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Heil den Falken!

Autor: D. E. Orange 11. November 2020

Ich gebe es zu: Ich persönlich bin in etwa so religiös wie ein Toastbrot. Und damit meine ich nicht diese Art von Toastbrot, auf der aus irgendwelchen Gründen das Antlitz Jesu erscheint wenn es aus dem Toaster springt. Mir ist Jesus bislang noch nie auf einem Toast erschienen. Am nähesten kommt er mir, wenn ich beim Mau-Mau den Kreuz-Buben ziehe – Und dann darf ich mir anschließend sogar noch etwas wünschen. Das muss der Herr Jesus wirklich erst einmal überbieten.

Ich bin mein Leben lang immer ganz gut ohne Religion klar gekommen. Religion ist für mich sehr viel Schein und um so weniger Sein. Ein halbgares Gebilde aus Ritualen, unumstößlichen. aber manchmal erschreckend leicht widerlegbaren Tatsachen und einer oft doppelten, wenn nicht gar dreifachen Moral, die mich schon als Kind eher abstieß als anzog.

Entsprechend begeistert reagierte ich letztens, als ich in der Innenstadt von zwei Zeugen Jehovas angesprochen wurde. Es war ein Rentnerehepaar, dessen grau-bräunliche Kleidung mit den Häuserfassaden zu verschmelzen schien und die ich vermutlich genau deswegen nicht schnell genug gesehen hatte. Ich blickte in Gesichter von Menschen, die offensichtlich in den letzten 20 Jahrzehnten ihres Lebens diverse Weltuntergänge gepredigt und persönlich miterlebt hatten.

“Entschuldigung.” brummte der Mann in einer Stimmlage irgendwo zwischen Bestatter und Oberstudienrat a.D. “Dürften wir mit Ihnen einen Moment über Gott sprechen?”

Er hielt mir den Wachtturm und eine Informationsbroschüre unter die Nase. Ein freundlicherer Mensch hätte nun vielleicht dankend abgelehnt und wäre weitergegangen. Ich entschied anders.

“Tut mir Leid, sie kommen zu spät. Ich habe mich bereits für einen der ökologisch wertvollen Wald- und Wiesengötter entschieden. Heil den Falken!” sagte ich. Eine peinliche Stille trat ein, bevor der alte Mann den Fehler seines Lebens beging und fragend wiederholte “….den Falken?”

“Ja.”, sagte ich und verfiel sogleich in den typischen Singsang eines Wanderpredigersm der soeben einem Monty Python-Film entsprungen war.

“Die Falken! Die Herrscher der Lüfte. Vom Himmel herab wachen sie über uns und ihre scharfen Augen sehen all unsere Sünden! HEIL DEN FALKEN!”

“Heil ihnen!” ertönt es hinter mir. Ich drehe mich um und erblicke einen stadtbekannten Obdachlosen, der eigentlich immer irgendwo hier herumläuft. Ich wusste nicht viel über ihn. Eigentlich nur, dass er sich „Onkel Werner“ nennt und früher einmal eine Werkstatt besessen hatte. Nun aber stand Onkel Werner breitbeinig auf einer Sitzbank, hob seine Bierflasche zum Himmel und rief noch einmal wie zur Bekräftigung: „HEIL DEN EULEN!“

Ja gut. Das war knapp daneben, aber ich war geneigt, wenigstens Teilpunkte für die fleißige Mitarbeit zu vergeben. Für die Zeugen ist das zu viel. Von derartigen Dingen wollen selbst SIE keine Zeugen sein. Pikiert verlassen sie die Szenerie. Ich war ehrlicherweise selbst überrascht. Doch nun ging mir ein Licht auf – Wenn ich bislang keine Religion gefunden habe die mir zusagt, dann bastle ich mir doch einfach selbst eine. Es scheint ja offenbar sehr einfach zu sein.

Zuhause mache ich mich nun daran, das Manifest meiner künftigen Weltreligion zu erstellen.

Beginnen wir mit den Basics:

Jede Religion dreht sich um irgendetwas oder irgendwen – Und obgleich sich im Endeffekt unsichtbare Übermenschen als besonders effektiv herausgestellt haben, müssen wir doch eines festhalten: Alleskönner, die man als Normalsterblicher nicht sehen kann, haben sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende abgenutzt und sind heute nicht mehr komplett zielgruppentauglich. Die Weltreligionen haben dies eigentlich auch schon vor Jahrtausenden begriffen. Deshalb führten sie Sidekick-Figuren ein, die entweder aus dem Volk kamen oder wenigstens temporär vom Volk abgemurkst wurden. So erzeugt man Glaubwürdigkeit.

