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Norbert

Autor: D. E. Orange 19. Februar 2022

Dieser Text entstand im Februar 2022 anlässlich des 75. Todestages des Schriftstellers Hans Fallada (1893-1947) und enthält deswegen diverse Bezüge und Anspielungen auf dessen Werk. Wer sie findet, darf sie behalten.

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Gedankenverloren schaut Norbert in sein leeres Schnapsglas. Den Bruchteil eines Augenblickes später ist es erneut gefüllt. Und geleert. Und gefüllt. Und geleert. Und gefüllt. Runde um Runde, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche. Und immer so weiter.

Für die einen ein Teufelskreis, für Norbert ist es Schicksal. Ein einfaches Gedankenspiel. Der Trinker muss trinken, der Arbeiter muss Arbeiten, was der Schweinsteiger muss, will Norbert nicht wissen.

Wissen ist sowieso relativ. So war es schon damals bei uns daheim, so ist es heute bei uns zuhaus. Was hat Wissen je gebracht, wenn du ganz unten am Rande der Gesellschaft angesiedelt bist? Norbert war nie irgendwo anders. Ein Mann will hinauf, jaja. Aber zum Aufstieg aus dem Proletariat seiner Familie hätte es Bildung gebraucht. Aber woher nehmen? Vater, Mutter, Großeltern kannten die höhere Bildung doch auch nicht?!

Abitur, Universität – Alles Geschichten aus der Murkelei. Oder wie hieß dieses Land auf der anderen Seite der chinesischen Mauer noch mal? Norberts Realität war Grundschule, Hauptschule, ab und an mal Baumschule. Heimlich, nach der Schicht am Fließband der schmutzigen Fabrik, inmitten der engen, nicht minder schmutzigen Siedlung. In der Fabrik hatten sie Norbert gern genommen und dort blieb er nun auch. 6 Tage die Woche, gerne 10 Stunden am Tag. In Lebensjahren: Von 14 bis 44. Dann verkauften sie die Fabrik, weil im Ausland billiger produziert werden konnte. Es ging nicht anders. Das zumindest hatten sie Norbert gesagt und er hatte es mal so hingenommen. Was wusste er schon von Wirtschaft? Norbert war schon zufrieden, wenn er oberflächlich die Tageszeitung verstand. All diese Schlagzeilen von Bauern, Bonzen und Bomben. Und natürlich den Sportteil. Was brauchte es mehr?

Aber jetzt? Kleiner Mann, was nun?

Norbert bewarb sich hier und dort und hier und dort hagelte es Absagen. Vielleicht lag es am monotonen Lebenslauf, vielleicht an den holprigen Bewerbungsschreiben. Norbert hatte sich 30 Jahre auf Nichts beworben. Er hatte ja einen Job und damit war es gut. Wer einmal aus dem Blechnapf frisst, schielt doch nicht auf eine Tupperschale.

Rasch wich die Zuversicht der ersten arbeitslosen Wochen der Frustration. Wie konnte das sein? 30 Jahre Konstanz. 30 Jahre das Gefühl, irgendwo seinen Platz zu haben. 30 Jahre sind vorbei. Wo gehörte Norbert hin? Er verstand die Welt nicht mehr. In welcher Realität war er jetzt gelandet? Morgens, Abends, weite Welt, enge Welt, kleiner Mann, großer Mann, alles vertauscht.

Mit dem Frust kamen die Probleme und mit den Problemen kam der Alkohol. Aus den Feierabendbier wurde der Frühstückskorn. Norbert kapselte sich ab. Blieb den ganzen Tag daheim, traf niemanden mehr. Weder Kollegen, noch Freunde, noch die Kumpels von früher. Wofür? Damit alle sehen, was für ein Versager aus ihm geworden war? Nein. Dann lieber niemanden sehen und nicht mehr an der Gesellschaft teilnehmen. Die Gesellschaft, die überhaupt nicht ahnte, wie schnell es auch bei ihr vorbei sein könnte mit optimistischen Blicken auf die Zukunft, mit geselligen Abenden in großer Runde bei unbeschwertem Tanz und Fallari und Fallada bis in die frühen Morgenstunden. Das konnte Norbert auch allein mit sich und seinen Flaschen. Außer ihnen und seiner wurmstichigen Abstellkammer von Wohnung konnte er sich eh nichts mehr leisten.

Er war hier allein mit sich. Ein Wolf unter Wölfen. Irgendwann meldeten sich auch seine ältesten Freunde – Anton und Gerda –  nicht mehr bei ihm. Nicht mal mehr der eiserne Gustav, der die ersten Monate lang Norbert noch regelmäßig Gesellschaft beim Trinken geleistet hatte, hielt es mehr aus und so auch nicht mehr den Kontakt.

Norberts Ehe war zu diesem Zeitpunkt bereits lange beendet. Norberts Frau und das Herz, das ihm gehörte entschwand auf Nimmerwiedersehen. Die Tochter nahm sie mit. Als Gegenreaktion verstärkte Norbert seine Isolation sogar noch. Trank noch mehr um zu vergessen, jemals ein Kind gehabt zu haben. Er gefiel sich nun immer mehr in seiner Rolle als der ungeliebte Mann.

Das alles ist nun auch schon über 15 Jahre her. Vielleicht sind es auch 20. So genau nimmt Norbert es nicht mehr. Dafür war er auch in Mathematik nie gut genug. Was waren schon Zahlen? Das Kind war inzwischen längst erwachsen und lebte irgendwo. Das genügte Norbert zu wissen. An mehr dachte er nicht. Außer an die nächste Flasche, wie es die letzten 15, 20, keine Ahnung wie viele Jahre gewesen ist.

Nur in seltenen, lichten Momenten denkt Norbert zurück. Denkt zurück an die Chancen, die mit Mitte 40 schon nicht mehr die Seinen waren, wäre sein Schicksal in Form dieser verfluchten Fabrik nicht dichtgemacht worden.

Nur in diesen seltenen, lichten Momenten glimmt noch einmal kurz ein Licht in Norbert, will sein altes Herz auf Reisen gehen. Doch diese Momente vergehen schnell. Zu schnell. Ziemlich genau so schnell, wie es braucht, ein Schnapsglas zu leeren, wenn man seit Jahrzehnten nichts anderes getan hat.

Jeder stirbt für sich allein“ denkt Norbert und prostet sich selbst zu.

Gedankenverloren schaut Norbert in sein leeres Schnapsglas. Den Bruchteil eines Augenblickes später ist es erneut gefüllt. Und geleert. Und gefüllt. Und geleert. Und gefüllt. Runde um Runde, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche. Und immer so weiter.

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