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Alter, Verwalter!

Autor: D. E. Orange 1. April 2018

Deutschland im Jahr 2018 – Die Bundesrepublik in scheinbarem Stillstand. Die Große Koalition kommt. Zumindest Stand Heute, nachdem eine flüssige Regierungsarbeit über Monate ein Ding der Unmöglichkeit war. Die Straßen voll von gramgebeugten, leidenden Menschen, denen es am Nötigsten fehlt…. An Nahrung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum…. Oh halt, Moment. Auf den Straßen ist eigentlich alles ganz in Ordnung. Von Chaos und Anarchie ist Deutschland in diesen Tagen eigentlich weit entfernt. Und trotzdem herrscht in den Köpfen Untergangsstimmung.

Warum eigentlich?

Angela Merkel ist nun im 13. Jahr ihrer Herrschaft. Länger als die ewige Matrone aus der Uckermark saßen nur Konrad Adenauer (14 Jahre) und Helmut Kohl (16 Jahre) auf einem bequemen, modischen Sessel im Herzen des Kanzleramts. Beide waren dafür bekannt, sich höchstselbst am angesprochenen Sessel mit einer großen Tube Pattex festgeheftet zu haben, bis sie irgendwann dann doch heruntergerissen wurden. Ähnlich sieht es mit Angela Merkel aus. Alter Klebstoff wird mit den Jahren brüchig und irgendwann braucht es nur jemanden, der einmal kräftig zieht – Und Plopp, ist der Altkanzler aus dem Sessel geflutscht. Im Falle der Pfälzer Birne war es Gerhard Schröder, bei Adenauer musste gar die eigene Partei den damals fast 90-jährigen Kanzler in die Rente zwingen. Bei Merkel hingegen sieht es anders aus: Es ist niemand da, der überhaupt in der Lage ist, irgendwas von irgendwoher zu ziehen.

Der politische Stillstand Deutschlands dieser Tage ist ein Stillstand zu allen Seiten. Ideen? Richtungswechsel? Innovation? Pfffffffffffffffffffff…..

Und wieder die Frage: Warum eigentlich?

Und wieder die Antwort: Angela Merkel ist nun im 13. Jahr ihrer Herrschaft. Nur Adenauer und Kohl konnten das überbieten. Aber was würde denn am Ende der Ära Angela Merkel von ebenjener zurückbleiben? Eine Raute vor einem Hosenanzug und der Satz „Wir schaffen das!“? Was auch immer wir schaffen. Und warum wir es schaffen und wie wir es schaffen. Bis wir völlig geschafft sind. Geredet wurde viel, aber selten mit Substanz. Und am Ende, trotz aller frei aus der Luft gegriffenen Bekundungen im Prinzip sehr wenig geschafft. Außer jeder Menge Müdigkeit im Volke.

Konrad Adenauer und Ludwig Erhardt brachten ein zerbombtes Deutschland wirtschaftlich auf die Füße. Adenauer holte die Kriegsgefangenden heim und beendete die Erbfeindschaft mit Frankreich. Viel mehr noch, er baute eine Freundschaft zwischen den beiden Nachbarländern auf, die heute noch hält. Willy Brandt schaffte die Aussöhnung mit dem Rest der Welt, Helmut Kohl nutzte die Chance zur Einheit eines geteilten Landes und erschuf federführend ein geeintes, kooperatives Europa. Helmut Schmidt zeigte Stärke in einer Zeit, in der der Terror in Deutschland wesentlich bedrohlicher war, als es heute der Fall ist. Und Gerhard Schröder gelang es, dem deutschen Sozialsystem innerhalb einer Grün-Sozialdemokratischen Regierung alle sozialen und grünen Ideen auszutreiben. Auch das muss man mal als phänomenale Leistung anerkennen. Aber Angela Merkel? Pfffffffffff…..

