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Sauerlandblues

Autor: D. E. Orange 26. Mai 2020

Irgendwann ab Anfang 30 verschwimmt diese magische Grenze zwischen angeborener Unzurechnungsfähigkeit und beginnender Mitlifecrisis. Anders kann ich mir den Tag nicht erklären, an dem mein Kumpel Basti in Tarnklamotten und einem eher mittelteuren Decatlon-Schlafzelt vor meiner Tür stand, mit vor Pathos triefender Singsangstimme fragte „Lust auf ein Abenteuer, ganz wie damals in den wilden 20ern?“ und ich aus mir unerfindlichen Gründen das ganze auch noch ungeprüft bejahte. Das menschliche Gehirn ist wunderbar, sofern man es ab und an auch benutzt.

Wenig später sitze ich auf dem Beifahrersitz von Bastis seit 10 Jahren schrottreifen Opel Kadett, Baujahr 89 und die geistig moralische Wende die UNS nie erreichte umströmt unsere Nasen. Der Auspuff ist wohl nicht ganz dicht. Aber wer ist das schon? Wir bestimmt nicht.  Denn wir sind auf dem Weg in eine Welt fernab aller Regeln. Einem Ort, wo sich Tanne und Fichte gute Nacht sagen, weil nicht einmal Fuchs und Hase dort Bock darauf haben. Einem Ort, wo Zivilisation ein Fremdwort fern ab jeder Realität ist und jeder dritte Satz eines Eingeborenen auf “Woll” endet. 

Wir fahren ins Sauerland.

Wenig später. Ein Seeufer inmitten eines Nadelwaldes. Nur wir, zwei Zelte, zwei kleine Rucksäcke, ein überraschend geländegängiger Opel Kadett und sonst nichts als die Wildnis in einem Umkreis von 7 Kilometern. Gut. 2 Kilometer entfernt liegt ein Ort namens Finnentrop. Aber…Finnentrop. Das sagt eigentlich schon alles. Das zählt einfach nicht.

Im Sauerland ist es sehr kalt im Januar. Warum verdammt zelten wir im Sauerland? Im Januar? „Im Sommer kann das jeder.“ sagt Basti. „Willst du denn wirklich sein wie jeder??“

Grundsätzlich oder jetzt? Die Ergebnisse können variieren.“ antworte ich frierend. Immerhin bleiben die Bierflaschen kalt, die in den beiden Rucksäcken verstaut waren. Das ist gut.

Was weniger gut ist, ist die Tatsache, dass die handgezählten 26 Flaschen Veltins neben einer Schachtel Zigaretten und einer eingedötschten Raviolidose das einzige ist, was sich in den beiden Rucksäcken befindet. Und noch schlimmer ist die Tatsache, dass ich eigentlich kein Veltins trinke, was Basti schon seit 15 Jahren weiß, aber jedes Mal ignoriert. Gut, dafür isst er keine Ravioli. Es gibt halt doch noch Gerechtigkeit in dieser Welt.

„Spürst du bereits den Kitzel des Abenteuers?“ fragt Basti einige Stunden und einen halben Rucksack Bier später „Ich wäre schon froh, wenn ich meine Beine spüren würde.“ entgegne ich. “Aber was ich spüre ist so ein penetrantes Kitzeln in der Faust sobald DU den Mund aufmachst. Ob das das Abenteuer ist, wage ich aber zu bezweifeln!”

 „Ach, warum denn so grantig. Wir sollten was essen. Du bist nicht du, wenn du hungrig bist.“ meint Basti. Er nimmt die Raviolidose und wirft sie im Hohen Bogen weg. Mit einem lauten „Platsch“ versinkt sie im See.

„Wat soll dat denn jetzt???“

„Den Fraß braucht niemand. Das ist die Wildnis. Sie gibt uns alles was wir brauchen.“

Aha. Und was?“

Basti grinst nur. Dann öffnet er den Kofferraum des Kadetts und zieht einen Pappkarton hervor.

„Was willst du denn damit? Einen Baumstumpf eintuppern oder was?“

Das ist alles was wir brauchen“ entgegnet Basti im Ton eines Oberlehrers während der Pausenaufsicht. „Ich habe das ganz genau beobachtet. Das läuft hier gleich wie zu Hause. Wenn du einen leeren Karton irgendwo hinstellst, was passiert dann nach spätestens 5 Minuten? Es sitzt eine Katze drin! Wir stellen den Karton hier jetzt irgendwo hin, warten ein paar Minuten und dann grillen wir die Katze.“

„Hat dir Alf ins Hirn geschissen??? Du kannst doch keine Katze grillen?!?!

„Mit nem guten Feuerzeug geht das bestimmt.“

„Wir grillen keine Katzen.“ sage ich mit allem Nachdruck den ich aufbieten kann. Basti stellt den Karton trotzdem auf. Warum diskutiere ich eigentlich?

Es wird Nacht und nicht unbedingt wärmer. Ich kann nicht schlafen – im Gegensatz zu Basti, bei dem es nach 16 Einschlafbieren vorzüglich funktioniert. Er sägt sich den Wald zurecht. Holzfäller im Sauerland. So etwas absurdes.

