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Treppenhaustwitter

Autor: D. E. Orange 14. November 2020

Unten links in meinem Wohnhaus wohnt ein älterer Herr. Sein Name ist Willi. Zumindest das ist sicher. Wie alt genau Willi eigentlich ist – das wiederum weiß niemand. Nicht einmal die Paläontologen die ihn jeden Mittwoch besuchen sind sich in dieser Frage wirklich einig. Fakt ist, es sind wohl ein paar Jahre mehr.

Es ist nicht einmal klar, wie lange Willi bereits in diesem Haus lebt. Düstere Legenden besagen, man habe irgendwann Ende des 19.Jahrhunderts das Haus einfach um Willi herum gebaut als er kurz im Sessel eingenickt war. Das kann natürlich sein. Damals waren die Handwerker noch effektiv und die Bauvorschriften noch schwammig, da ging so etwas noch. Und Nachmittags wachte Willi schließlich  auf, sah sich um, erbrach eine Fußmatte und kleidete alle Räume mit Eiche Rustikal aus. Und er sah, dass es gut war. Seitdem wohnt Willi hier. Glücklich und selbstzufrieden in seiner eigenen kleinen Welt. Aber Willi ist ein moderner Mann. Er nutzt sogar ein soziales Netzwerk. Aber nicht Facebook oder Instagram, nein, Willi nutzt sein eigenes Netzwerk. Eine kleine, schwarze Pinnwand gleich neben der Kellertreppe. Willi nutzt Treppenhaustwitter.

Es ist ein Sonntag, als ich eines trüben Vormittags das Treppenhaus hinabsteige und beim Griff zur Haustür mein Blick auf einen kleinen Zettel an der Pinnwand fällt.  „Welcher Narr“ steht dort geschrieben.

Welcher Narr hat gestern die heilige Nachtruhe mit entarteter N…musik von infernaler Lautstärke entweiht? Der Schuldige möge dies in Zukunft unterlassen, ansonsten muss ich mich gezwungen sehen, den Hauswart zu verständigen. Mit freundlichen Grüßen, ein anonymer, aufmerksamer Hausbewohner“

Ahja. “Anonym ist relativ” denke ich mir. Groß ist die Auswahl nicht, vor allem weil die Notiz in Sütterlin geschrieben ist. Und überhaupt – Entartete WAS?

Ich rekapituliere kurz den Vorabend, was denn da wohl gemeint sein könnte…

Ach ja, ich habe tatsächlich ab 19:00 eine halbe Stunde AC/DC gehört. Ja was kann ich denn dafür, dass ich mich nicht unbedingt für Marschmusik, Wagner-Opern oder andere musikalische Erzeugnisse begeistern kann die nach zwei Takten diesen unwiderstehlichen Drang auslösen gen Warschau zu marschieren? Auf Socken!?! Man muss ja an die Nachtruhe denken…

Wie auch immer. Ich reagiere prompt, ziehe Stift und Notizzettel auf der Tasche und setze meinen Retweet:

Vielen Dank für den Hinweis. Damit solche Zustände in Zukunft nicht mehr vorkommen werden anbei ein Gutschein für eine Tüte Oropax“.

Anschließend ziehe ich eine Rolle Bindfaden aus der Tasche, klebe ein Ende an meine Notiz und verbinde das andere Ende mit Willis Wohnungstür. Das ist nur logisch. Wenn er ordnungsgemäß angepinnt ist sieht er den Kommentar nämlich viel schneller.

Ein paar Stunden später kehre ich zurück und bemerke direkt den dritten Zettel an der Pinnwand:

Welcher Narr hat einen Faden an meine Tür geknotet? Ich bin nicht der Urheber dieser zugegeben sehr zutreffenden Nachricht, es gibt sicherlich noch andere aufmerksame Nachbarn in unserem ehrenwerten Hause.“

Ja sicher. Vor allem benutzen die ALLE in der selben Handschrift die gleichen vergilbten Zettel mit dem Wasserzeichen der kaiserlich-preußischen Zeppelingesellschaft. Netter Versuch, Willi!

Aber gut, vielleicht hat er ja inhaltlich einen Punkt getroffen? Ich denke kurz nach.

Nee.

Hat er nicht.

Die anderen Hausbewohner sind meiner Meinung nach mindestens genau so verballert wie ich. Okay, beim Szymaniak von ganz oben kann ich es nicht beurteilen. Der wohnt seit zwei Jahren hier, aber er ist DHL-Bote. Den hat in den ganzen Jahren noch niemand je im Haus gesehen. 

Soziale Konversation muss konstruktiv sein, denke ich mir. Das habe ich aus 10 Jahren Facebook gelernt. Ich kritzle „Deine Mutter“ unter Willis Notiz und gehe in meine Wohnung zurück. Als ich eine Stunde später den Müll rausbringen will, ist eine weitere Notiz angehängt:

„Meine Mutter ist beim Pyramidenbau verunglückt. Sie lenken ab.”

Hut ab!  Das kam unerwartet.

