die Gesichtszüge. „Wat? Ey, ich wohne in Gelsenkirchen. Ich bin in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen. Ich bin Schalker durch und durch!“

Ja, durch bist du definitiv. Kein Zweifel!“

Ich bin ein Stück Schalke.“ bekräftigt Basti und hebt weihevoll seine halbvolle Bierflasche.

Ich schaue mich um. Die ganze Wohnung ist in Grün und Weiß mit Nuancen von Orange gehalten. Über dem Fernseher hängt ein gerahmtes Bild der Bremer Meistermannschaft von 2004. In der von mir aus linken Ecke ein mit Kerzen umsäumter Schrein zu Ehren des heiligen Claudio Pizarro, in der rechten Ecke ein Kalender mit Aktfotos von Otto Rehhagel. Über der Tür eine rautenförmige Uhr. Im Flur steht ein lebensgroßer Pappaufsteller von Ailton, der mit manischem Grinsen Besucher begrüßt und Zeugen Jehovas verschreckt. Auf dem Wohnzimmertisch vor mir eine Dieter Eilts-Ostfriesenteetasse und mein persönlicher Höhepunkt, die Uli Borowka-Actionfigur mit Bewegungssensor, die alles umgrätscht, was sich auf 10 Zentimeter nähert. Kurzum: Ja. Ein Stück Schalke. Sieht man.

Sowas von auffen Sack.“ murmelt Basti vor sich her und reicht mir eine labbrige Wiesenhof-Wurst, Geschmacksrichtung „würzige PR-Misere“, wässrig von den Tränen zu Tode gequetschter Masthühner. Ich spüle den Ekel mit einem Schluck Becks-Gold herunter und sehne mich nach einem echten Bier. „Derbytag“, sage ich leise zu mir selbst. „Du musst Opfer bringen“

Anstoß. Basti geht ab wie ein Zäpfchen, die Mannschaften eher nicht. Harmloses Abtasten in den ersten Minuten. „Alta, dat klatscht ja gar nicht. Wo ist die Stimmung verdammt? Ich hör ja nix!“ schreit Basti in der 7.Minute. Er greift zur Fernbedienung und dreht die Lautstärke auf „startender Düsenjet“ „Dat is wichtig für die Atmosphäre. Die muss sich aufs Feld übertragen“ sagt Basti. „Ach du meinst die werden angespornt wenn sie deinen Fernseher im Westfalenstadion hören können?“ frage ich. Mitten in meine Frage fällt das 1:0 für Dortmund. „Ah. Ich sehe. Okay, lass das so.“ Basti schmollt.

Das schöne am Revierderby ist, es läuft original NIE wie es vorher erwartet wurde. Immer wenn man glaubt, die schießen sich gegenseitig ab gibt es ein räudiges 0:0. Ist Dortmund in der Favoritenrolle gewinnt Schalke, kann Schalke mit einem Derbysieg Meister werden siegt Dortmund locker und der Schiedsrichter pfeift generell immer wie ein lobotomierter Schimpanse auf Koks, zumindest für einen von uns.

Wat willst du, du Affe? Dat war ein Foul verdammt! Du blöde Sau.“ schreit Basti als ein Schalker Angriff vor dem Strafraum scheitert. „Entscheide dich mal.“ sage ich. „Affe oder Sau, Das muss stringent bleiben.“ Basti murmelt etwas unverständliches und dreht die Lautstärke seines Fernsehers auf Vesuv-Erruption 79 nach Christus. Die Fensterscheiben wölben sich bereits leicht nach Außen. Die Uli Borowka-Actionfigur tritt verzweifelt nach den Schallwellen. Ein aussichtsloser Kampf. „Ich hör ja Nix! Hier muss Stimmung rein!“

Halbzeit. 1:0 Dortmund. Basti geht in die Küche und kommt mit einer neuen Packung Wiesenhof-Bruzzlern zurück. Ich fasse es mal als Strafe auf. „Bisschen laut hier, findest du nicht?“ schreie ich Basti ins Ohr. „Ach was. Geh mal in den Flur. Da ist das alles total ruhig.“ Aha? Ich gehe in den Flur. Die Lautstärke dort entspricht einem Slayerkonzert in einer Raviolidose. Ailton hat sich wie von Zauberhand auf die andere Seite des Raumes bewegt. So viele Meter hat das Original in seinen 10 letzten Karrierejahren zusammen nicht gemacht. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer. Basti hat sich eine komplette Kiste Becks auf den Schoß gestellt und bedient sich fleißig. „Nervennahrung für die zweite Halbzeit.“ raunt Basti mir zu. „Pass mal schön auf deinen Blutdruck auf. Du bist auch keine 20 mehr.“ sage ich und nehme mir aus Solidarität eine Flasche aus dem Kasten. „Ich bin die Ruhe selbst.“ antwortet Basti.