Aber was sollte sie denn machen? Deutschland in der Ära Merkel ist ein gesunder, in aller Welt geachteter Machtblock inmitten eines befreundeten Europas. Welche Visionen soll man da denn noch haben, wenn alle Vorgänger konsequent Stück für Stück alles, was nach den fürchterlichen Tagen des Krieges in die Brüche ging, wieder hergerichtet haben? Für die heutige Generation der Politik in der Deutschland bleibt nur eines: Das Verwalten des vergleichsweise paradiesischen Zustandes. Der Europäische Politiker von heute muss keinen kalten Krieg führen oder die Folgen eines heißen Krieges beseitigen. Er muss nur verwalten, was die Helden von einst geschaffen haben. Sich selber profilieren ist in dieser Situation nahezu unmöglich. Dies ist das tarurige, weil alles andere als grausame Schicksal der Angela Merkel – Und verbunden mit der Tatsache, dass sich alle politischen Rivalen der Kanzlerin sich in ihrem ganzen politischen Treiben einer Monty-Pythonidesker Dämlichkeit hingeben, konnte Frau Merkel so ihre Ära der langweiligen Ergebnisverwaltung entfalten. Quasi der FC Bayern der Bundespolitik. Öde, aber alternativlos.

Natürlich, man hätte jetzt sagen können, dass Angela Merkel, wo es doch weltpolitisch verhältnismäßig ruhig ist, sofern man das Glück hat, Mitteleuropäer zu sein und bewaffnete Konflikte nur aus Sicht des Waffenhändlers zu kennen, sich doch um andere Fronten hätte kümmern können. Soziale Ungerechtigkeit zum Beispiel. Den Lehrermangel zum Beispiel. Das veralterte Bildungssystem. Die teuflische Unterbezahlung von Pflegekräften bei gleichzeitig viel zu hohem Arbeitspensum. All das hätte man lösen können. Aber warum sollte die CDU plötzlich sozial werden, wenn selbst die SPD da seit der Ära Schröder keine Lust mehr drauf hat? Lieber nichts tun, als dem politischen Gegner die Hauptthemen wegzunehmen. Das ist gelebte Demokratie im 21. Jahrhundert. Und wenn der politische Gegner daraus keinen Nutzen zieht, ist ihm auch nicht mehr zu helfen.

Die Helden der Vergangenheit sind tot. Was bleibt, sind die Verwalter ihres Erbes. Neue Helden sind nicht in Sicht. Das mag sich frustrierend anhören, aber auf der anderen Seite ist es ein Segen. Warum? Ganz einfach: Weil in diesem Jahrhundert bislang keine gebraucht wurden. Deutschland muss nicht gerettet und sein Ruf in der Welt auch nicht aufpoliert werden. Im Vergleich zur Vergangenheit sind die Probleme von heute ein Fliegenschiss. Wenn es auch Fliegenschisse sind, die zu Elefantenhaufen gemacht werden. Hauptsächlich von Leuten, die offensichtlich noch nie in einem Zoo waren und den Unterschied daher nicht mal kennen wollen. Und so erklärt sie sich, diese dröge Unzufriedenheit und die Sehnsucht nach neuen Helden. Nach einem Adenauer, einem Schmidt oder einem Brandt. Angesichts von Merkel, Schulz und Nahles ist das kein Wunder. Und doch ist das immer noch besser, als neue Helden brauchen zu müssen.

Neue Helden wird es erst wieder geben, wenn die nächste Katastrophe Deutschland überrollt hat. Da trifft es sich gut, dass es Parteien wie die AfD und mittlerweile auch die sich fröhlich ins blaue Fahrwasser hängende CSU gibt, die genau daran arbeiten, dass sich alles wiederholt. Erst wenn es so weit ist, werden die Zeiten der Verwalter vorbei sein und die Möglichkeit für neue Vorbilder geschaffen sein. Und dazwischen wird der Moment liegen, in dem uns allen klar wird, was für ein wundervoller Zustand frustrierender Stillstand doch sein kann. Hoffentlich nicht.

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