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Bacardisteaks

Autor: D. E. Orange 14. November 2021

Irgendwann wird all das. All das, was das Licht berührt dir gehören, Simba“

Alter…. Samma, bist du jetzt echt schon SO besoffen, Basti?“ antworte ich.

Ah, das ist so eine rhetorische Frage, näh? Dat erkenne ich doch so sofort!“

Natürlich ist es das.

Vor mir steht ein frisch 30 gewordener Mann mit halb herunterhängender Hose, einem auf links getragenen T-Shirt mit dem Logo einer Punkband aus den 90ern, einem Bier in der einen Hand und einer Kiste Bacadi in der anderen. Hinter ihm, den Hügel herab die Silhouette einer Stadt. In einer gerechten Welt wäre dies Los Angeles. Aber die Welt ist nicht gerecht – wir alle wissen wir das –  und so ist es Herne, was da vor uns liegt und im wolkenverhangenen Abendlicht flimmert.

Schön ist das nicht. Aber was soll man machen?

Auf den Tag 13 Jahre ist es jetzt her, dass Basti, Steffen und ich anlässlich Bastis Geburtstag eine Punkband gründeten. Heute grillen wir auf der Halde vor der Stadt, wenn es auch genau genommen nicht unsere Stadt ist. Die wilden Jahre sind offenbar vorbei, auch wenn Basti dies offensichtlich noch nicht verstanden haben will. Ursprünglich hatte er vor, sich zu seinem 30. Geburtstag einen Heißluftballon zu mieten, damit nach Afrika zu fliegen und mit Dartpfeilen auf Makaken zu werfen. Auf das erste Ohr klingt dies vielleicht schlicht und einfach einem herzlichen Ausdruck gar absurden Humors, aber Basti hatte es damit ernst gemeint und wir letztendlich fast ein halbes Jahr damit zugebracht, ihm die Sache mit dem Heißluftballon auszureden. Am Ende zog glücklicherweise mein Argument, dass Makaken gar nicht in Afrika, sondern in Südostasien beheimatet sind und dies sei ja nun wirklich ein total lästiger Umweg, da würden wir unter Garantie nicht zu Hause sein wenn um 21:00 Championsleague angepfiffen wird.

Stattdessen nun also Wildgrillen in Oktober. Wie tief wir doch gesunken sind…

Muss das eigentlich so qualmen?“ fragt Steffen durch eine massive Rauchwand hindurch, die man einem nur Bratpfannengroßen Billigeinweggrill von der Aral-Tankstelle am Fuße der Halde niemals hätte zutrauen wollen.

Wenn die Kohle feucht ist, dann ja.“ antworte ich lapidar.. Ich kann ja auch nichts dafür, dass es den ganzen Tag schon wie aus Eimern schüttet. Aber lieber ziehe ich hier auf Biegen und Brechen den zugegeben ziemlich dürftigen Plan mit dem Grillen durch, als Basti eine Gelegenheit zu einer seiner üblichen Schwachsinnsideen zu geben. Seit seinem 25.Geburtstag habe ich Hausverbot im Vatikan. Aber reden wir besser nicht darüber.

LASST UNS EINE BAND GRÜNDEN!!!“ schreit Basti

Nein. Nicht schon wieder. Aus dem Alter sind wir raus.“ antworte ich

Aso…. LASST UNS EINE JAZZ-KOMBO GRÜNDEN.“

Die Idee hat was. Wemn auch nichts gutes.“ sagt Steffen trocken und stochert mit einem Ast in den Steaks rum, die wir vorhin noch billig beim Lidl geholt hatten. Nicht, ohne uns deshalb ein wenig schäbig zu fühlen.

Wo bleibt eigentlich der Ballon? Wir brauchen frisches Affenfleisch!“

Wir haben uns doch darauf geeinigt, dass heute kein Ballon kommt. Und bei den 2,78€-Steaks aus der Schand-Discounttruhe bin ich mir ehrlicherweise gar nicht  so sicher, ob wir das Affenfleisch nicht bereits vor Ort haben.“

Ach, alles nur Ausreden!“ bemerkt Basti trotzig und zieht seine Tasche zu sich heran. Er greift hinein, zieht einen Safarihut hervor und setzt ihn auf. „Aufsitzen, Träger. Wir suchen den Ballonlandeplatz! Und dabei können wir über die Zukunft unserer Jazz-Kombo reden“

Basti, warum? Warum muss das auf deinen Geburtstagen IMMER eskalieren?“ frage ich verzweifelt.

Wieso eskalieren? Wann ist das JEMALS eskaliert?“ fragt Basti und der Trotz in seiner Stimme trieft auf den Grill. Die Rauchwolke wird automatisch dichter.

