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Ich bin verwirrt.

Also generell. Auch. Das lässt sich nicht leugnen. Besonders verwirrt bin ich jedoch, wenn ich aus dem Bahnhofsgebäude meiner Heimatstadt auf dieses Etwas trete, was sie hier erstaunlich unironisch einen „Vorplatz“ nennen – Denn dort begrüßt mich, heroisch windschief vom Haupte eines handelsüblichen Laternenpfahles herabblickend ein unglücklich festgedübelter Plastikmond nebst der Botschaft „Willkommen auf dem Mond“.

Und genau so fühlt es sich auch an.

Was bitte ist das hier?

Es ist meine Heimatstadt. 

Meine Heimatstadt heißt Wanne-Eickel und sie weiß genau so wenig wie ich, was sie eigentlich darstellen soll. Wanne-Eickel bildet den geographischen Mittelpunkt des Ruhrgebiets, hat 65.000 Einwohner – Zum Vergleich, das ist mehr als Schweinfurt, Emden und die komplette Eifel – gibt sich aber ansonsten allergrößte Mühe wie das Abziehbild eines beliebigen Kuhkaffs zu wirken – Nur halt ohne Kühe. Und alle anderen Dorfklischees; Schützenfest? Nein. Blaskapelle? Nein. Dorfdisko? Nein. Auf 65.000 Einwohner kommt hier die beeindruckende Zahl von 0 Diskotheken, 0 Kinos und 0 Veranstaltungshallen.  „Willkommen auf dem Mond“. Irgendwie treffend.

Immerhin, mit diesem Stadtmotto könnte man meinen, zumindest ein Hang zum Humor wäre vorhanden. Sollte man denken. Stimmt aber nicht.

Das mit den Mond ist nämlich alles, aber kein Scherz;

Das einzige Theater der Stadt heißt „Mondpalast“. Das Stadion des größten lokalen Fußballvereins – in den 80ern immerhin mal ein Zweitligist, heute in der sechsten Liga (schweigen wir besser darüber) trägt den herrlich dümmlich sperrigen Namen Mondpalastarena.

Das mit dem Mond ist nichts anderes als ein kranker Fetisch. Ein kranker Fetisch der ganz konkret auf etwas beruht, für das sich normale Städte schämen würden: Einem Schlager aus den 60ern in dem es heißt „Nichts ist so schön, wie der Mond von Wanne-Eickel“. Einem Lied derart garstiger Grausigkeit, dass kein Schützenfest der Welt genügen würde es sich schön zu saufen. Sollten Sie jetzt neugierig geworden sein und das Lied nachher googeln wollen – Tun Sie nicht. Das wollen Sie nicht. NIEMAND will das. Die B-Seite der Single damals hieß wahrhaftig „Was macht der Mann da auf der Veranda?“ und mehr muss man nicht wissen um einschätzen zu können, um welche Art Liedgut es sich hier handelt – Aber in Wanne-Eickel zieht man sich trotzdem in aller Konsequenz daran hoch.

Tatsächlich herrscht in Wanne-Eickel eine Art Erdtrabanten-Tourette, bei dem jede Frage nach einer lokalen Namensgebung reflexartig mit „MOND!!!!!!“ beantwortet wird. Nein, von beschissener Musik hat sich in Wanne-Eickel noch nie jemand irritieren lassen. Als Stadt ohne Disko und Konzertlokation lernt man auf diesem Sektor ja auch nichts annehmbares kennen.

Sie wollen konkrete Beweise? Gern. Das letzte Mal, dass eine echte Band die Grenzen Wanne-Eickels stadteinwärts passierte war im Dezember 1970. Denn da kamen Black Sabbath in die Stadt. Ja, DIE Black Sabbath. Mit Ozzy Osbourne und Tony Iommi. Das konnte nicht schief gehen? Sie irren. Denn die Stadt gab sich wirklich alle erdenklichen Mühen, auch diesen musikalischen Sechser im Lotto mit Pauken und Trompeten zu verhauen.

Dass es auch damals keine Konzerthalle gab und die Band daher in der immerhin knapp 2000 Leute fassenden Handballhalle spielen musste war ja noch in Ordnung. Dass die Urväter des Heavy-Metal, die kurz zuvor erst ihr „Paranoid-Album“ herausgebracht hatten in einer Handballhalle mit BESTUHLTER Innenraumfläche UND zusätzlich aus Sicherheitsgründen mit eingeschaltetem Hallenlicht (kein Scherz!) spielen mussten, war dann aber doch des Guten etwas zu viel. Legenden besagen, Ozzy Osbourne lebte bis zu diesem Abends abstinent. Seitdem möchte er vergessen. Und versucht es bis heute. Wahrscheinlich vergeblich.

