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Wieso, weshalb, warum… Konzerte in meiner Heimatstadt einfach nichts werden

Autor: D. E. Orange 1. April 2018

Als leidenschaftlicher Konzertgänger, der auf durchschnittlich 30-40 besuchte Gigs pro Jahr kommt, kommt man ganz gut herum in der Region. Im Laufe der Jahre lernt man die Hallen, Clubs und manchmal auch Kaschemmen im Umkreis von 100 Kilometern auf diese Art und Weise peu a peu kennen. Ein Umstand, der eigentlich ganz schön ist. Für mich persönlich ist aber mit der Zeit besonders eine Erkenntnis gekommen, die sich mir penetrant ins Gehirn gebrannt hat: Wo viele Städte einfach ein Händchen für gute Konzertlocations zu haben scheinen, versagt mein eigenes Heimatörtchen mit nahezu erstaunlicher Bravour. Zähle ich die Auftritte, die ich im Laufe des letzten Jahrzehnts auf heimischen Grund und Boden gesehen habe, so reicht mir eine Hand. Und ich weiß auch ziemlich genau, weswegen.

Man könnte meinen, irgendwo hier würde sich ein Ort für Konzerte verstecken – Pustekuchen.

Ich komme nicht vom Dorf. Meine Heimatstadt kommt auf immerhin knapp 85.000 Einwohner, hat aber das Unglück, zu allen vier Seiten von größeren Städten umringt zu sein. Oder zumindest von solchen, die erfolgreich vorgeben, größer zu sein. Das Highlight unseres Nachtlebens ist der gute ÖNV in die Nachbarorte und  sämtliche Versuche, eigene Anlaufpunkte für die Jugendszene aufzubauen, sind bereits zu Zeiten gescheitert, in denen meine Großeltern noch das Zielpublikum waren und wurden endgültig in der Generation meiner Eltern aufgeben. Die größte musikalische Stunde der Stadt war ein Auftritt von Black Sabbath im Jahre 1970 und davon zehrt man noch heute – und wer glaubt, die Stadt hätte den Auftritt der Urväter des Heavy Metal nicht ebenfalls gründlich vermasselt, der irrt: Black Sabbath spielten in einer Sporthalle, deren Innenraum nicht nur komplett bestuhlt wurde (wer schon mal auf einem Rockkonzert war, weiß, wie hirnrissig das ist), sondern durften dies aus Sicherheitsgründen auch nur bei eingeschaltetem Licht tun (hierfür muss man nicht einmal auf einem Rockkonzert gewesen sein). Sollte Ozzy Osbourne damals noch nicht das traumatisierte, drogenabhängige Wrack späterer Tage gewesen sein, so werden sich die Gründe dafür vermutlich auf diesen fürchterlichen Abend zurückführen lassen, in dessen Anschluss sich nie wieder eine Band größeren Namens innerhalb dieser Stadtgrenzen aufzutreten traute. Man kann es ihnen nicht verdenken. Geändert am Veranstaltungsgeschick hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nämlich nichts.

Letztes Wochenende war es wieder so weit. Ein überregional minderbekannter, aber qualitativ durchaus hörenswerter Singer/Songwriter aus der Stadt wollte zum ersten Mal seit 3 Jahren ein Heimspiel absolvieren. Als Örtlichkeit wurde ein Jugendzentrum im Süden der Stadt gewählt. Eine mindestens interessante Auswahl…

Es ist nicht so, dass es eine Auswahl gäbe. Vor ein paar Jahren wurde ein weiteres Jugendheim im Norden der Stadt für Rockkonzerte kleineren Ausmaßes (alles über 300 Zuschauern ist ein Ding der Unmöglichkeit) umgebaut und ist trotz fehlender Parkplätze und einer Deckenhöhe von 2,50m  auch durchaus ganz passabel. Aber leider ist diese Location privatfinanziert durch einen schwer unterfinanzierten Verein, sodass dort vielleicht 3-4x im Jahr etwas auf die Beine gestellt werden kann. Den Rest des Jahres lagern die Zeugen Jehovas dort die unverkauften Wachtürme (glaube ich zumindest).

Als ich las, dass die Veranstaltung im südlich liegenden Jugendzentrum stattfindet, hätte ich schon skeptisch sein müssen. Ich kenne die Örtlichkeit recht gut. Der angrenzende Spielplatz war in meiner Kindheit quasi mein zweites Zuhause und auch im Jugendzentrum selber war ich für die eine oder andere Partie Billard zugegen. Wobei es wohl nicht wesentlich mehr als eine oder eine andere Partie gewesen sein wird. Es gibt Dinge, in denen ich so abgrundtief schlecht bin, dass ich krampfhaft versuche, sie irgendwie zu vermeiden. Billard ist eine davon. Sei es, wie es sei: Konzerte an diesem Ort sind meiner Erinnerung nach nur unzureichend durchführbar. Hurra, ich hatte recht.

