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Tagebuch eines Therapeuten – Die Kundschaft des Wahnsinns

Autor: Chronos 15. April 2018

Montag, 08:30. Therapiestunde 01

Die alte Uhr aus dem Schwarzwald hat immer noch diesen lästigen Nachklang beim Klicken. Es hört sich ein wenig nach einem Feuerscheit an, der beim Verbrennen knackst und prasselt. Mir scheint, dass die Uhr mein persönlicher Herold für einen anstrengenden Tag als Therapeut ist. Es war vermutlich reine Einbildung, aber ich konnte schwören, dass sie heute einen Ticken schärfer klang als sonst.
Ich seufzte. Der Sonnabend hatte noch seine sanfte Auswirkung, ich spürte noch die berauschenden Klänge von dem Konzert, das süße Spiegeln der späten Lichtstrahlen im See, den Geruch nach frisch zubereiteten …
“Hey, Doc!”
Dann klopfte sie erst. Und dann öffnete sie die Türe. Meine Assistentin hatte die Reihenfolge der höflichen Ankündigung noch nicht ganz verstanden. Schüchtern stand sie zwischen Tür und Angel, und das ganz buchstäblich.
Im Grunde ist sie wie ein Vampir: Sie braucht erst eine explizite Einladung mit Brief und Siegel und notarischer Bestätigung, ehe sie von selbst einen Raum betritt. Außerdem kann sie Knoblauch nicht ausstehen, ist bleich wie ein Schneehuhn im Kalkbrenner und ich bin mir zu 70% sicher, dass sie kein Spiegelbild besitzt.
“Ja, Melanie?”
Melanie. So heißt eine anständige Assistentin natürlich. So und nicht anders.
“Herr Doktor, die ersten Patienten sind schon da.”
Dass sie immer die Höflichkeit in Person ist, wenn man vis-a-vis steht…
“Die ersten? Sind’s etwa mehrere?”
“Mhhmm. Haben’s vielleicht den 08:30-Termin an mehrere verteilt?”
Ich schlug mir die Hand vor die Stirn.
“Ach, natürlich. Ich bin doch ein Trottel. Danke, Melanie. Sag ihnen, ich bin gleich da.”
Sie nickte, wobei ihr ordentlich blonder Haarknoten eine Strähne verlor. Ohne jede Lust ließ ich mich zurück in den so verführerisch komfortablen Ledersessel fallen und blickte hinaus auf das mystische, aber irgendwie bezaubernde Panorama eines halbfertigen Hausgerippes. Der Anblick des Hauses war kein vertrauenserweckender.
Die Ziegel ächzten unter der Last ihrer Brüder, und die Stahlträger waren bedenklich weit durchgebogen. Der Architekt gehörte mitsamt seinen Pläne in diesem Trümmerhaufen eingemauert. Als ich die Praxis vor einem halben Jahr mietete, ward mir versichert, der Ausblick auf die Salzach würde den Aufpreis mehr als aufwiegen. Pustekuchen!
Da lässt man sich eine breite Glasfront einbauen, damit die Stubenhocker mit denen man sein möglich Brot verdient auch einmal im Monat ihre Dosis Sonnenlicht und Außenwelt erhalten, und dann sowas.
Immerhin fallen mir Angsttherapien sehr viel leichter, seitdem die Kunden beim Betreten der Praxis unter akuter “Hilfe-mir-stürzt-gleich-ein-Gebäude-auf-den-Kopf”-Angst leiden (der Terminus für diese Phobie ist mir leider nicht geläufig.)