Die Konsequenz: Seitdem kommt keine Band mit etwas Selbstachtung mehr zu Besuch nach Wanne-Eickel.  Es ist ein Fluch. Auf dem jährlichen Stadtfest (welches im übrigen „Mondnächte“ heißt, wer hätte das gedacht?) spielen seither ausschließlich Coverbands von Phil Collins und Queen. Manchmal aber auch einfach nur eine einzige Band, die beides abdeckt. Gemischt. Daher weiß ich, dass „Bohemian in the Air tonight“ ein an sich ganz guter Song ist.  Aber Not tut das jetzt ganz ehrlich auch nicht.

Ohnehin – Wenn man mal wirklich ganz ehrlich ist: Coverbands sind die abgelaufenen Tiefkühlpizzen der Musikszene. Ganz okay wenn nichts anderes im Haus ist, aber nach dem dritten Stück geht man dann doch lieber mal Richtung Toilette.

Also was bitte ist das hier?

Ich weiß es nicht. Zumindest nicht so wirklich. Was ich weiß ist, dass es sich hier um eine Stadt handelt, deren offizielles Maskottchen ein humanoides Pferd namens Fritzchen ist. Ein 1,20 großer Gaul mit Grubenhelm, der ORIGINAL aussieht, als hätte Jolly Jumper einen Schlumpf bestiegen. Darauf muss man erst einmal kommen. Aber sollte man es auch?

Dies alles zusammengenommen bin ich der Meinung, diese Stadt hat damit ziemlich genau bekommen, was sie verdient. Und trotzdem kam es letztendlich noch viel schlimmer.

Genau genommen ist Wanne-Eickel nämlich keine Stadt mehr, denn unser heißgeliebtes 65.000-Einwohner-wannabe-Kuhkaff hat seine Stadtrechte 1975 bei einer schwer ausgeuferten Partie Shuffleboard an eine Nachbarstadt verloren, die erstens kleiner ist, zweitens selbst nie irgendetwas hinbekommen hat und drittens noch nie von irgendwem gemocht wurde. Das Endergebnis:  Heute ist Wanne-Eickel ein Stadtteil einer notdürftig zusammengeschusterten Unzumutbarkeit, die mit „H“ beginnt und mit „Erne“ aufhört. Und ja, von allem genannten ist DAS mit Abstand das, was mich und alle anderen Einwohner hier am meisten demütigt.

Und so stehe ich nun vor dem Hauptbahnhof, starre auf das Mondplakat mir gegenüber und frage mich, wie so oft bereits, warum zum heiligen Henker lebe ich eigentlich immer noch in dieser hoffnungslos unfähigen Unzumutbarkeit von Möchtegernstadt?

Und die Antwort darauf ist banal: Weil es MEINE hoffnungslos unfähige Unzumutbarkeit von Möchtegernstadt ist

Weil jede verfallende Fassade, jede der Dönerbuden, die jedes Quartal den Besitzer wechseln und jede verdammte Phil-Collins-Coverband hier sich wie ein Stück Zuhause anfühlt.

Weil ich hier jeden verwilderten Fußweg, jeden dreckigen Bürgersteig und jeden verlebten Schrebergarten mit Vornamen kenne.

Weil ich auf jedem Fragebogen, den ich irgendwo ausfüllen muss in der Anschriftszeile dieses H-Wort hinter dem 44652 meiner Postleitzahl in demonstrative Anführungszeichen setze.

Weil ich Leuten die ich mag regelmäßig diesen Apfel-Birnen-Likör, der nur bei mir um die Ecke hergestellt wird mitbringe, obwohl ich genau weiß, dass man mit dieser leicht abgefuckten Plörre Gartenzäune abbeizen kann. Ich muss Ihnen übrigens überhaupt nicht explizit verraten, wie dieses Zeug heißt. Wenn Sie bis jetzt aufgepasst haben, dann wissen Sie es bereits, glauben Sie mir.

Das jedenfalls ist meine Stadt.

Jeder hat die Heimat, die er verdient und dies ist dann wohl mein Los. Ob es jetzt für oder gegen mich spricht,  das sollen andere beurteilen. Mir selbst ist das egal. Ich lasse auf dieses Kaff nichts kommen. Zumindest nicht aus dem Munde anderer Leute, nur damit das klar ist. Ich selbst kann über diese Stadt so viel lästern wie ich möchte, schließlich bin ich es ja, der hier leben muss.

Ich betrachte es einfach als die große Herausforderung meines Lebens, der ich mich zu stellen habe.

Und ganz ehrlich:

Woanders ist es ganz bestimmt auch Scheiße. Wetten? 

 

 

 

(Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich als Bühnentext konzipiert und wird durch D.E.Orange unter bürgerlichem Namen als solcher verwendet. Sollte er Ihnen zufällig in diesem Zusammenhang über den Weg laufen, sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt)

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