Mir erschließt sich schnell, dass die Falken gar keine so üble Wahl sind. Die Viecher sind ja schon ganz niedlich. Und trotzdem kompetent. Klar, Adler sind größer und mächtiger, aber Adler kann ja jeder nehmen. Geier sind ganz raus. Die wirken nicht sympathisch. Geier erinnern zu sehr an Finanzbeamte und die will nun wirklich niemand anbeten. Vielleicht irgendwann einmal, wenn ich eine Steuer auf meine Religion erhebe um meine Sakralbauten in Limburg zu finanzieren kann ich vielleicht auf Geier zurückgreifen, aber so weit sind wir jetzt dann doch noch nicht.

Gut, Falken. Mehr brauchen wir nicht, wir müssen es einfach halten. Begründen, warum jetzt ausgerechnet Falken und nicht irgendetwas anderes…? Nein, das ist unnötig. Wenn man es erklärt nimmt man der Sache die ganze Mystik. Wir behaupten jetzt einfach mal, wer es nicht versteht ist der Sache nicht würdig – Und wer will schon irgendeiner Sache unwürdig sein? Eben. So wird ein Schuh daraus.

Wichtiger ist, die Sache muss im Alltag funktionieren. Also halten wir es einfach; Ein paar tausend Kilometer die Spanische Nordküste entlangwandern oder zumindest einmal im Leben einen schwarzen Stein umrunden mag wirklich sehr originell sein, für den Hausgebrauch ist es aber nichts. Die Zeiten sind schnelllebig und die heutige Generation neigt dazu, auch für Kleinigkeiten im Alltag direkt belohnt werden zu wollen, zumal die meisten Menschen unter 25 heutzutage die Aufmerksamkeitsspanne eines überfahrenden Feldhamsters haben und deswegen sofortige Action brauchen um irgendwie hinter dem Smartphoneförmigen Ofen hervorgelockt zu werden. Also wird folgendes festgelegt:

Jede Sichtung eines Falken soll mit dem Ausruf „Heil den Falken!“ quittiert werden, wonach alle Umstehenden mit „Heil Ihnen!“ zu antworten haben. Alle die dies getan haben, haben anschließend das sofortige Anrecht auf ein Freibier oder ein anderes Getränk ihrer Wahl. Selbiges Prozedere gilt bei der simplen Erwähnung des Wortes „Falke“. Und zwar immer.

Wer den Falken huldigt hat das Recht, sich auf ihr Wohl zu betrinken und nach dem Tode an ihrer Seite auf die Menschheit herabzublicken – Und wer es am Steuer eines fahrenden Autos tut, vielleicht sogar noch viel früher als erwartet. Aber dies sind lästige Details. Farin Urlaub hat einmal gesagt: „Dieses Leben ist zwar bitter, doch im Jenseits winkt der Lohn. Das ist in ganz genau 11 Worten die Botschaft jeder Religion.“ Das stimmt. Also übernehmen wir es, bar jedes weiteren Zusammenhangs.

Ganz wichtig auch: Aus Fehlern anderer Religionen lernen. Den Falken ist es egal, ob du zusätzlich Christ, Muslim, Jude oder Schalke-Fan bist. Du darfst all das bleiben und es ist vollkommen in Ordnung. Die Falken sind cool damit. Nichts ist sinnloser als Religionen, die sich gegenseitig bekriegen, diesen Part wollen wir also am besten sofort aussortieren.

Nun bleibt im Prinzip gar nicht mehr so viel Elementares übrig. Viel Inhalt braucht eine Religion nicht und die Erfahrung zeigt, dass dieser wenige Inhalt nicht einmal zwangsläufig zusammenpassen muss. Das Brimborium drumherum macht die Musik.

Oh! Apropos Musik – Musik gehört natürlich auch dazu! Eilig suche ich mir ein paar Klassiker der Pop- und Rockgeschichte heraus – Natürlich vorzugsweise Englische. Wir wollen ja global denken. Und passenderweise achten dann weniger Leute darauf, dass ich einfach die Originaltexte belassen und lediglich überall „Jesus“ gegen „Falcons“ und „Lord/God“ gegen „Hawks“ ersetzt habe und nur die wenigsten dieser Lieder im Original wirklich religiös sind.

Was brauchen wir jetzt noch? Wir haben Musik, wenig Inhalt, Alkoholmissbrauch und absurde Rituale. Womit ergänzen unsere katholischen Vorbilder diesen unwiderstehlichen Cocktail? Kindesmissbrauch ausgeklammert? Richtig: Reliquien der Heiligen!

Eine halbe Stunde später stehe ich an der Autobahnauffahrt der A43 in Marl-Sinsen, lege eine Zeitung direkt unter den Hintern eines im Baum lauernden Mäusebussards und warte darauf, dass das Wunder geschieht. Kurzzeitig denke ich darüber nach, dass Reliquien der Propheten ja auch zählen würden, aber selber auf die Zeitung kacken erscheint selbst MIR dann doch etwas albern und würdelos. Dann doch lieber warten, bis der Vogel sich bequemt. Und ja, klar ist ein Bussard Pfusch, aber Bussarde sieht man im Ruhrgebiet deutlich öfter und vor allem an Autobahnauffahrten. Weiß der Falke warum.