Schweren Gemüts riss ich mich von dem Fenster los und schickte mich an, den Warteraum zu inspizieren. Ich lugte vorsichtig um die Ecke. Seit dem Fall mit dem Psychopathen und der Plastikflasche war ich um einiges argwöhnischer was meine Kundschaft angeht.
Und ich habe jegliche dreh-, brenn-, und werfbaren Gegenstände provisorisch aus dem Vestibül verbannt.
Doch ich hatte Glück. Dieses Mal wurde ich nicht vom buchstäblichen Krieg im Libanon begrüßt, sondern fand vier Personen vor, die ordentlich auf ihren Stühlen platz genommen hatten. Der Erste war ein Hüne von einem Mann, das allerdings nicht im positiven Sinne. Der Kerl war starker Alkoholiker, aber leider nicht sehr wählerisch im Bezug auf den Stoff, mit welchem er seine Leber malträtierte.
Meine geschulte Nase kroch mir über den Rachen bis in den Magen hinab und legte sich zum Sterben nieder, als sie den Gestank des Fusels aufnehmen musste. Ein Wunder, dass der Mann noch nicht blind war. Sein Gesicht war aufgedunsen und rot wie ein sittsamer Christ beim ersten Kontakt mit dem Internet.
Seine massige Statur und das Karohemd ließen auf eine krankhafte Vorliebe für Holzhacken schließen. Der ungestriegelte braune Bart war garantiert leicht entflammbar und ein Galapagos für alkoholresistente Buschmensch-Krankheitserreger. Trotz allem hatte er verhältnismäßig klare, blaue Augen, die mit großem Interesse in mein Behandlungszimmer spähten.
Der zweite war ein stadtbekannter Choleriker. Er war recht klein geraten und sah mit seiner runden Brille, dem Seitenscheitel in den kurzen, mausgrauen Haaren, dem grauen Anzug – natürlich mit blutroter Krawatte – und der obligatorischen Aktentasche mehr nach einem aus, dessen Heldentaten sich auf punktgenaue Arbeitszeiten und das Anspitzen von Bleistiften beschränken. Der Schein trügt allerdings.
Laut seiner Akte ist er genau so lange umgänglich, wie alles seine Bahn läuft. Sobald das nicht mehr der Fall ist, geht er schneller in die Luft als ein Islamist mit Parkinson.
Ich schüttelte mich, solche Gedanken missfielen mir.
Ich bin kein Radikaler, kein Chauvinist und kein Realitätsverweigerer. In erster Linie bin ich Zyniker, dann Doktor und Therapeut. Dass das oft nicht Hand in Hand geht, ist offensichtlich, weswegen ich mich stets bemühe, während der Arbeitszeit keine politischen Witze zu reißen.
Neben dem Choleriker saß eine schöne Frau um die dreißig. Sie hatte schulterlanges schwarzes Haar und die Miene einer Aristokratin. Und scheinbar ebenfalls das Benehmen, da sie den kleinen Angestellten zu ihrer linken geflissentlich wie Luft behandelte.
Sowie er sich auch nur ein Stückchen rührte, drehte sie sich noch weiter weg, besah voller Interesse die wundersame Schönheit meines Fußabtreters und war so gespannt, dass ich Lust bekam, sie mit dem Finger anzustupsen. Wahrscheinlich würde sie wie von der Tarantel gestochen aufspringen und eine Hechtrolle durch das gegenüberliegende Fenster machen.
Der Gedanke erheiterte mich regelrecht.
Der letzte im Bunde war ein kantiger alte Herr. Er war auf eine altmodische Weise sehr elegant gekleidet, ganz im Gegensatz zu unserem Säufer, der wie Rübezahl am Straßenstrich aussah. Auch der Choleriker – überfein und gezwungen gekleidet – und die Aristokratin, die sich adrett mit einem Hauch von oberer Mittelschicht präsentierte, bildete der Senior einen Kontrast.
Sein kurz geschorenes Haar, die stramme Haltung und nicht zuletzt die drei Orden auf seinem Jacket gaben mir berechtigten Grund zur Annahme, dass es sich bei ihm zumindest um einen Oberst handeln musste. Oder um einen, der gerne einer wäre.
Ich öffnete die Türe und betrat den Raum. Ein kurzes Gefühl der Zufriedenheit durchfuhr mich, spürte ich doch keinerlei Anspannung unter den Patienten. Ein beruhigender Wartesaal ist schon die halbe Miete.
“Meine Damen und Herren, ich muss Sie um Verzeihung bitten” sprach ich. “Aufgrund mir nicht ersichtlicher Gründe habe ich Ihnen allesamt denselben Termin zugewiesen.”
Sie sahen mich redend, sie hegten Groll. Ich ließ mich von den finsteren Gesichtern nicht einschüchtern und fuhr fort.
“Es tut mir wirklich außerordentlich leid. Ich werde Ihre Termine persönlich umdisponieren, damit es zu keinen Komplikationen mehr kommen kann. Meine Assistentin steht Ihnen zur Verfügung für den Terminvorschlag. Bis dahin würde ich gerne Sie, Herr Dovac” – ich wies auf den Alkoholiker – “zu mir hinein bitten.”
Ich dachte schon, ich hätte das Problem so elegant wie ich konnte gelöst, als sich die Aristokratin erhob. Sie sah den sich erhebenden Bärtigen verächtlich an und zeigte vorwurfsvoll mit dem Finger auf mich. Mit schriller Stimme sprach sie:
“Warum sollten Sie ihn zuerst dran nehmen? Ich bin eine schwer beschäftigte Frau und musste sowieso einige wichtige Meetings verschieben, nur damit ich rechtzeitig hier sein kann!”
Ich sah sie ruhig an.
“Meine Dame, ich entschuldige mich vielmals für die Umstände. Allerdings habe ich meine Gründe, den Herren hier zuerst zu mir zu bitten.”
Sie stemmte die Hände in die Hüften. “Besaufen sollten Sie sich nicht so früh am Morgen, >Herr Doktor<.”

