Hauptseite Gedankendenk Von Freundschaft und Schmerz

Von Freundschaft und Schmerz

Autor: D. E. Orange 2. Oktober 2021

Zum Glück hat jeder Mensch seine Talente. Manchmal ist Glück aber etwas sehr relatives, wenn man sieht, worin diese Talente manchmal bestehen. Ich weiß wovon ich rede. Ich habe auch ein sehr spezielles Talent. Ich habe das Talent, völlig ohne Not die Kontrolle über meine sozialen Beziehungen zu verlieren. Einfach, weil ich anscheinend zu dumm dazu bin.

Im Grunde ist Freundschaft ein einfaches Konstrukt. Man findet sich, man mag sich. Man begleitet sich. Man teilt sich und sein Leben mit Leuten, die man selbst dazu auserkoren hat. Und das alles fühlt sich gut und richtig an.

Bis es schief geht.

Bis die Missverständnisse kommen. Die Eifersüchteleien. Ein paar verletzte Egos, verletzte Gefühle, verletzter Stolz. Und unter allen Hälsen die zur Auswahl stehen, bekommt man alles in den einen, den völlig falschen. Und Mechanismen, die man Jahre aufgebaut hat, greifen plötzlich nicht mehr. Sie gehen den Bach runter. Und mit ihnen oft so viel mehr.

Ich bin Mitte 30. Mein Freundeskreis war, solange ich mich erinnere, nie besonders groß, was zuallererst mal daran liegt, dass ich ein spezieller Fall bin und ich Dreieinhalb Jahrzehnte krachend daran gescheitert bin, mich selbst zu verstehen. Die Aussicht darauf habe ich längst aufgegeben. Ich scheitere bereits an den Macken, die ich eigentlich längst entschlüsselt habe. Was soll dann erst mit denen sein, die nur die anderen sehen?

Aber diese anderen gibt es. Diese paar Leute, vielleicht zwei Hände voll, die es mitmachen. Teils seit einigen Monaten, teils seit Jahren, teils seit zwei Jahrzehnten. Und obwohl ich öffentlich dazu neige, als wortkarger Einzelgänger zu erscheinen, mache ich keinen Hehl daraus, dass ich diese paar Leute wirklich abgöttisch liebe. Jeden einzelnen und jede einzelne.

Tief in meinem Inneren, für Leute die darauf achten nur sehr unzureichend versteckt, bin ein sentimentaler, zur Melodramatik neigender Idiot. Wer nicht genau darauf achten will, dem soll die Tatsache, dass dieser Text hier existiert, als Beweis genügen.

Ein Idiot, der peinlich davon abhängig ist, dass diese kleine Gefüge aus Leuten um ihn herum stabil steht – Und es spielt nicht mal eine Rolle, ob ich die entsprechenden Personen regelmäßig zu Gesicht bekomme. Gute Freundschaften funktionieren aus dem festen Wissen wo man steht und DAS man immer da ist.

Womit wir zum Problem kommen.

Wie viele Menschen neige auch ich zu Depressionen und damit verbunden zu einem latenten Selbsthass und einem Gefühl, nur wenig von Wert zu sein. Und dieses Gefühl spielt mir sofort seine Streiche, sobald mein inneres und äußeres Gefüge in die kleinste Schräglage kommt. Dann kommen die Gespenster. Geister, die ich nie gerufen haben und die mir trotzdem haarklein erzählen, dass ich für niemanden von Belang bin. Auch nicht für die Leute, bei denen ich es besser wissen sollte

Es folgt ein Teufelskreis, der oben beschrieben ist. Es lässt sich alles deuten, wie ich es nicht brauche. Und es folgt die Angst.

Echte Freundschaften unterscheiden sich in vielen Dingen nicht besonders von Liebesbeziehungen, außer dass die körperliche Komponente für gewöhnlich wegfällt und man auch nicht auf ein gemeinsames Haus in Oer-Erkenschwick spart. Auch der Schmerz, wenn es kriselt ist oft ziemlich ähnlich. Was kein Wunder ist, wenn man es ernst meint. Tut man das, baut man eine tiefe, emotionale Verbindung auf. Und wo Emotionen, da auch Schmerz.