20 Minuten später. Dortmund führt 2:0. Basti kniet vor dem Fernseher, presst die Nase gegen den Bildschirm als wolle er Weston McKennie verspeisen – Immer noch besser als die Bruzzler – und schreit „SCHABUK! SCHABUK! DA VORN IS EUER GELD!“ „Ich seh nix mehr.“ merke ich an. Hier is nix zu sehen. Und hören tu ich auch nix! Hier muss Stimmung rein, verdammt!!“

Ich nehme die Fernbedienung und verstecke sie unter einem herzförmigen Kissen. Aufschrift: „Ohne dich ist alles doof“ und das Gesicht von Thomas Schaaf.

Schalke schafft den Anschlusstreffer. Basti hüpft quer durch Zimmer und wirft jubelnd seine Bierflasche gegen die Wand. Der nackte Otto Rehhagel schaut tadelnd von seinem Kalender herab. Jetzt geht dat los. Jetzt geht dat los!“ ruft Basti in einer fünfminütigen Endlosschleife.

Tatsächlich geht es jetzt los. Schalke spielt wie ausgewechselt. Der Ausgleich liegt nicht nur in der Luft, auch auf dem Boden, zwischen den Zimmerpflanzen und als Belag auf Claudio Pizarros eigentlich blendend weißen Zähnen in meiner linken Ecke. Nun bin ich es, der wütend aufspringt und den Fernseher anbrüllt, während Basti vor der Couch hockt und leise vor und zurück wippt. Scheiße ist das spannend.

DAT WAR KEIN ABSEITS, DU HAFENNUTTE“ schreie ich, als ein aussichtsreicher Konter abgepfiffen wird. „Nanana. Das sagt man aber nicht.“ bemerkt Basti mit erhobenem Zeigefinger. „Okay. Landestellendirne“. Basti nickt zufrieden. Ich hole die Fernbedienung hervor und drehe auf Apokalypse der Kreidezeit „Ich hör ja Nix! Hier muss Stimmung rein!“

Nachspielzeit. Zwei Männer jenseits der Grenzen ihres Nervenkostüms sitzen in eine grün-weiße Couch mit Thomas Schaaf-Herzchenkissen gepresst, jeder eine inzwischen leere Kiste Becks auf den Knien. „PFEIF AB LANDESTELLENDIRNE!“ brülle ich. „NEIN! PFEIF NICHT, LANDESTELLENDIRNE“, schreit Basti.

Letzte Ecke für Schalke. Tor. 2:2. Aus unterschiedlichen Gründen fliegen zwei leere Kisten Becks quer durch den Raum und hinterlassen eine Schneise der Zerstörung. Im Nebenraum geht Ailton zu Boden. Vor Freude tritt Basti den Wohnzimmertisch um. Die Dieter Eilts-Ostfriesenteetasse landet weich auf einem Thomas Schaaf-Herzchenkissen. Es folgt der Abpfiff. Und mit einem Mal verwandeln wir uns in zwei normale Menschen Anfang 30 und sitzen entspannt auf dem Sofa inmitten einer Kulisse aus einem Roland Emmerich-Blockbuster. Der Fernseher läuft auf Zimmerlautstärke

Alter. Geiles Spiel. Aber nächstes Mal kriegt ihr. Nächstes Mal kriegt ihr“, sagt Basti. Ich nicke. Vermutlich werden wir das. Solange ich das vermute, gewinnen wir vielleicht.

Aber die Stimmung hätte echt besser sein können. Ich hab ja gar nichts gehört.“ sage ich zu Basti, während wir mit der dritten Kiste Becks anstoßen. „Jaja ich weiß.“. antwortet Basti „Guck mal auf den Spielplan. In ner Stunde spielt Werder gegen Hamburg. So richtig emotional werde ich da erst. Da hörste dann auch was.“

Mit diesen Worten wechselt Basti den Sender, stellt mir eine vierte Kiste Becks auf den Schoß und setzt mir eine HSV-Kappe auf. „Du weißt, was du zu tun hast“, sagt Basti.

Bei Uwe Seelers Ahnen, ihr kriegt heut so auffen Sack, Jung.“, murmele ich.

Ja, ich liebe diese Derbytage. Ich möchte sie um nichts in der Welt eintauschen. Auch wenn es manchmal heißt, Opfer zu bringen.

 

 

 

 

(Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich als Bühnentext konzipiert und wird durch D.E.Orange unter bürgerlichem Namen als solcher verwendet. Sollte er Ihnen zufällig in diesem Zusammenhang über den Weg laufen, sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt)

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