Hauptseite Blödsinn Impressionen aus einer Dachgeschosswohnung während einer Hitzewelle im Hochsommer – Oder einfach nur: Mir ist warm!

Impressionen aus einer Dachgeschosswohnung während einer Hitzewelle im Hochsommer – Oder einfach nur: Mir ist warm!

Autor: D. E. Orange 21. August 2022

Sommer. Meine fünftliebste Jahreszeit. Knapp vor Karneval, aber noch hinter der Elchbrunft.

Gut, eigentlich ist der Sommer ja ganz schön. Es ist lange hell und man könnte die Tage problemlos bis spät in den Abend in der freien Natur oder den Biergärten der Republik verbringen, ohne ab 17 Uhr wie ein nachtblinder Molch durch den Wald oder gegen das nächste Verkehrsschild zu eumeln.

Man könnte.

Ich kann nicht.

Mir ist warm.

Verdammt warm.

Das macht mich doch ein wenig aggressiv.

Ich meine, zwei Wochen am Stück 35 Grad? Wer hat sich denn DIESES Konzept ausgedacht????? Der gehört auf den Scheiterhaufen!!!!!

Obwohl… Nee. Da steht die kranke Sau doch garantiert drauf.

Es ist 10:30 Uhr. 32 Grad laut Zimmerthermometer. Ich gehe meiner sommerlichen Lieblingsaktivität nach – nackige Nachtwanderung bei runtergezogenen Rolladen. Doch was ist meine Alternative? Ich wohne unter dem Dach – mit Tageslicht ist hier alles verloren in den Monaten, die auf „i“ oder römische Kaisernamen enden.

Ich bin hilflos im Sommer. Ich bin ein dicker Mann, der seit 15 Jahren ausschließlich schwarze Kleidung besitzt. In den anderen drei Jahreszeiten ist ja tutti bei mir in der Wohnung – Aber jetzt? Wo soll ich denn jetzt hin? In den Kühlschrank? Geht nicht, da sitzt Basti schon drin, weil der Penner auf den ersten Metern einfach schneller ist als ich und die Füße besser ins Gemüsefach gepresst bekommt. Das ist ja eh leer. Es ist schließlich ein Männerhaushalt hier.

Der Rest des Kühlschranks ist ebenfalls leer. Wir haben uns  seit 12 Tagen nicht zum Einkaufen vor die Tür gewagt. Ich ernähre mich seit einer Woche von zu langsamen Tauben, die auf der Fensterbank verglüht sind. Ich muss sie nur mit dem Staubsauger ins Innere unserer Dunkelkammer ziehen, dann sind sie bereits verzehrfertig. Ein bisschen Maggi ins Federkleid geschüttet und ab dafür. Der Sommer weckt die niedersten Instinkte des Menschen. Aber was soll ich machen? Mir ist warm.

13:00 Uhr; Die Langeweile ist fast drückender als die Luft hier drin. Ich brauche Beschäftigung. Radio ein;

Wir brauchten früher keine große Reise“

HALT DIE FRESSE RUDI!

Ich trete das Radio an die Wand. Es bleibt an der aufgeweichten Tapete kleben. Es ist faszinierend. Und warm. Mir ist warm.

14 Uhr. Ich irre durch die dampfende Trümmerlandschaft, die einst mein Wohnzimmer war. Ich wusste ja, dass Eis bei Hitze schmilzt… Aber der Schreibtisch? Die hatten früher mehr Qualität. Damals sind sie nicht geschmolzen. Damals, als es die Dinger noch gar nicht gab.

Moment.

Was issen das jetzt für ne krude Logik? Schlägt mir die Scheiße schon so aufs Kleinhirn? Ich laufe am Wandspiegel vorbei. Mustere die Gestalt der rechts und links Kühlakkus aus der Mütze gucken und Taubenfedern im Mundwinkel hängen. Nee, schaut noch alles normal aus. Ich ziehe ein Schweißspur hinter mir her. Der Jagdhund drei Häuser weiter schlägt an. Mir ist warm.