Ich war baff. Solch eine Frechheit hatte ich nicht erwartet. Mir lagen schon einige gesalzene Bemerkungen auf der Zunge, doch der kleine Wüterich kam mir zuvor.
“Jetzt reicht’s! Ich wünsche zuerst behandelt zu werden. Es ist doch ein Unding, dass Ihnen überhaupt so ein Fehler unterläuft, Herr Doktor!”
Beschuss von zwei Seiten! Überraschenderweise kam mir der Mann vom Hause Saufgelage zur Hilfe. Er hatte eine tiefe Bassstimme, die einen angenehmen Gegenpol zum schrillen Ton der Frau und zur nasalen Fistelstimme des Kleinen darstellte.
“Geh schleichts eich, ihr G’stopftn! I hob den Termin, oiso kennt’s mi amoi kreizweise. Wer z’erst kumt, moit z’erst.”
Die Frau war entgeistert. “Sie! Sie impertinenter Buschmensch! Was glauben Sie denn, wer Sie sind? Haben Sie gar kein Benehmen? Oder ein Hygienebedürfnis? Sie riechen ja strenger als das hinterste Eck eines Weinkellers!”
Der Bursche konterte ganz gelassen. “Im Gegensotz zu eana hot mei Wein wenigstens a g’wisse Klossn, verstengern’s?”
Der Oberst lachte erfreut. Mir wurde der ganze Trubel langsam zu bunt. Ich erhob gerade meine Stimme, da mischte sich der Kampfzwerg ein.
“Ich habe die Faxen dicke! Mich packt schon wieder die Wut, in diesem Sauhaufen hier!”

Melanie, die ein paar Meter abseits in der Sicherheit ihres Stübchen saß, stieg mit halben Fuß heraus und schickte sich an, die Situation zu schlichten.
“Herrschaften, kommen Sie zur Ruhe! Das hier ist eine Praxis, kein Irren…”
Weiter kam sie nicht, denn sie wurde vollkommen übergangen.
“Wos is eana Problem? Da Doktor hot mi g’ruafa, oiso bin I etzad sei Patient. Und eana, werte Dame, miassat I mia scho mit am Hochprozentigen schensaufa!”
Die Frau verzog so stark das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Der analytische Teil in mir registrierte, dass sie einige Anzeichen für einen schweren Fall von stressbedingter Aggression aufwies. Ich vergleiche solche Patienten gerne mit Kampfhunden: Zuerst bellen, dann beißen, und dann fragen, was der Andere eigentlich gemeint hat.
“Sie Flegel hören von meinem Anwalt!”
“Gerne, waunn’s mi donn von eana Visage verschonen tuan.”
“Mich können Sie schönsaufen, aber bei Ihnen hilft kein Alkohol der Welt mehr!”