Als ich kurz nach Einlassbeginn am Ort des zu diesem Zeitpunkt noch mutmaßlichen Verbrechens eintreffe, liegen bereits erste Anzeichen der Fehlplanung in der Luft. Der Vordereingang zur Straße hin ist verschlossen und wird es ohne irgendeinen Grund auch bleiben. Potentielle Zuschauer müssen durch einen schmalen, unbeleuchteten Gang zwischen Hauswand und einer dichten Hecke, um den Hintereingang zu benutzen. Zumindest die, die diesen Hintereingang kennen, denn ausgeschildert ist er nicht. Unwissende bleiben im Unwissen, denn einen Bildungsauftrag scheint der Organisator nicht zu haben, er lässt sich lieber Publikum entgehen.  Im begrünten Hinterhof prasselt ein wärmendes Lagerfeuer, direkt angeschlossen ein Grill, an dem Bratwürste für 1,50€ angeboten werden. Wenigstens hieran ist gedacht, auch wenn es das einzige bleiben sollte, über das offensichtlich vernünftig nachgedacht wurde.

Billard während des Konzerts? Kann man machen, muss aber nicht sein.

Im Inneren des Jugendzentrums angekommen, wird bald offensichtlich, dass das Konzert tatsächlich im alten, aus unerfindlichen Gründen penetrant nach Zwiebelsuppe riechenden Billardzimmer stattfinden soll. Der Raum ist ungefähr so groß wie das Wohn-/Esszimmer meiner Großeltern, wenn man dort die Trennwand entfernt. Ein Viertel des Raumes nimmt der Billardtisch ein, der natürlich zu diesem Anlass nicht in einen anderen Raum gestellt wurde. Aber warum auch?

Als sich das Räumchen langsam gefüllt hat (was den Gegebenheiten entsprechend nicht lange dauert) wird es bald Zeit für die erste Band des Abends. Und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Coverbands sind eine sehr eigene Gattung. Perfekt für Stadtfeste und jede Veranstaltung, die auf Laufkundschaft ausgelegt ist. Also auf ein bunt gemischte Publikum, das zufällig vorbeikommt und vielleicht stehen bleibt, wenn es Lieder hört, die es aus dem Radio kennt. Für musikalische Veranstaltungen, bei denen sich ein homogeneres Publikum zusammenfindet, sind sie aber ein Risiko. Hier müssen Coverbands aufpassen, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes den richtigen Ton treffen, um beim Publikum nicht den Eindruck vollkommener Lächerlichkeit zu hinterlassen. Die drei Herren mittleren Alters, die sich hier jedoch auf der behelfsmäßigen Bühne eingefunden haben, um Rockklassiker der 70er, 80er und 90er Jahre zum Besten zu geben, würden – es wird bereits beim zweiten Song klar – diesbezüglich kein Scheunentor aus einem Meter Entfernung treffen. In bester Laune krakeelen sie sich durch Songs der Ramones, ZZ Top und den Undertones, offensichtlich beseelt vom Gedanken, sie hätten diese Klassiker allesamt selber geschrieben. Ein Wunsch, dessen Vater weder der Gedanke ist, noch sein möchte.  Man ist sich auf der Bühne nicht einmal einig bezüglich der Setliste, zumindest passen Ansagen und Songs oft nicht zusammen. Natürlich kann es sein, dass Creed mal Texasblues gemacht haben und ZZ Top eine britische Band sind, es ist aber eher unwahrscheinlich. Den Herren auf der Bühne ist es egal. Sie ziehen es einfach weiter durch.

So folgt nun Song auf Song und dazwischen vermasselte Ansage auf vermasselte Ansage, kombiniert mit einer inflationären Nennung des Bandnamens, von dem die drei Musiker offensichtlich fast so sehr begeistert sind wie von sich selbst – Kein Wunder, stellt der Bandname schließlich die einzige künstlerische Eigenleistung der Gruppe dar. Ich verzichte darauf, den Namen an dieser Stelle zu nennen. 10 Jahre als Autor eines Wikis haben mich gelehrt, dass es nicht schicklich ist, sich namentlich über vollkommen irrelevante Kleinstadtcoverbands auszulassen, also brauche ich jetzt auch nicht mehr damit anfangen.