Der Mann hat offenbar doch nicht seinen Humor in Waterloo gelassen. Oder er ist völlig senil. Oder die Sache mit den Pyramiden stimmt tatsächlich. Ich tippe auf letzteres. Aber was antwortest man da? Was würde ein Influencer tun? Ach richtig. Ich male ein Herz um Willis Notiz und pappe ein wahllos aus dem Netz geklautes Bild eines x-beliebigen Hundewelpen drunter. Klar, das hat zwar so überhaupt keinen Kontext, aber scheiß die Wand an, ist der Hund süß. Damit ist doch jetzt eh alles egal. Soziale Netzwerke funktionieren immer noch alle gleich.

Zwei Stunden später haben irgendwelche Leute den Welpen per Glitzersticker geliked, irgendwer hat ein Bild eines treudoof unter einem Sofa hervorlugenden Cocker-Spaniels dazugeklebt. Weiter unten hängt die Frage „Was letzte Preis?“ und ganz am Rande möchte jemand Potenzmittel verkaufen. Klar, Werbung und Spam gehen immer Hand und Hand. That eskalated quickly.

Der einzige der sich nicht irritieren lässt ist offenbar Willi. Auf der so ziemlich letzten freien Fläche der Pinnwand hängt nun eine neue Mitteilung:

Werter Schmutzfink. Ich habe soeben den Müll kontrolliert und festgestellt, dass nicht alle der kürzlich eingeworfenen Säcke korrekt getrennt sind. Ich bitte dies binnen 2 Stunden zu korrigieren. Mit freundlichen Grüßen, ein anonymer aufmerksamer Hausbewohner“

Okay. Es wird Zeit für eine Direktmitteilung um die Sache zu deeskalieren.

Ich gehe in den Hof, schnappe mir die Mülltonne, wuchte sie in den Hausflur, leere sie vor Willis Haustür aus und klebe einen Zettel an die Haustür:

Mach vor. Du hast noch eine Stunde und 56 Minuten. Topp, die Wette gilt.“

Ich gehe derweil in Bett.

Um 3 Uhr Nachts klopft es an meiner Haustür. Als ich öffne steht ein Mann mit gelber Jacke schwer atmend vor mir. „Szymaniak“ keucht der Mann. „ich wohne ganz oben. Ich soll eine Nachricht weiterleiten.“ Anschließend kippt er mir die Tonne ins Wohnzimmer und geht.

Okay Willi, jetzt hast du eine der heiligsten Regel der sozialen Netzwerke gebrochen! Jetzt hast du dafür gesorgt, dass ich alle Personen in meiner Kontaktliste tatsächlich auch einmal persönlich getroffen habe. Das geht ja GAR NICHT!!!

Ich greife zum letzten Mittel und tue, was niemand, der intensiv soziale Netzwerke betreibt jemals tun würde: Ich verzichte auf eine schriftliche Antwort. Stattdessen laufe ich die zwei Stockwerke hinunter und klingle an Willis Tür, um das persönliche Gespräch zu suchen.

Mir öffnet ein alter Mann mit grauer Jogginghose und weißem Unterhemd. Ein Mann, dessen weiße Haare auf der Glatze einzeln abzählbar sind. Eine Hand ruht auf einem grün abgesetzten, etwas mitgenommen wirkenden Rollator, die andere Hand umklammert eine Ausgabe des Cicero-Magazins.

Schund ist das. Schund!“, sagt Willi und deutet auf das Cicero-Magazin in seiner Hand. „Ich habe den Mann persönlich gekannt. Das spiegelt gar nicht seine Meinung wider.“ Dann bittet er mich hinein. Wir setzen uns auf eine staubige Nachbildung eines Sofa aus der Barock-Zeit –  Okay, vermutlich ist das gar keine Nachbildung –  und reden.

Wir reden über die Mülltrennung in unserer Hausgemeinschaft, den Treppenhausputzplan, die Kellertreppe die seit 15 Jahren gestrichen werden sollte.

Wir reden über den Bergmann, der in den 60ern in meiner Wohnung gelebt hat, den Niedergang der Bergbauindustrie überhaupt.

Wir reden über den Generationenkonflikt, die zu niedrigen Fleischpreise und wie der FC Schalke in den letzten Jahren konsequent dafür gesorgt hat, für die nächsten Jahrzehnte die größte Lachnummer südlich von Hamburg zu bleiben.

Gegen 6:30 verlasse ich Willis Wohnung mit der befriedenden Erkenntnis, dass persönliche Gespräche einfach viel mehr wert sind als ewige Schriftkriege und im beruhigenden Wissen, etwas gutes zum Hausfrieden beigetragen zu haben.

Am Nachmittag entdecke ich den Zettel auf der Pinnwand. In Sütterlin steht geschrieben:

„Diese Pinnwand ist vollkommen überfüllt. Das doch kein Zustand. Wir sind nicht bei den Umpalumpas oder wie die da unten heißen. Der Hauswart ist verständigt!“

Okay

Es hätte ja klappen können.

Also auf ein Neues….

 

 

(Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich als Bühnentext konzipiert und wird durch D.E.Orange unter bürgerlichem Namen als solcher verwendet. Sollte er Ihnen zufällig in diesem Zusammenhang über den Weg laufen, sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt)

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