Das war der Punkt, an dem ich nicht länger tatenlos danebenstehen durfte.
Ich rief mir lauter Stimme: “Meine Herrschaften, ich würde Sie bitte…”
“SCHREIEN SIE MICH NICHT AN, SIE TERMINVERUNSTALTER!” – der Kampfzwerg wurde wild. “WENN SIE MICH JETZT NICHT DRANNEHMEN, DANN GESCHIEHT HIER NOCH WAS!”
“Stengan’s doch bitte auf, waun’s reden.”
“OKAY, JETZT REICHTS!!”
70 Kilo Komplexe stürzten sich auf den Alkoholiker. Die Frau bewies, dass sie eine gewisse hysterische Ader hatte, denn sie schrie plötzlich wie eine Opernsängerin mit Gallensteinen.
Der Kampfzwerg hatte derweil den Trinker von den Beinen befördert und schlug wild auf ihn ein, seine Fäuste gingen jedoch in’s Leere, da sein Gegenüber ihn mit einem Arm auf Abstand hielt.
“DIR ZEIG ICH’S, DU BETRUNKENER FETTSACK!”
David überwand Goliaths Hand und drückte den Hünen zu Boden. Der konnte sich jedoch mit einer Rollbewegung nach rechts befreien und packte seinen Gegner jetzt mit beiden Händen.
Melanie kam hervorgestürzt und wollte die beiden Streithähne trennen, fing sich jedoch einen rechten Haken in den Bauch ein und taumelte auf die Klientin, die sie wie einen heißen Teller von sich stieß.
Dabei knickte die Frau selber ein und stolperte über die Füße von Melanie, direkt in die zur Ohrfeige ausholende Hand des Kleinen. Der schlug sie – unbeabsichtigt – volles Rohr in ihr Gesicht. Ihre Visagistin dürfte enttäuscht sein.
Erschrocken hielten die beiden Männer inne und glotzen die vom Pöbel berührte Aristokratin an. Die rieb sich fassungslos die Wange, holte danach aus und schlug dem Kampfzwerg seinerseits so hart, dass dieser rückwärts überschlug. Mit einer Grazie, die ich ihm gar nicht zugetraut hatte, kam er er wieder auf die Beine und stürzte sich auf die Frau wie ein ausgehungerter Kampfhund auf einen saftigen Burger.
Ich war derweil nicht ganz untätig gewesen und war im selben Moment bemüht, den benommen Hünen zur Seite zu drehen. In seiner Verwirrung rammte er mir den Ellenbogen in den Schritt und nur dank meiner jahrelangen Erfahrung im Kampf mit meinem Bruder, der Staatsmeister in verschiedenen Kampfsportarten war, verdankte ich es, mir einen Rest Würde zu bewahren und immerhin nicht in einer höheren Oktave als sonst jaulend zu Boden zu gehen.

Mitten im schönsten Chaos krachte plötzlich ein Schuss. Alles hielt erschrocken in der Bewegung inne. Der Oberst stand aufrecht und hielt eine kleine Waffe in die Luft. Über ihm war ein Einschussloch zu sehen.
“Wenn wir uns dann alle mal beruhigen wollen.”
Der Oberst sprach mit harter, befehlsgewohnter Stimme. Und das Volk gehorchte. Artig nahm die Aristokratin ihren Lippenstift aus der Nase des Cholerikers, und der hörte auf, an ihrem Haarknoten zu kauen. Ich für meinen Teil erhob mich schwankend, aber aufrecht – ich erhole mich meist recht schnell von dem anfänglichen Schmerz. Der Hüne blieb liegen, aber hielt sich in aller Seelenruhe einen Flachmann an die Lippen.
Melanie hatte sich ebenfalls von ihrem neuen besten Freund, der Topfpflanze gelöst, die ihr großzügig Unterkunft gewährt hatte.
Der Oberst lies die Waffe senken und schaute mich an. Ich rechnete damit, dass er mir mit größtmöglicher Eleganz seinen Anwalt, oder vielleicht doch gleich drei andere Veteranen auf den Hals hetzen würde.
“Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie jetzt mich dran nehmen?”
Das war zu viel. Ich warf den Kopf in den Nacken und sank in einen nahestehenden Sessel. Der Rest der Truppe stöhnte ebenfalls im Chor. Die Aristokratin – wie hatte sie es bloß geschafft, sich innerhalb dieser paar Sekunden ihr Outfit zu richten und sogar den Lippenstift wieder nachzuziehen? – öffnete den Mund, um etwas zu sagen.
Und da flog die Türe auf.
“OKAY, WER VON EUCH MADEN HAT GLORIA SWANSON ERSCHOSSEN?!”

