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Hinter dem Pult: Der Overheadprojektor

Autor: Ewok 1. April 2018

Bekanntes Bild in Klassenzimmern – CC BY-SA 3.0 mailer_diablo

Während die Digitalisierung an Schulen Einzug halten, Beamer aufgestellt werden und die Bildungsinstitutionen doch mal an dieses neumodische Internet so angeschlossen werden sollen, ist schon den Eltern der jetzt die Schule besuchenden Kinder eine technische Errungenschaft bekannt gewesen: Der Overheadprojektor. Ein Monstrum, das an einen steinzeitlichen Beamer noch vor der Erfindung von Bits und Bytes den Lehrkräften nützlich war und wie ein Fossil in heutigen Klassenzimmer wirkt.

1960 auf den Markt gekommen hielt der kapitalistische Tageslichtprojektor, die sozialistische Alternative Polylux oder die überhaupt nicht abzuleitende schweizerische Fassung Prokischreiber Einzug in den schulischen Alltag. Lehrkräfte haben es noch heute schwer, trotz nun fast sechzig Jahren Eingewöhnungszeit den Overheadprojektor ohne Probleme zu bedienen. Zu versteckt scheint der Ein-Aus-Schalter, sodass erst einmal fünf Minuten des Unterrichts für dessen Suche draufgehen. Erst danach wird festgestellt, dass der Stecker ja eigentlich gar nicht steckt – schnell wird dies nachgeholt…ah Mist, das Kabel ist zu kurz. Der Tageslichtprojektor wird verschoben. Jetzt passt das Kabel, aber das Bild, das an die Wand geworfen werden sollte, ist nun verzerrt. Weitere fünf Minuten sind bereits verstrichen. Es wird an dem Rad für die Schärfe gestellt, dass zumindest der obere Teil der Folie gelesen werden kann, welche die Lehrkraft vorbereitet hat. Doch die Schrift ist durch Finger verwischt worden, es müsste alles noch einmal geschrieben werden. Nach fünfzehn Minuten wird also aufgegeben und alles, was auf der Folie stand, wird nun einfach an die Tafel geschrieben. Alle anderen schreiben ab. Sehr effektiv und kostet nur insgesamt 30 Minuten. Die Stunde ist vorbei, alle haben etwas gelernt: Die Klasse muss noch schreiben, die Lehrkraft sollte nie wieder einen Overheadprojektor benutzen und alles, was Strom verbraucht, ist für Schule schlichtweg zu modern.

Eine Alternative wäre, dass die Jugendlichen den Overheadprojektor selber benutzen. Aufgrund ihres jüngeren Alters haben sie es in ihren Genen, mit modernen technischen Geräten umzugehen – auch, wenn diese älter sind als ihre Eltern. In Gruppenarbeiten friemeln die hoffentlich Lernenden heraus, was denn nun die Quintessenz des Arbeitsblattes ist, das die Lehrkraft nachts um drei Uhr zusammengeklebt hat. Auf Folien dürfen die Jugendlichen dann aber auch bitte nur mit wasserlöslichen Stiften malen und schreiben. Wehe dem, der sich nicht daran hält! Folien sind einfach verdammt teuer, denn außer Schulen gibt es keine anderen Abnehmer mehr – und dort sind sie immer noch essentiell und damit beinahe unerschwinglich. Die Jugendlichen gehen dann nach vorne, schmeißen die Gerätschaft in dreißig Sekunden an und referieren darüber, warum es gut ist, Griechenland zu versenken. Die Meinung müssen sie ja selbst nicht vertreten, es geht um Perspektivwechsel! Die Folie wird anschließend bei der Lehrkraft belassen, damit die das für alle kopieren kann, wodurch sich das An-die-Wand-werfen richtig gelohnt hat.

Klassenzimmer der Zukunft. Hier wird nicht geflogen, sondern gebeamt. – CC BY-SA 3.0 Murray 1010

Neumodische Schulen, die gedanklich schon im 22. Jahrhundert sind, haben sogenannte Dokumentenkameras in zumindest einem ihrer fünfzig Klassenräume. Die Dokumentenkameras werden mit einem Beamer verbunden und funktionieren dadurch wie ein Overheadprojektor – sind allerdings nicht mehr auf Folien angewiesen. Dadurch wird es erheblich einfacher, Beiträge der Klasse angemessen zu würdigen, indem beispielsweise einer Schülerin ihr Arbeitsheft weggenommen und unter die Dokumentenkamera geknallt wird. Alternativ können auch durch die hinteren Reihen geschickte Liebeszettel veröffentlicht werden, wenn das “Lies mir die Nachricht doch laut vor, sie könnte vielleicht für den Unterricht von Bedeutung sein” nicht zieht. Die Lehrkraft kann den Zettel ja später immer noch wie eine Folie behandeln, für alle kopieren und der Klasse aushändigen.

Alternativ sollte sich die Lehrkraft mal ein Beispiel an die moderne Jugend à la Game Grumps und PewDiePie nehmen und den eigenen Unterricht durchspielen. Mittlerweile weiß eigentlich jeder Grundschüler, wie man mit OBS seinen eigenen Bildschirm streamt. Noch eine eigene Kamera aufgebaut, damit man auch in einem kleinen Kasten unten rechts in der Ecke sehen kann, wie die Lehrkraft vor der Tafel herumhampelt und schon können die Kinder alle zu Hause bleiben und im Bett lernen. Das, liebe Leute, wäre die Zukunft.

Bevor es allerdings auch nur annähernd dazu kommt, müssen erst einmal die Overheadprojektoren aussterben. Das geschieht jedoch erst in schätzungsweise sechzig Jahren. Und zahlreiche Finger haben sich bis dahin unabsichtlich an den Kanten der Folie geschnitten oder sind bunt, weil Fehler mit Spucke und Fingern wieder entfernt wurden.

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