Hauptseite Blödsinn Pokerabend

Ich bin ja generell der Meinung, kleine Traditionen verschönern das Leben. So wie der regelmäßige Pokerabend, den meine Freunde und ich einführten um uns nach Beendigung unser Schullaufbahn doch noch regelmäßig sehen zu können. Das war 2007. Wir machen das bis heute. Zuverlässig, jeden dritten Freitag.

Klar, der ein- oder andere wird sich jetzt fragen „12 Jahre lang jeden dritten Freitag Poker – wird das auf Dauer nicht öde?“  Ja. Klar wird es das.

Deswegen haben wir es über die Jahre immer so gehalten, die Regeln des Spiels immer ein bisschen zu modifizieren oder einfach mal Themenvarianten zu spielen. Seit ein paar Monaten spielen wir nun AfD-Poker. Das ist eigentlich fast wie normales Poker, nur wurden sämtliche Spielregeln durch „gefühlte Wahrheiten“ ersetzt. Die Karten haben an sich auch keine echte Bedeutung mehr. Im Endeffekt gewinnt derjenige die Runde, der den lautesten, populistischten Unfug von sich gibt, nach jeder Runde rücken alle ein Stück nach rechts, das Spiel endet, wenn alle an der nächsten Wand angekommen sind und der älteste am Tisch trägt immer eine Dackelkrawatte. Das ist auch eigentlich alles.

Ich teile die Karten an mich und meine heute drei Mitspieler aus. Ein Stuhl bleibt leer. „Gehts Steffen eigentlich wieder besser?“ fragt Lara mich von der Seite. Gute Frage ist das…

Letztes Mal ist uns die Sache nämlich ein bisschen eskaliert. Ich möchte keine Details nennen, aber am Ende stand Basti breitbeinig auf dem Tisch, beschimpfte uns alle als „Volksverräter“ und warf mit vermeintlich linksversiffter Literatur um sich. Eine Wolf Biermann-Biographie traf Steffen am Kopf. Ab da hielt er sich für Peter Maffay. Es hätte echt besser laufen können.

„Dem geht’s bestimmt prima.“ antworte ich und konzentriere mich auf mein Blatt. Zwei Asse auf der Hand. Eins in der Mitte. Sieht gut aus. Ich liefere mir ein konzentriertes Blickduell mit Jill mir gegenüber. Dann kommt der Moment; Ich werfe meine Karten in die Mitte, rufe „3 Asse“ und will mir gerade meinen Gewinn heranziehen, da registriere ich Jills kritischen Blick.

„Was ist?“

„Ich habe zwei Achten. Dieser Pot gehört mir.“

„3 Asse sind besser als zwei Achten“

„Das ist die Ansicht der Altparteien.“ sagt Jill feierlich und hebt den Zeigefinger.

„Die typische Mainstreampropaganda. Und überhaupt, der Herr hat 3 Asse, aber der deutsche Obdachlose hat gar keins. Denk doch mal an den deutschen Obdachlosen“

„Das würdest du auch nicht, würdest du nicht auf seinem Rücken das Spiel gewinnen wollen.“ sage ich. Die Augen hinter Jills Brillengläsern verengen sich zu Schlitzen. Ich warte nicht auf die Antwort. Es klingelt an der Tür. Ich öffne.

Der Mann vor mir trägt einen Vokuhila, eine schwarze Lederjacke und eine Gitarre unterm Arm. „Hallo Freunde.“ sagt Steffen. „Ich bin über sieben Brücken aus Siebenbürgen gekommen und möchte euch mein neues Tabaluga-Album vorstellen. Der erste Song heißt…“ Ich schmeiße die Tür zu. Der soll wiederkommen wenn er wieder normal ist. Oder besser noch, Bela B. Er soll wiederkommen, wenn er Bela B ist.

„Wer war das?“ fragt Lara, als ich mich wieder an den Tisch setze.

„Der Milchmann“ antworte ich.

„Den gibt’s noch? Freitagabends? Um 21 Uhr?“

„Glaubst du, die Amazonboten können nur von dem einen Job leben? Meine Güte bist du naiv.“ sage ich.

„Und wo ist dann die Milch?“ fragt Lara.

„Ich hab nicht gesagt, dass es die GUTEN Amazonboten sind.“

Zurück zum Spiel. Vor mir liegen einen Drei und eine Sechs. „Moment. Wo zum Fick sind meine Asse hin?“ rufe ich in die Runde.

„Welche Asse?“ fragt Basti, legt sie ab und sichert sich die Runde.