In der Tür stand ein alter Mann. Er erinnerte ein wenig an Karl Marx auf Steroiden. Vor ihm stand ein Rollator, er trug einen dunklen Morgenmantel und sein schütternes weißes Haar bedeckte seine faltigen Schläfen. Außerdem hielt er ein Gewehr in den Händen. Seinen Kopf schmückte ein alter Wehrmachtshelm.
Wir alle waren zu baff, um uns zu wundern. Der alte Mann hob seine Waffe von der Gehhilfe und zielte abwechselnd auf alle Anwesenden.
“Na? Spuckt es aus, dann geht es schneller. Wer war es?” Er zielte auf die Aristokratin. “Du Flittchen vielleicht? Bist doch garantiert so eine feige Franzosin, die spioniert, ha?”
Er hielt auf den Kleinen. “Und du bist so ein dreckiger Inselaffe! Zeig mal deine Zähne, Teeschlürfer!” Seine Aufmerksamkeit wanderte schon wieder weiter und er nahm den Hünen ins Visier.
“Und du, du bist ein Russe! Ich kann den Alkohol bis hier hin riechen!” Da erblickte er den Oberst.
“Aha! Ein Ami! Was auch sonst. Dir traue ich es sofort zu, dass du Gloria Swanson erschießt, nur um mir eines auszuwischen. Aber nicht mit mir, Freundchen!”
Hinter ihm tauchte eine junge Frau aus. Ich schätzte sie auf einen halbwegs ausgewachsenen Teenager, niemals älter als zwanzig. Sie trat von hinten an den pensionierten Revolverhelden heran und meinte beschwichtigend:
“Ganz ruhig, Opa! Gloria Swanson ist nicht tot. Naja, zumindest nicht erschossen.”
Sehr langsam und mit Mühe, bedingt wohl durch Arthrose, Rheuma, Gicht, Morbus Bechterew und sonst so allem, was die Natur sich ausgedacht hatte, um die Alten zu quälen, drehte sich der Senior um.
“Nicht erschossen?” fragte er verwundert.
Seine Enkelin redete mit sanfter Stimme auf ihn ein.
“Nee, Oppa. Das war doch nur der Fernseher.”
“Fern.. was? Verschon mich mit diesen bolschewistischen Fachausdrücken!”
“Na, du weißt schon: Fernseher. Der Apparat, der die bewegten Bilder überträgt.”
Inzwischen hat auch der Rest seines Körpers den Verschließ überwunden und sich seiner Enkelin zugewandt.
“Ach, du meinst die Flimmerkiste? Sag das doch gleich! Bah, die habe ich nie gemocht. Mir war immer der Reichsempfänger lieber, um Lage zu erfassen.”
“Opa, den gibt es nicht mehr, das heißt heute Radio.”
“Radio? Klingt Russisch. Apropos!”
Er drehte sich wieder um und setzte einen bedrohlichen Blick auf. Wenn er nicht so lange für die Rotation benötigen würde, wäre der alte Knacker mit dem Karabiner auch sicher bedrohlich gewesen. Man konnte die Gelenke förmlich quietschen hören.
Er besah den “Russen”. “Privet, Towarishch! Day mne Alkogol.”
Man musste kein Linguist sein, um das zu verstehen, aber der Hüne war zu verwirrt, um den Sinn zu erfassen.
Der Alte wiederholte den Satz noch einmal, um dann wieder auf Deutsch zu wechseln.
“Verdammt, Genosse! Alkogol, Vodka, Skol Skol! Gib her, daii!”
Da kapierte er und zog den Flachmann, hielt aber inne.
“Nix da! Nur üwa mei Leichn!”
Ich bin mir ziemlich sicher, dass an diesem Punkt aufgrund der Absurdität der Situation irgendetwas in mir zerbrochen ist. Melanie war zum Glück schneller. Sie langte in ihre Handtasche, die sie immer mit sich trug (ich denke ja, die legt sie nicht einmal zum Duschen ab) und zog eine Flasche Hochprozentigen hervor.
Mir quollen fast die Augen über.
Sie zuckte zusammen und grinste schuldbewusst. “Ähm, ja… Das ist jetzt doof, Herr Doktor. Der ist eigentlich gar nicht…”
“Jajaja.” unterbrach ich sie wütend. “Bring ab morgen einfach noch eine Flasche mehr mit.”
Der Alte registrierte nun auch mich. Sein Gewehr hatte wieder auf den Rollator gelegt, und er mühte sich, die Flasche aufzukriegen.
“Was bist denn du für einer? Ein Doktor? Das trifft sich ja gut! Ich habe da so ein Ziehen im Rücken, können Sie sich das vielleicht mal anschauen?”
Hilflos musste ich mitansehen, wie sich der Alte in mein armes, verwüstetes Wartezimmer schob. Er besah mit einem zufriedenen Blick das zerstörte Interior an. Kein Wunder. Auf einem Schlachtfeld fühlte sich der garantiert wohl.
Kampfzwerg und Aristokratin hatten sich inzwischen erhoben. Die Anwälte der beiden waren bestimmt schon auf 180, aber das war mir gleich.
Mühselig kroch ich aus meinem Sessel. Ich fühlte mich wie ein alter Mann. Mein schönes Wartezimmer lag in Trümmern. Wir hatten Schusswaffen, Alkohol, Minderjährige und eine Alkoholleiche mit einem Funken Leben in sich an einem Ort – and not in the fun way.
Kurz streckte ich meine Schultern, dann richtete ich mich an die Anwesenden.
Ich hob die Stimme. Der Alte hob das Gewehr. Ich hob die Hände. Zufrieden schnaufte Bodybuilder-Marx und erlaubte mir zu Sprechen.