Basti.“ sage ich scharf. „Du. Du hast. Du hast auf den Stufen des Petersdoms die sozialistische Räterepublik ausgerufen. Mehrmals.“

Ja“. Der Trotz in Bastis Stimme wird zäh wie Teer. „Und wärt ihr beiden motivierter gewesen, hätte die Revolution auch geklappt. Das ist ja wohl mal FAKT!“ Er zurrt seinen Safarihut fester und verschränkt die Arme. Es hat etwas von einem Grundschüler dem man gerade gesagt hat, sein Karnevalskostüm sei hässlich wie Hulle, dafür gäbe es heute nichts aus der Kamellekanone.

Deren Armee besteht aus ein paar Buntkostümierten Ricolalutschern mit Waffen vom Mittelaltermarkt. Damit wären wir locker fertig geworden. Ist euch klar, dass wir jetzt in der Sixtinischen Kapelle sitzen und den zweiten Fünfjahresplan ausarbeiten könnten?“

Jaja. Der Mann und seine Pläne. Pläne kann er gut. Ich male mir einen Moment aus, wie Basti in Papstrobe von der Benediktionsloggia aus einer irritierten Menschenmasse das Kapital vorliest. Eine Vorstellung, die es vielleicht sogar wert gewesen wäre, von einer Bande quietschbunter Sackhosenträger christliche Keile zu beziehen.

Ein lautes „Scheiße“ reißt mich aus den Gedanken. „Ich glaub ich weiß, warum das so am qualmen ist.“ sagt Steffen. „Ich hab den Grill noch im Rucksack. Kann es sein, dass wir die Wiese angezündet haben?“

Ja. Da ist im Anbetracht der Tatsachen durchaus möglich. Ich hatte mich doch gleich gewundert, wie in dieses kleine Ding Vierzehn Kilo Holzkohle passen sollen. Das sieht hier jetzt schon ein wenig aus wie bei Laschets unterm Sofa. Irgendwie einfach nur unglücklich. Aber sehen wir es positiv, wenn wir jetzt eine Stadt abfackeln, dann ist es wenigstens nur Herne.

AUS DEM WEG! RETTUNGSKOMMANDO!“

Basti prescht heran, zieht wie eine sehr lächerliche und übermäßig betrunkene Parodie von Lucky Luke zwei Flaschen Bacardi aus der Hüftgegend und schüttet sie ins Feuer. Eine monströse Stichflamme erhellt den Abend. 85 Kilometer südöstlich in den Tiefen des  Sauerlands schaut ein alter Indianer anerkennend nickend in den Himmel.

Zwei Stunden später.

Bisschen schwarz, aber geht.“ stellt Steffen etwas unbeholfen kauend fest. Ich bin nicht ganz sicher ob er die umstehenden Bäume meint oder vielleicht doch die Steaks, die wir jetzt allein schon aus Trotz irgendwie doch noch hinunterwürgen. Ich finde, durch die eingebackene Bacardinote spürt man die mindere Qualität des Affen/Taube/Frettchenfleisch-Gemisch gar nicht mal so sehr. Das muss ich mir wohl dringend merken.

Die Grubenwehr der angrenzenden Zeche hatte den Brand erstaunlich schnell löschen können. Zum Glück glaubten uns die Jungs unsere Theorie einer spontanen Schlagwetterexplosion. Sonst wäre das Ganze für uns vermutlich ziemlich teuer geworden. Nun sitzen wir ungeschoren um die noch immer leicht dampfenden Reste unseres Holzkohlehaufens und ernten die Früchte unserer zweifelhaften Arbeit – Pechschwarze Bacardisteaks. Es ist, was wir uns verdient haben. Wir schweigen in peinlicher Verlegenheit

Da plötzlich ein lautes Zischen. Etwas Großes kommt heran. Durch den Rauch schälen sich Umrisse. Umrisse eines Heißluftballons.

Es geht los, Männer!“ ruft Basti, schleudert seine Tasche hervor, drückt Steffen und mir je einen Safarihut in die Hand und schüttet uns eine monströse Menge Dartpfeile vor die Füße.

Nächster Halt: Sumatra!“

Und in diesem Moment wird mir klar, dass ich unrecht hatte.

Die wilden Zeiten sind nicht vorbei. Noch lange nicht.

Und so lange wir es wollen, werden sie es auch nie.

 

 

(Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich als Bühnentext konzipiert und wird durch D.E.Orange unter bürgerlichem Namen als solcher verwendet. Sollte er Ihnen zufällig in diesem Zusammenhang über den Weg laufen, sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt)

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