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Dichte Schotten

Autor: D. E. Orange 8. Juni 2020

Die Nordsee, Februar 1942: Die HMS Murdo McLeod, das Flaggschiff des schottischen U-BootGeschwaders zieht majestätisch seine Kreise vor der britischen Ostküste. Seit Wochen sind die tapferen Mannen um Kapitän Duncan McDonald auf See. Fern ab von Heimat, Familie und Schafherde in völlig optionaler Reihenfolge.

Die Stimmung ist schlecht. Gestern erst ist der Haggis ausgegangen und von etwas anderem leben die Männer, eingezwängt in ihrer nach Motoröl und Kiltausdünstungen stinkenden Blechbüchse nicht. Von etwas anderem wollen sie auch überhaupt nicht leben, wenn man mal wirklich ehrlich ist, aber wer ist das schon, denn es es herrscht Krieg.

Krieg.

Es herrscht Krieg, verdammt, sonst würden sie ja überhaupt nicht auf die Idee kommen, mit einem U-Boot die Küste entlang zu fahren. Eine entspannte Partie Golf daheim in Inverness, ja, DAFÜR könnte man die Herren durchaus begeistern, aber ein U-Boot? Ach komm, hör auf!  Wer braucht denn sowas? Hätte Gott gewollt, dass Schiffe unter und nicht über Wasser schwimmen, hätte er das doch nicht so a schwierig gemacht, Herrschaftszeiten!

Dies und vieles mehr geht Captain McDonald durch den Kopf, während er die letzten Einträge des Logbuchs auf Rechtschreibfehler überprüft, so wie er das alle zwei Stunden tut. Viel mehr Beschäftigung hat Captain McDonald hier nicht. Zuhause gäbe es mehr zu tun. Zuhause hat der alte McDonald eine Farm (E-I-E-I-O!), auf der er Rinder züchtet, die er an den neu gegründeten Frikadellenimbiss seines Sohnes Ronald verkauft. Blödsinnige Idee. Als ob aus diesem Geschäftsmodell jemals etwas werden würde…

Laut seufzend klappt Captain McDonald das Logbuch zu. Dieser Krieg ist so eine Zeitverschwendung. „Gehen Sie auf Feindfahrt“ sagten sie ihm in Edinburgh. Jaja, auf Feindfahrt. Und wo bitte ist dieser Feind? Einen Haufen Bauern, die man in zu enge Matrosenanzüge gesteckt – also oben rum zumindest – und mit erheblich zu wenig Deodorant und dem nautischen Verständnis einer Dose Hühnersuppe ausgestattet hat sieht er hier jeden Tag, aber den Feind hat er seit Wochen nicht gesehen. Was ist denn das für ein Feind, den man erstmal suchen muss? Ist doch lachhaft.

McDonald schüttelt den Kopf und nimmt einen großen Schluck Whiskey aus seinem selbstgeschmiedeten 6 Liter-Flachmann. Wobei, so flach ist er nicht. Viel mehr hat er die Form eines Rucksacks und genau so ist er auch konzipiert, inklusiver zweier um 90 Grad abgeklappter Henkel, durch die McDonald seine Arme legen kann um das Gefäß sauber auf seinem Rücken zu verstauen. Trinken kann er dann aus dem integriertem Strohhalm.

McDonald trägt seinen Whiskeyrucksack mit Stolz. Alle in der Mannschaft tun dies, denn McDonald hat vor Abfahrt für jeden von ihnen einen gebaut. Deswegen ist ER ja auch Kapitän dieses stolzen Schiffes. Stolz, aber unterbeschäftigt, wie gesagt. Wo zur Hölle bleibt denn jetzt dieser Feind? Wo sind die Nazis? Gegen die soll es doch gehen in diesem Krieg? Oder nicht? Also Unpünktlichkeit hätte er von den Deutschen ja nun wirklich nicht erwartet. Bis jetzt hatte er ja nun wirklich nichts gegen die Deutschen, aber das ist doch jetzt enttäuschend.

Da plötzlich ein Geräusch!