“Herrschaftszeiten, wir strecken jetzt alle mal unseren Astralkörper und nehmen eine geflogene Scheiß-Egal-Haltung ein, während wir jetzt auf die Polizei warten.”
Entgegen meiner Erwartungen kam kein ablehnendes Gemurmel von allen Beteiligten. Lediglich der Hüne, der sich inzwischen tatsächlich aufgesetzt hatte – O Zeiten, O Wunder – sah mich an und fragte mich:
“Owa mi nehmen’s jetzt ois Ersten draun, oda?”
Ab diesem Punkt habe ich eine kleine Gedächtnislücke. Wie mir Melanie später berichtete, habe ich anscheinend mit meinem Kopf versucht, eine neue Tür in die Mauer meines Arbeitszimmers zu schlagen. Allerdings habe ich mich auch schnell wieder gefasst, hysterisch zu lachen begonnen und gerufen:
“Klar, warum nicht? Passt auf, wir alle gehen jetzt in das Behandlungszimmer und machen eine Gruppensitzung! Was könnte den schon schiefgehen, bei uns zivilisierten Weltbürgern! Ahahaha!”

Meine Erinnerungen decken sich mit dieser Aussage insofern, da sie wieder einsetzen, als der Trinker, der Kampfzwerg, der Oberst, die Aristokratin, der Alte (ohne Gewehr, Gott sei dank, dafür in einem Rollstuhl (wo hatte er den bloß her??)), seine Enkelin und die verstörte Melanie alle ordentlich in einem Sesselkreis vor meinem bequemen Ledersessel hockten und mich erwartungsvoll ansahen.
Ich bin mit einer wahren Silberzunge gesegnet, die in solchen Situationen immer die wortgewaltigsten und eloquentesten Reden hervorbringt, so auch diesmal:
“Ja, äh.. Hallo.”
Ehe ich fortfahren konnte, schlug die alte Uhr aus dem Schwarzwald 09:00. Dieses Mal war ich sicher, dass sie schärfer schlug als sonst. Und diese Therapierunde sollte wahrlich nicht gerade einfach werden.

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