Während der Wartezeit kommt mir die Idee, dass ja auch ein zentraler Anlaufpunkt für Gläubige notwendig ist. Hier ist natürlich der Kostenfaktor ein großes Problem. Mal eben ein paar Mille für einen Falkentempel hab ich auch nicht mal eben auf der hohen Kante liegen. Grad für den Anfang muss man also vielleicht eine Nummer kleiner denken. Ich beschließe, mir ein paar Zaunlatten aus dem Baumarkt zu holen und auf einer Waldlichtung meiner Wahl eine Art Holz-Stonehenge für Arme zu zimmern. Das ist eh glaubwürdiger als diese komischen Steine. Gammeliges Holz symbolisiert die Vergänglichkeit allen Irdischen und besonders Gläubige können ihre Liebe und Hingabe beweisen, indem sie die Latten regelmäßig mit Schutzfarbe lackieren.

Während ich den Gedanken abschließe macht es vor meinen Augen „Flüünsch!!“ Der Vogel hat sein Werk getan. Halleluja, der gefiederte Herr sei gepriesen. Ich falte die Zeitung zusammen und fahre nach Hause.

Daheim angekommen lege ich das Manifest absegnungsbereit meiner Freundin unter die Nase. Ich sage ihr, dass ich mir ziemlich sicher sei, dass diese Religion von Deutschland aus Europa und die Welt erobern würde und ernte einen skeptischen Blick. „Bist du sicher, dass es eine so gute Idee ist, eine irgendwie pseudoreligiös angehauchte Bewegung die hauptsächlich „Heil “ schreit von Deutschland aus Europa erobern zu lassen?“ fragt sie. Touche… Der Punkt geht an sie. Das könnte tatsächlich etwas kritisch werden. Andererseits genügt ein kurzer Blick in die Medien um festzustellen, dass das Grundprinzip immer noch genug Anhänger hat…. Ich verwerfe den Gedanken. Hier geht es schließlich um etwas komplett anderes. Das ist ja gar nicht vergleichbar.

Du verstehst das einfach nicht!“ rufe ich empört, ich, reiße meiner Freundin mein heiliges Manifest aus der Hand und verlasse verärgert den Raum.

Hey, du könntest das doch einfach abändern. In „Huldigt den Falken“ oder so?“

Ich dulde keine Reformation! Spalter!“ rufe ich durch die geschlossene Badezimmertür.

Das wäre ja noch schöner. Jede kommende Weltreligion hat in ihren Anfangstagen mit Skeptikern zu tun gehabt. Wir werden ja sehen, was sich hier letztendlich durchsetzt.

Die nächsten Tage verbringe ich damit, das Manifest des Falkenkults ein wenig zu verfeinern. Dann ist der Tag der Wahrheit gekommen. Es ist Zeit, meine Botschaft unters Volk zu bringen. Einen falschen Bart aus dem Karnevalsverleih im Gesicht baumelnd – Propheten haben immer einen Bart, dieses Prinzip gilt überall – und eine Mütze mit zwei angesteckten Bussardfedern – Wenn schon Pfuschen, dann wenigstens bis in die Details durchgezogen – auf den Kopf gestülpt mache ich mich wieder auf den Weg in die Innenstadt. Ich trage einen leeren Colakasten aus dem Getränkemarkt unter dem Arm, denn um glaubwürdig predigen zu können, muss ich selbstredend erhöht stehen.

Ich bin mir meiner Sache ziemlich sicher, da erblicke ich schon von weitem die Menschenmasse, die sich auf den Marktplatz drängelt. Ich schaue genauer hin und registriere irritiert den Grund für den Menschenauflauf. Im Zentrum des Geschehens, breitbeinig auf seiner Bank balancierend steht Onkel Werner. Auch er hat sich einen Prophetenbart aus dem Karnevalsverleih umgehängt und gestikuliert mit zwei Guanobesprenkelten Steinplatten.

HULDIGT DEN EULEN“ brüllt Onkel Werner in die Menge. „Die Eulen sind die Herrscher der Nacht! Sie beschützen euch vor dem Bösen und drehen ihren Kopf um 270 Grad, um hinter euch in eure Seelen zu blicken!“

Die Menge jubelt begeistert.

Hier! Nehmt dies als Zeichen eurer nachtaktiven Herren!“ ruft Onkel Werner und wirft Taubenfedern in die Menge. Mist. Sogar die Nummer mit der Pfuscherei beherrscht der Kerl in Perfektion.

Zu spät“ denke ich. Man muss wissen. wann man verloren hat. So schnell es geht bestelle ich den Gospelchor ab, der zu meiner Unterstützung eigentlich „Falcons they know me“ von Genesis singen sollte.

Es hat nicht sollen sein.

Nun bleibt mir final nur eine Sache übrig:

Nachsehen, ob Onkel Werner bereits Informationsbroschüren ausliegen hat.

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