Das Publikum lässt die Darbietung mit Gleichmut über sich ergehen. Lediglich eine Dame um die 60 in wallenden Gewändern, mit denen sie auf jeder Esoterikmesse Anziehungspunkt Nummer Eins darstellen würde, hat sich offenbar selbst in Trance geschunkelt und lässt mit geschlossenen Augen die Arme um sich kreisen wie eine Windmühle im Winterbetrieb. Ein paar Zuschauer beginnen mit Billard, andere gehen runter zum Lagerfeuer. Die Band hingegen findet kein Ende und bemerkt nicht, dass sie im Begriff ist, die Planungen des Abends, sollte es sie tatsächlich geben, nachhaltig zu stören. Als sie nach eineinhalb Stunden (Normal für eine Vorband sind 30 – 45 Minuten) sich selbst applaudierend von der Bühne gehen, hat die Hälfte des Publikums bereits das Gelände verlassen.

Es ist 21:20, als nach einer 25-minütigen Umbaupause (unter anderem wird das Schlagzeug abgebaut und mitgenommen) der Hauptact die Bühne betreten darf. Der Veranstalter hat mit den Nachbarn (Das Jugendzentrum liegt inmitten einer Siedlung von Doppelhäusern, die hauptsächlich von Rentnern bewohnt sind) ausgemacht, dass die Veranstaltung um 22:30 beendet ist. Wer rechnen kann, dem wird nun aufgehen, dass der Hauptmusiker – in der Folge “S.” genannt – somit nun ein kürzeres Set spielen muss als die Vorband. Dem Publikum wird es klar und die Aufmerksamkeitsspanne, die während des Auftritts der Vorband bereits rapide gesunken war, taumelt nun endgültig dem Keller entgegen.

Auch S. gibt sich nicht die allergrößte Mühe zu verstecken, dass er ohnehin angetreten ist, um komplett zu improvisieren. Das ist nicht ungewöhlich für ihn. S. hat sich einen Namen gemacht, weil er seine Song unter allen Umständen und in jeder Instrumentalbesetzung spielen kann. Im Gegenteil, er hat sogar seinen Spaß dabei, die Songs immer wieder in anderem musikalischen Gewande zu präsentieren. Die heutige Besetzung besteht aus einer Akustikgitarre, einem Keyboard und einem E-Bass. Ein Schlagzeuger wäre vorgesehen gewesen, aber die Vorband hatte ja soeben das Schlagzeug einfach mitgenommen. Bevor der erste Ton erschallt, gibt S. dann allerdings zu verstehen, dass er mit keinem seiner heutigen beiden Begleitmusiker jemals zuvor gespielt oder gar geprobt hätte. Auch das ist nicht ungewöhnlich für ihn. So hoch seine musikalischen Fähigkeiten , so schlecht ist sein Organisationstalent. Vermutlich ist es auch genau das, was zwischen ihm und dem Durchbruch steht.

Vielleicht die beste Alternative des Abends: Die eigene Gitarre daheim…

Es folgt ein den Umständen entsprechend guter Auftritt, der allerdings zumindest in der ersten Hälfte arg an technischen Problemen leidet. Der E-Bass hämmert und sendet immer wieder störende Rückkopplungen aus. Das Mischpult ist unbesetzt, diese Kleinigkeit wurde von Seiten des Veranstalters vergessen, was dazu führt, dass der Keyboarder zwischen den Liedern wieder und wieder zum Mischpult eilt, um nach der richtigen Einstellung zu suchen. S. plaudert unterdessen mit dem Bassisten – übrigens der Bruder des Sängers der Vorband – dessen Namen er sich ums Verrecken nicht merken kann und der daher im Laufe einer Stunde sechs verschiedene Vornamen erhält, wobei er drei davon selber in die Runde wirft. Das Publikum hat längst aufgegeben. Am Ende des Konzerts ist S. kaum noch zu hören – Das Lärmen vom Billardtisch übertont sein Mikro. Kurz vor 22:30 werfen alle das Handtuch. Überflüssig zu erwähnen, dass dies nur metaphorisch gemeint ist. Ein echtes Handtuch gibt es natürlich auch nicht.

20 Minuten später sitze ich daheim und beantworte die Nachricht einer Freundin, die sich dafür entschuldigt, sich zu spät an die Veranstaltung erinnert zu haben und deshalb nicht gekommen zu sein. Ich verschweige ihr nur halbherzig, dass sie damit eigentlich alles richtig gemacht hat. Frustriert klimpere ich noch ein paar Minuten auf der eigenen Gitarre herum, gefangen von einer schmerzlichen Erkenntnis: Es gibt nur eine Möglichkeit, mal ein funktionierendes Konzert in der eigenen Heimatstadt zu erleben..

…umziehen.

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