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Tuppertuckerland

Autor: D. E. Orange 29. August 2021

Oft liege ich nachts wach und möchte weg von hier. Auf in die Ferne. Andere Länder, andere Sitten. Einfach nur weg. Ich bin ein Mensch, der gern und viel unterwegs ist und Eindrücke aufsammelt wie Andi Scheuer Peinlichkeiten.

Im Weg stehen mir dabei allerdings meine Gene. Ich stamme aus einer klassischen Arbeiterfamilie und so stellt sich spätestens nach zwei Wochen Urlaub dieser zwanghafte Drang ein, eingedötschte Tankstellendächer ausbeulen zu wollen oder irgendwo eine kaputte Lampe zu reparieren. Da es ziemlich komisch wirkt, wenn ich im Urlaub bei fremden Leuten klingele um sie zu fragen ob bei ihnen im Bad auch ganz bestimmt das Licht funktioniert oder ob ich da nicht doch irgendwie behilflich sein kann, gehe ich in der dritten Woche dann doch lieber zu Arbeit. Es hilft ja nichts.

Mit langen Fernreisen wird es – aller Reiselust zum Trotz – so auf Dauer natürlich eher nichts. Es bleibt also noch die Hoffnung auf die Zeit nach dem Renteneintritt. Aber wenn ich mir dort die aktuellen Entwicklungen ansehe und die Tendenzen richtig hochgerechnet habe, wird mein persönliches Renteneintrittsalter voraussichtlich bei 76 Jahren liegen –  Und die Besoldung wird aus einem monatlichen Stück Roggenbrot bestehen, welches ich dann vermutlich auch noch Monat für Monat schriftlich beim zuständigen Amt beantragen darf. Es mag gut sein, dass Ost- und Nordfriesland, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und hoffentlich auch Hannover bis dahin bereits untergegangen sind – die deutsche Bürokratie wird NIEMALS untergehen.

Wenn ich mir meine männlichen Vorfahren so anschaue, stelle ich ohnehin fest, dass keiner von ihnen sein siebzigstes Lebensjahr gesund oder überhaupt mal erreicht hat. Fakt ist also: Das mit den Fernreisen im Rentenalter kann ich ziemlich sicher ad Acta legen.

So bleibt mir also nach reiflicher Überlegung nur noch eine Option: Es auf die paar Jahre jetzt auch nicht mehr ankommen lassen und meine Reise um die Welt einfach auf die Zeit nach meinem Tod verlegen. Da habe ich bis jetzt eh noch nichts vor.

Ich habe mir da auch noch nie große Gedanken drüber gemacht. An ein Leben nach dem Tod habe ich nie wirklich geglaubt. Ich hatte bis jetzt ja schon oft genug Probleme mit der korrekten Vorstellung bezüglich eines Lebens VOR dem Tod, also welche Illusionen hätte ich mir schon über die Zeit hinterher machen sollen? Auch meine potenzielle Beerdigung habe ich bisher immer recht rational gesehen: Legt mich einfach auf eine beliebige Waldlichtung auf der ich keine Passanten belästigen kann, dann ein halbes Jahr warten, dann Kehrblech und fertig. Drauf geschissen. Verwesung – Muss halt. Die bekomme ich eh nicht mit, sie kann mir folglich völlig wurscht sein. Und wenn ich selbiges für ein paar Füchse sein kann, ist das dann auch okay.

Aber was, wenn da doch etwas ist? Was, wenn die Ägypter Recht hatten und der Körper sich nach seinem Tod auf eine lange Reise begibt? Wie doof wäre ich denn dann, mir diese Gelegenheit entgehen zu lassen?

Von daher habe ich beschlossen, mich nach meinem Tod eintuppern zu lassen. Ich möchte in einer schönen, luftdicht verschlossenen Plastikschale liegen, aus der ich freie Sicht in alle Richtungen habe. Zumindest, wenn bis dahin jemand umweltfreundliches Plastik erfunden hat (ich habe ja nicht vor, die Sache unbedingt besonders zeitnah anzugehen). Sollte umweltfreundliches Plastik dann immer noch eine ferne Utopie sein, reicht natürlich auch die klassische Recyclingholzkiste mit Guckfensterchen.

