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Ich bin okay

Autor: D. E. Orange 25. Juli 2021

Ich bin Okay.

Was soll ich sonst sein? Seit Wochen. Seit Monaten. Seit Jahren. Tagein, Tagaus, das gleiche Spiel.

Ich bin okay.

Was ist eigentlich okay?

Ist es dieses diffuse Gefühl, dass nicht alles eine komplette Scheiße ist? Dass ich nicht jeden Tag daheim sitze, mir eine Tüte Chips binnen einer halben Stunde reinknalle während ich einen Film aus den 90ern sehe, der mich nicht einmal interessiert und niemand bemerkt hat, dass ich seit 3 Tagen nicht geduscht habe, da keiner da ist der das bemerken könnte? Sondern ich stattdessen Freunde treffe, zur Arbeit gehe und irgendwie versuche, mein Leben irgendwie in der Waage zu halten? Ist das okay? Bestimmt.

Ich bin okay.

Obwohl ich weiß, dass meine Arbeit mich nicht ausfüllt, es mir jeden Tag ein bisschen schwerer fällt hin zu gehen und in meinem Kopf die vollen 8, 9, 10 oder 11 Stunden Zirkusmusik läuft um dieses Affentheater irgendwie zu ertragen, weil alles außer Zynismus ohnehin nicht mehr wirkt.

Manchmal denke ich darüber nach, meinem Chef die Kündigung auf den Tisch zu legen. Nimm sie und fick dich und ich – ich gehe jetzt surfen. In Mexiko. Oder Schweden. Oder in der Schweiz, interessiert doch keinen ob die eine Küste haben. Es ist eh egal. Weil am Ende siegt eh die Angst aus der Routine auszubrechen und die Mühle nicht mehr mit zu tragen.

Ich habe meine Kündigung geschrieben. Mehrmals. Aber abgegeben habe ich sie nie. Ich trage sie im Rucksack mit mir herum. Da kann sie sich brav meinen Arbeitsalltag ansehen und selbst herausfinden warum sie entstanden ist. So einen Service kann nur ich ihr bieten. Nur ich. Denn ich bin okay.

Ich bin okay.

Hier, wo ich allein in meiner Bude hocke und die Wand anstarre, weil ich festgestellt habe dass der Fernseher nicht funktioniert. Tut er seit vier Jahren nicht. Ist egal. Dieses Problem ist zu unwichtig um mich darum zu kümmern. So wie der Haushalt, finde ich. Finden die Fruchtfliegen auch, deswegen gefällt es ihnen in meiner Gesellschaft auch so gut. Mit mir reden tun sie aber auch nicht. Klar, wie denn auch? In dem Abfall hier würde ich mich auch nicht finden und ich bin ein Mensch, die Krone der Schöpfung. Was also soll ich von Fruchtfliegen erwarten? Dumme Viecher.

Ob ich mich einsam fühle? Ach warum? Wie gesagt, ich habe Freunde und ein paar davon sind wirklich gut. Auf der Arbeit sehe ich ebenfalls mehr als genug Menschen. Klar, nicht die, die ich sehen will, aber dafür täglich. Wer wird denn kritisch sein? Wäre das Verhältnis umgedreht und ich würde nach der Arbeit nach Hause kommen und da säße wer, den ich wirklich sehen will und der keine Fruchtfliege ist. Das hätte vielleicht was. Aber es ist halt nicht so. Stattdessen wartet dort nur ich. Und mich will ich nicht sehen. Deswegen habe ich alle Spiegel aus der Wohnung geworfen. Und deshalb komme ich auch so gut klar. Naja, gut vielleicht nicht. Aber okay.

Ich bin okay.

Dass ich keine Beziehung habe und ziemlich sicher auch nicht zu einer fähig bin, ist immerhin ein Gefühl von Konstanz. Aber was soll ich denn auch machen? Ich habe viel zu tun und ich diese „Einsamer Wolf“-Nummer hat einfach diese trockene Coolness. Und ohnehin will keine Frau für die ich mich je interessiert habe im Endeffekt etwas von mir, sondern von gefühlt jedem anderen Das ist halt so ein Schicksals-Ding. Oder liegt daran, dass ich so scheiße aussehe wie ich mich fühle. Halt. Natürlich nicht scheiße. Natürlich okay.

Ich bin okay.

Wer braucht schon Beziehungen und Familienplanung? Das läuft sich alles irgendwo im Sande aus. Was soll man da planen. Bei mir hat sich selbst der bestehende Teil der Familie in den letzten Jahren halbiert. Das war auch nicht geplant. Also warum soll ich erwarten, dass es an anderer Stelle läuft? Ich erwarte ja nicht einmal dass mir jemand erzählt wie ich mit den Dingen klar kommen soll, die in der Vergangenheit passiert sind. Wie also soll ich mit der Zukunft klar kommen? 

Ich bin okay.

Das muss ich auch. Denn um mich herum geht es kaum wem besser als mir. Ich höre mir jeden Tag Probleme an, die meine eigenen übersteigen. Ich höre jeden Tag von Tod, Elend und Selbstaufgabe. Und dann nicke ich weise und sage doch nichts. Sondern denke darüber nach, wie viel besser es mir doch geht, der all dies nicht – oder teilweise vielleicht doch – erleben musste, sondern sich lediglich Tag für Tag nichts anderes anhören darf. Zumindest dann, wenn ich nicht allein bin. Sowas muss mich einfach motivieren. Und das wird es auch, sobald ich die Energie finde, Motivation aufzunehmen. Und mir wer mal erzählt, wo ich sie da herbekommen soll.

Ich bin okay.

Vielleicht aber etwas eingefahren. Aber das wird schon. Ich habe heute zum Beispiel überhaupt nicht wegen Kleinigkeiten geheult. Nur das eine Mal, als ich die Wäsche im Keller vergessen habe und das zweite Mal als ich bemerkt habe, dass ich in 7 Stunden wieder zur Arbeit muss. Es geht ganz klar aufwärts mit mir. Noch zwei, drei Monate und ich finde vielleicht wieder einen Grund, mir Sonntags eine Hose anzuziehen. Ich muss nur fest daran glauben und darauf warten, dass mir jemand einen Grund nennt.

Ich bin okay

Zumindest, wenn ich was zu tun habe. Zumindest wenn ich das Gefühl habe, irgendwie nützlich zu sein. Vielleicht gehe ich deshalb zur Arbeit, vielleicht fahre ich deshalb 560km, um für 5 Minuten einen Text vor 10 Leuten vorzulesen, die auch jedem anderen Eumel zugehört hätten und dich am Folgetag wieder vergessen haben. Aber ich bin nützlich. Sehr sogar. Glaube ich. Ganz fest. Okay, ich verliere diesen Glauben bei jeder Kleinigkeit, bei jeder Absage und eigentlich immer, sobald jemand bei irgendwas nicht zuallererst an mich denkt. Ich bin vielleicht einfach ein narzistisches Arschloch dass nur an sich selbst denkt. Das sind schließlich so einige. Oder das ganze ist ganz normal. Manchmal kommt mir das in den Sinn. Aber hauptsächlich sitze ich dann wieder antriebslos vor der Wand und alles ist scheiße.

Ich bin okay und alles ist okay. Und das sage ich auch immer, aber Lügen kann ich inzwischen wirklich super. Zumindest, wenn ich die Lüge so lange wiederhole bis ich sie irgendwann selbst glaube. Aber das ist natürlich alles kein Ding. Alles okay. Denn ich bin okay.

Ich bin okay.

Oder ich brauche vielleicht doch Hilfe.

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