Ich habe es immer ernst genommen. So schlecht meine Meinung von mir ist und so viel ich mir in meinem Leben vorwerfen will, ich habe meine Freunde immer ernst genommen. Ich habe mich immer bemüht, jedes Problem verstehen zu wollen, habe stundenlange Telefonate zu unmöglichen Uhrzeiten geführt und stand mehr als einmal unangemeldet vor jemandes Haustür, weil mir ein Zwischenton besorgniserregend vorkam. Ich bin 130km gefahren, um jemanden in den Arm zu nehmen und dann sofort wieder zu fahren. Ich mache das gern und zur Not bis zur eigenen Erschöpfung. Denn ich merke, dass ich gebraucht werde und möchte es zurück geben. Von diesem Gefühl bin ich, tief von all meinen Minderwertigkeitskomplexen und inneren Dämonen getrieben, nahezu abhängig.

Genau dieses Gemisch ist es, was mir dann im Zweifelsfall um die Ohren fliegt. Es beginnt banal. Ein kleiner Streit, ein paar Dinge, die mir quer kommen. Kleinvieh, oft nicht der Rede wert. Und doch setzen sie eine Kettenreaktion in Gang. Eine Kettenreaktion, die auf eine zentrale These hin aus ist: Ich bin dieser Person nicht mehr wichtig und ich steuere darauf zu, diese Person zu verlieren. Und da ist sie nun, die Angst.

Und mit dem was ich dann tue, setze ich genau dies in Gang, selbst wenn es ohne mein Eingreifen nie auch nur annähernd passiert wäre.

Es folgt ein Kreislauf aus an Paranoia erinnernder Erbsenzählerei um möglichst viel zu finden, was meine These untermauert, womit ich das brodelnde Gemisch aus Schmerz, Wut, Angst und unangenehmen Selbstmitleid immer weiter aufkoche. Bis irgendwann die Explosion folgt und ich der entsprechenden Person Dinge an den Kopf feuere, die mir nach Minuten bereits unendlich Leid tun.

So verliere ich die Kontrolle über mich, meine Gefühle und letztendlich über meine Freundschaften. Und so lasse ich Menschen fallen die ich liebe und die ich nicht mal in Traum in dem Moment fallen lassen würde, in dem ich genau das wortwörtlich ausspreche. Denn eigentlich kann ich das nicht. Ich bin fast lächerlich loyal. Es würde mir niemals gelingen, jemanden aus meinem Kopf und meinem Herzen zu verbannen der es einmal dort hineingeschafft hat. Zumindest IST es mir noch nie gelungen. Ich weiß nicht, ob es eine Schwäche oder eine Stärke ist. Wahrscheinlich ist es beides.

All das, was ich hier beschrieben habe, weiß ich offensichtlich. Und doch verfalle ich immer in meine identischen Muster und verletzte mich und Menschen, die mir etwas bedeuten, weil in meinem Kopf ein Angstbedingter Film abläuft, mit dem ich mich selbst in die Sackgasse lenke. Wie gesagt, ich bin ein Idiot.

Freundschaften und Beziehungen teilen sich einige Gemeinsamkeiten. Auch die, dass man bereit sein muss, an ihnen zu arbeiten, wenn einem an einem Funktionieren gelegen ist. Ich kann aus Erfahrung nur sagen: Weißt eure Freunde zu schätzen. Es ist nicht selbstverständlich, dass es da draußen Leute gibt, denen du etwas wert bist und die dich genau so nehmen, wie du nun einmal bist.

Kommuniziert. Redet über das was euch beschäftigt, was euch stört, über eure Gefühle und eure Gedanken. Seid offen. Die Kunst, sich mit allem offen auseinandersetzen zu können, erspart viele der Missverständnisse, an denen ihr letztendlich ohne große Not scheitern könnt. Die Welt ist oft ziemlich beschissen. Doch am beschissensten ist die Welt ohne diesen Haufen Irrer, der sie ein klein wenig lebenswerter macht. Also bemüht euch, sie nicht ohne Not wegzuwerfen. Und fahrt ab und an mal 130 Kilometer für eine Umarmung. Es lohnt sich immer.

In diesem Sinne – Die, die ihr wisst, dass ihr gemeint seid:

Ich entschuldige mich. Für alles was war. Für alles was ist. Und für alles was noch kommen wird. Ich liebe euch. Egal, wie bescheuert ich mich verhalte und welchen Mist ich erzähle. Ich werde trotzdem immer für euch da sein.

Versprochen.

2 Kommentare

Avatar
Anonym 27. Oktober 2021 - 15:30

Du sprichst mir aus der Seele ✌️

Antwort
Avatar
D. E. Orange 31. Oktober 2021 - 22:35

Danke 🙂

Antwort

Kommentieren