Meine Tupperdose soll ausgestattet sein mit Schwimmflügelchen, einem Ruder und einem keinen Mast mit einem Segel in den Stadtfarben von Wanne-Eickel (Hinweis: Das wäre dann Gelb-Schwarz). Ich möchte mein eigenes, kleines Totentupperboot haben. Und wenn es einst so weit ist, dann soll dieses Totentupperboot auf dem Rhein-Herne-Kanal zu Brackwasser gelassen werden.

Und dann beginnt sie, meine große Reise.

Dann segele ich den Rhein-Herne-Kanal entlang, lasse Essen und Oberhausen hinter mir und biege bei Duisburg in den Rhein ab. Ich treibe stromabwärts, passiere Wesel und Emmerich, durchquere die Niederlande – falls dann noch vorhanden – und laufe unter großem Getöse durch die Hintertür in den Rotterdamer Hafen ein. Und von dort in die Nordsee. Durch den Ärmelkanal, vorbei an der Biscaya, der Iberischen Halbinsel, hinaus auf den Atlantik. Im Zick-Zack um die Kanaren und einmal quer durch die blaue Schlonze bis zur Mündung des Amazonas, den ich dann einmal hoch und wieder herunterfahre.

Gut, wenn ich jetzt bedenke, dass ich einen der längsten Ströme der Welt mit einem Tupperboot stromaufwärts bewältigen will, sollte ich meinen schwimmfähigen Unter- Neben- und Übersatz vielleicht doch besser mit einem kleinen Außenbootmotor bestücken lassen. Am besten solarbetrieben, da ich auf dem Atlantik bestimmt keinen Sprit finden werde – Und wenn doch, ist dies ja auch nicht unbedingt das beste Zeichen.

Und dann fahre und fahre und fahre ich. Überall dort hin, wohin die Wellen, die Gezeiten, die Strömungen und meine voreingestellte, satellitenüberwachte und gestützte Navigationsroute mich führen werden. Wenn autonomen Fahren bereits jetzt in den Startlöchern steht, dann sollte irgendwann, wenn meine Zeit gekommen ist, auch autonomen Tuckern technisch möglich sein. So schwer kann das doch nicht sein. Im Fahrzeug selbst hat schließlich niemand mehr ein Leben welches gefährdet werden könnte, folglich ist der Schwierigkeitsgrad bereits halbiert und nur noch die Außenwelt von Belang.

Und so tuckere ich dahin.

Denn ich habe alle Zeit der Welt.

Irgendwann werden die Medien auf mich und meine Reise aufmerksam werden. Ich werde einen Trend setzen. Tausende verballerte Gestalten werden Tuppertuckerboote bauen und sich den Ganges, die Wolga, die Ruhr oder je nach Vorliebe die Klospülung hinuntertreiben lassen.

Und irgendwann, wenn auch diese, meine letzte Reise beendet ist, mein Körper die ganze Welt gesehen hat und meine Idee Schule gemacht hat, fahren mein Körper und meine Seele ein in den Ort, an dem alle Reisenden einst einkehren werden.

Dann laufe ich ein in Tuppertuckerland.

Irgendwann wird all das passieren. Nicht heute, nicht morgen und hoffentlich auch nicht übermorgen. Die Sache hat Zeit. Läuft ja nix weg in den nächsten Jahrzehnten. Abgesehen von einigen Landmassen und einer erschreckenden Anzahl an Tier- und Pflanzenarten. (Anderes Thema)

Aber irgendwann bin ich weg. Unterwegs in meinem Totentuppertuckerboot zu all den Zielen, zu denen ich es heute nicht mehr schaffen werde. Das Ende ist traurig genug. Also warum nicht wenigstens einen positiven Aspekt daran finden? Man muss positiv denken. Gerade in schwierigen Zeiten wie diesen.

Das Leben hält noch vieles bereit. Vieles was es zu sehen, zu erleben und abzuarbeiten gibt. Und für alles danach wartet Tuppertuckerland.

Das ist immerhin besser als nichts.

Oder?

 

 

 

 

(Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich als Bühnentext konzipiert und wird durch D.E.Orange unter bürgerlichem Namen als solcher verwendet. Sollte er Ihnen zufällig in diesem Zusammenhang über den Weg laufen, sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt)

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