Am nächsten Morgen ist meine Verzweiflung groß genug für den Versuch, Kaffee aus der Erde vor den Zelten zu gewinnen. Kaffeepflanzen wachsen schließlich auch aus Erde und Kaffeesatz ist ein hervorragender Dünger. Das Spiel muss auch andersrum funktionieren. Spoiler: Nein. Tut es nicht. Gar nicht.

Während eine derangierte Gestalt, die mich entfernt an Basti erinnert aus seinem Zelt robbt lausche ich auf. Es rappelt im Karton. Basti ist mit einem Mal hellwach. „HAH! Es funktioniert! Es funktioniert!“

Wir gehen nachschauen. Im Karton sitzt ein Fuchs.

„Was ist dat denn fürn oragenes Dingen. Der Donald Trump des Waldes?“

Dat issen Fuchs du Idiot.“

„Sind dat Katzen?“

Nee. Die tun nur so.“

„Ja. Sauber. Halt ihn fest, ich hol das Feuerzeug.“

„DU KANNST HIER KEINEN FUCHS GRILLEN!!“

„Nix darf man grillen in diesem Bummswald hier!“

Der Rest des Tages läuft schleppend. Basti ist beleidigt. Ich bin ein wenig hungrig und denke darüber nach eine Fichte zu pellen und die Rinde zu lutschen. Hmmh… Harzig.

Am Abend senkt sich Nebel über den Wald. Das einzige was trostloser ist als das Sauerland, ist das Sauerland im Nebel. Okay. Die Schulzeugnisse von Wendlers vielleicht noch…

Ich sitze schlaflos vor dem Zelt. Schon wieder. Das wird echt nicht besser hier…

Auf einmal sehe ich eine Gestalt im Nebel. Durch die Bäume hindurch schält sich die Silhouette eines alten Indianers.

Hugh.“ sagt der Indianer. „Keine Panik. Ich machs kurz. Mein Name ist Ramalatonga. Das heißt in eurer Sprache so viel wie „Der, der kotzt wenn er Coldplay hört“ Und ich habe dir etwas zu sagen: Das Gleichgewicht der Erde und seiner Schöpfung zieht bahnt sich seinen Weg durch die Gestirne. Diametral zum großen Wagen. Aber nur, wenn wir die Kreise dieses heiligen Taktes unserer Vorväter nicht stören. Manitou zürnt. Er zürnt. Möge es dir im Kalender stehen. Hast du verstanden?“

„Nee. Und wat is dat hier für Aufriss? Ramalatonga, Manitou, is klar. Und ich bin John Lennon und hab im Zelt nen weißen Flügel stehen. Es ist spät und ich hab keinen Bock auf so einen kryptischen Scheißdreck. Geht das auch in einfacher, Herrschaftszeiten???“

„Okay John, die Sache ist die. Wenn du und Paul McCartney da drinnen nicht morgen um 11 raus aus meinem Wald seit, euren Scheiß-Opel wieder auf eine Straße gepackt UND auf dem Weg dahin euch keinem Fuchs auf weniger als 50 Meter genähert hab, dann kriegt euer Arsch Kirmes. Woll?“

Jo. Dat hab ich verstanden.“ Der Indianer nickt grimmig. Dann verschwindet er im Nebel.

Aber den Karton können wir hier lassen oder?“ rufe ich in die Nebelwand. Ein kurzes Surren. Dann ein Knacken. Eine Pfeilspitze schlägt in einem Baum knapp neben meinem Kopf ein.

Noch weit vor Sonnenaufgang baue ich mein Zelt ab. Dann entferne ich die Heringe und Stangen des Zelts meines noch immer komatös schlafenden Mitstreiters, rolle die Rest inklusive des Insassen wie einen sehr, sehr feuchten Teppich auf und verstaue sie im Auto. Weg hier. Auf einmal begreife ich, warum die Karl May-Festspiele im Sauerland stattfinden. Die Anreisewege der Statisten sind gar nicht so lang wie ich immer geglaubt habe. Dieses verdammte Sauerland ist wirklich der letzte Rest der weiten Prärie. Irgendwie habe ich das ja immer schon geahnt.

Ich habe genug von Abenteuern. Genug von Aktionen irgendwo auf dieser unsichtbaren Grenze zwischen Midlifecrisis und Unzurechnungsfähigkeit. Wer braucht Abenteuer, wenn er Frieden haben kann? Im Reinen sein mit sich, seiner Umwelt und seinem Leben? Die Erkenntnis entspannt mich. Ich lege meine Imagine-CD ein und suche meinen Weg raus aus einer Welt, die nicht meine ist und zurück in die, in die ich gehöre.

Können wir lieber Coldplay hören?“ fragt eine dumpfe Stimme aus dem Kofferraum und ich schwöre, für einen kurzen Moment, einen Wimpenschlag, das Entsetzten des Waldes gespürt zu haben.

 

(Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich als Bühnentext konzipiert und wird durch D.E.Orange unter bürgerlichem Namen als solcher verwendet. Sollte er Ihnen zufällig in diesem Zusammenhang über den Weg laufen, sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt)

1 Kommentar

Bacardisteaks - autorenkollektiv.org 14. November 2021 - 16:38

[…] Stichflamme erhellt den Abend. 85 Kilometer südöstlich in den Tiefen des  Sauerlands schaut ein alter Indianer anerkennend nickend in den […]

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