In die Stille – wenn man in einem U-Boot jemals von Stille sprechen kann – mischt sich das penetrante Piepen eines hektischer ausschlagenden Sonars. Irgendwer kommt auf uns zu, das ist McDonald sofort klar. Hoffentlich hat er Whiskey dabei, der Rucksack ist ja schon fast leer. Frischer Haggis wäre aber auch ganz nett.

„Captain. Ein feindliches U-Boot auf 4 Uhr.“, schreit McAllister, der das Radar im Auge hat. Der Arme. Das muss echt weh tun.

„Die Deutschen?“

„Engländer!“


„Das ist ja noch schlimmer. Macht euch gefechtsbereit“  empört sich McAllister.

Echt? Seit wann?

Hatte McDonald da was verpasst? Wurde wieder ein Referendum ohne ihn abgehalten? Nein, so leicht konnte man ihn nicht veräppeln. Nicht IHN, ihn den Falkirk’schen Meister im Hammelweitwurf von 1926. Es ist völlig egal, gegen wen hier Krieg geführt wird, aber die Engländer haben gefälligst auf IHRER Seite des Hadrianswall zu bleiben, auf SEINER Seite würden sie bestimmt NIE sein. Als richtiger Schotte hast du zuallererst die Engländer zu hassen, dann die Waliser, dann deine eigenen Nachbarn und der Rest soll sich gefälligst eine Nummer ziehen und warten bis er an der Reihe ist! So und nicht anders! Never change a running system, verflucht noch eins!

„Klarmachen zum Entern!“ brüllt McDonald.

„U-Boote entern nicht.“ entgegnet McAllister.

Nicht sein Ernst, denkt sich McDonald. Wofür braucht man die Dinger denn dann überhaupt? Er hält ein. „Ich hätte mir die Bedienungsanleitung durchlesen sollen bevor ich so ein U-Boot befehlige.“ schießt es ihn durch den Kopf. Und jetzt?

„Dann macht halt die Torpedos klar“ ruft McDonald laut und erntet betretende Blick.

Sir, erinnern Sie sich nicht? Wir haben die Torpedos in Dundee abgeladen um Platz für unsere Dudelsäcke zu schaffen. Die Kabinen sind zu klein für sie.“ entgegnet ein Matrose. Ach ja. Da war was, stimmt. Dämliche kleine Kabinen. Kein Platz fürs Wesentliche. U-Boot – Ein Konzept, dass nicht ausgereift ist. Eindeutig.

„Dann macht halt die Dudelsäcke klar. Irgendwas klarmachen. Ach, was weiß denn ich?!?“ schreit McDonald ungehalten und nicht wissend, welch Unheil er nun anrichtet.

Die Dudelsäcke werden zum Abschuss klargemacht. Es erfolgt der fatale Abschuss.

Wer es nicht weiß, Torpedos werden mit Druckluft abgeschossen. Das Ergebnis klingt furchtbar. Und sehr sehr sehr laut. Die Säcke verkanten sich im Torpedorohr, doch ihre Schallwellen reißen ein Loch in die Bordwand der HMS Murdo McLeod. Wasser dringt ein.

„Fuck! Schotten dicht!“ schreit McDonald.

Dichter als jetzt können wir nicht sein“ antwortet die Crew. Entgeistert blickt McDonald in die Runde und sieht in Gesichter, die diese Aussage mehr als bestätigen. Nicht nur SEIN Whiskeyrucksack ist gut geleert. Zudem haben viele der Matrosen gutes Gras von daheim mit an Bord geschmuggelt. Die Highlands tragen ihren Namen nicht umsonst, was aber nur Eingeweihte wissen.

Es ist zu spät. Die HMS Murdo McLeod sinkt unaufhaltsam auf den Grund der See und wird niemals gefunden. Nur ein einsamer Dudelsack wird später in den Wellen treibend aufgelesen werden. Von den anderen Säcken und den Leuten, die sie einst spielten nicht den Hauch einer Spur.

Und die Moral dieser tragischen Geschichte lautet: Dichte Schotten dichten keine Schotten.

Auf das dieses Unglück sich niemals wiederholen möge.

 

 

(Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich als Bühnentext konzipiert und wird durch D.E.Orange unter bürgerlichem Namen als solcher verwendet. Sollte er Ihnen zufällig in diesem Zusammenhang über den Weg laufen, sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt)

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