14:45. Ich muss aufs Klo. Aber das geht ja nicht, weil seit gestern Abend diese beiden Beduinen im Flur sitzen und den Weg ins Bad blockieren, weil sie auf dem Weg zur Oase Ben Zerzura irgendwo bei Gütersloh falsch abgebogen sind und hier Rast machen müssen, weil das bei den Temperaturen ja nun wirklich nicht feierlich ist da draußen.

15:00 – Führe einen Veitstanz auf um Einlass in mein Badezimmer zu bekommen. Die Beduinen sprechen nur gebrochenes Englisch, erklären mir aber mit Händen und Füßen, dies ginge nicht, ihre Kamele tanken gerade an der Badewanne auf, ich solle es in zwei oder drei oder sechs Stunden noch einmal versuchen. Ich drehe wortlos um, gehe ins Wohnzimmer und pinkle in die Blumenvase. Es kommt nur Dampf. Mir ist warm.

15:15 – Stelle verwundert fest, der PVC-Boden wirft Blasen. Was mache ich denn jetzt? Wenn ich da mit dem Bürostuhl drüberschubbere, komme ich ja komplett aus der Spur?! Das geht so nicht. Ich versuche den Boden glatt zu ziehen, indem ich das Metallregal mit der Plattensammlung über die Blasen schiebe. Es schmurgelt kurz. Dann setzt der Schmerz ein. Die Blasen verlagern sich zwar, allerdings nur auf meine Handflächen. Der Boden sieht allerdings gut aus. Das verbuche ich als Teilerfolg.

Ich renne kreischend in die Küche und halte die Hände in den Kühlschrank. Basti schreit angeekelt auf und versucht von innen die Tür zu zu ziehen Vom Lärm aufgescheucht stürzen die Beduinen in die Küche. Sie schauen zweimal hin und erklären mir dann, es sei ja total creepy, einen Typen im Kühlschrank sitzen zu haben. Wie solle das denn gehen, das entbehre ja jeder Logik.

Im Flur brennt derweil ein Lagerfeuer, da wo einst mein Schuhschrank stand. Die Beduinen beteuern, der Schrank habe ganz von allein zu brennen angefangen, sie haben ihn nicht berührt – Aber man könne jetzt ja wunderbar einen Tee kochen, wo die Flamme doch schonmal an ist. Heißer Tee sei im Sommer ja sowieso viel gesünder als kalter Tee. Und wir bekommen ihn ja eh nicht gekühlt, weil im Kühlschrank ja dieser creepige Typ rumsitzt. Und überhaupt, warum sitzt denn bitte dieser Typ im Kühlschrank rum??? Wer hat denn je so etwas seltsames gesehen?

Aus dem Badezimmer blökt es. Mir ist warm.

16:30 – Sitze mit den Beduinen beim Tee, aber kann die Tasse kaum halten, da meine Hände mit drei Rollen Zewa umwickelt sind. Ich lausche lustlos ihren Geschichten über Reisen, Abenteuer und das aufregende Leben in der mystischen Wüstenregion, die früher mal als Lüneburger Heide kannte. Ich könnte ihnen als Gegenleistung einen belehrenden Exkurs über die Folgen der Erderwärmung geben. Mach ich aber nicht. Mir ist warm.

Inzwischen ist es knapp 19 Uhr. Mit etwas Glück fällt das Thermometer in den nächsten 4 Stunden auf 31 Grad. Das angenehme Blubbern des Asphalts dringt von der Straße zu uns herein. Ich werde müde, schnappe mir eine Rolle Backpapier, breite sie im Wohnzimmer aus und lege mich zum Sterben nieder. Während ich die Augen schließe, höre ich Hufgetrappel. Das Badezimmer wird frei.

Irgendwann“ sage ich zu mir selbst. „Irgendwann ist wieder Novemver

Irgendwann ist dieser Wahnsinn endlich wieder vorbei.

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