„Du Elster. Du hast unsere Karten vertauscht. Das sind meine Asse.“

„Papperlapapp. Daraus willst du jetzt ein Thema machen? Diese Asse sind ein Vogelschiss in der
1000-jährigen Geschichte dieses Spiels.“ sagt Basti. Ich gebe klein bei.

Nächste Runde. Neue Karten, neues Glück. Nichts als Schrott. Alle werfen ihr Blatt von sich und starren frustriert auf die Mitte des Tisches. „Wir sind die einzige Pokerrunde, die sich ein Denkmal der Schande ins Zentrum ihres Tisches gepflanzt hat.“ bemerke ich. Zustimmendes Nicken.

„Wir brauchen jetzt sofort eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“ verkündet Basti und zieht ruckartig an der Tischdecke. Alles fällt zu Boden. „So. Viel besser.“

„Schön. Und jetzt heb das wieder auf.“ sagt Jill leicht gereizt.

„Wer? Ich?“ Basti hebt schuldunbewusst die Hände“.

„Klar. Wer sonst? Du hast doch alles runtergeworfen.“

„Ich? Niemals! Das waren die illegale Migranten. Das ist doch wohl offensichtlich..“

Danke Merkel“ zischt Lara voller Abscheu.

„Und wer hebt das jetzt auf?“ fragt Jill. Niemand rührt sich. Eine Diskussion brandet auf. An deren Ende steht die Erkenntnis, dass Merkel weg muss. Egal wieso und egal was folgt. Dann schweigen wir wieder. Die Stunden vergehen. Gegen 23 Uhr wagt Jill einen Vorstoß.

„Würde es helfen, wenn ich jetzt ganz subtil den Holocaust relativiere?Vielleicht kommt dann der Verfassungsschutz und hebt die Karten auf?“

„Das ist ein Prüffall.“ sage ich.

Niemand kommt. Die Stille wird erdrückend. Draußen vor dem Fenster singt jemand Tabaluga-Lieder. Neue Tabaluga-Lieder.

„Was ist das?“ fragt Lara.

„Der Milchmann.“ antworte ich.

„Wieso singt der?“

„Weil das Geld, dass er als Amazon-Bote und Milchmann verdient für den Lebensunterhalt nicht reicht. Also bleiben Pfandflaschen sammeln oder singen.“

„Danke Merkel“, zischt Lara.

„Können wir jetzt mal weitermachen? Ich weiß schon gar nicht mehr, warum ich hier sitze.“, wirft Jill ein.

„Du Glückliche. Ich weiß schon nicht mal mehr was vor 75 Jahren war. Dieses Spiel strengt echt an.“ sagt Basti und schüttelt den Kopf.

„Ich würde lieber rausgehen und nachsehen, ob der Amazon-Milchmann Hilfe braucht. Das Genuschel klingt nicht gesund.“ sagt Lara besorgt.

„Verdammt! Fall doch nicht aus der Rolle.“ fahre ich Lara an, packe sie an den Schultern und schüttele sie. „Dass wir besorgte Bürger sind bedeutet nicht, dass wir besorgt über Bürger sein sollten. Das weiß du doch“

„VOLKSVERRÄTERIN!“ höre ich es hinter mir donnern. Ich drehe mich um. Basti steht breitbeinig auf dem Tisch und hält einen Erich Kästner-Roman in der Hand.

„Steinigt die Hexe mit verbrennungswürdigen Büchern!!!“

„Ey komm, nicht schon wieder. Zwei Maffays reichen! Das hatten wir alles schon!“

„ICH LERNE NICHT AUS DER VERGANGENHEIT!“ brüllt Basti und wirft das Buch. Es durchschlägt die Fensterscheibe.

AUTSCH“ schreit eine Stimme draußen auf der Straße. „Wer schmeißt hier mit fliegenden Klassenzimmern? Und Warum trage ich eine Lederjacke?“

„Wenn du „Schrei nach Liebe“ singst kannst du jetzt reinkommen.“ rufe ich Steffen durch das Loch in der Fensterscheibe zu.

Wir haben an diesem Abend zur Sicherheit aller nicht weitergespielt und sind zu der Erkenntnis gelangt, dass wir uns für die Zukunft eine neue Pokervariante ausdenken müssen, bevor der Faschismus wieder Opfer fordert. Ich bitte alle Leser, ihre Vorschläge in die Kommentare zu posten.

Nur eine Bedingung: Maffay scheidet aus.

Danke!

 

 

 

(Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich als Bühnentext konzipiert und wird durch D.E.Orange unter bürgerlichem Namen als solcher verwendet. Sollte er Ihnen zufällig in diesem Zusammenhang über den Weg laufen, sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt)

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