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Löffelschnitzer im Wandel der Zeit

Autor: HarryCane 22. April 2018

Manche glauben ja, dass der Fortschritt uns alle in eine strahlende Zukunft führt. Andere sind da skeptisch und fürchten, dass die immer komplizierter werdenden technischen Systeme drohen, irgendwann unbeherrschbar zu werden und früher oder später zusammenzubrechen – wie die Löffelschnitzer zum Beispiel. Sie proben am Wochenende im Buschwerk zwischen Autobahn und Wohngebiet das Leben im postapokalyptischen Zeitalter – wenn die Aliens, die Zombies oder die Schurkendiktatoren uns ins moderne Mad-Max-Mittelalter zurückgeworfen haben werden.

Löffelschnitzer ist ein abwertender Ausdruck für Leute aus dem Erzgebirge oder ähnlich abgelegenen Gebirgsregionen, in denen die Menschen jahrhundertelang relativ isoliert vom Rest der Welt vor sich hin gewerkelt haben. Neben dem Bergbau und der Feld- und Waldarbeit gab es schon früher kaum lohnenswertes Handwerk, weil die Kaufkraft nicht zuließ, dass man davon hätte leben können. So war es lange Zeit normal, dass diese Leute darauf angewiesen waren, sich sogar einfachste Werkzeuge aus dem stets verfügbaren Rohstoff Holz eigenhändig herzustellen. Neben dem Schnitzen von Koch- und Rührlöffeln oder auch Suppenschüsseln entwickelte mancher Bauer oder Forstarbeiter in den Wintermonaten zwar so hohe handwerkliche Fähigkeiten im holzbearbeitenden Kunstgewerbe, dass er selbst so filigrane Dinge wie Räuchermännchen, Schwibbögen oder Weihnachtspyramiden kunstvoll herstellen konnte. Aber das änderte nichts daran, dass man anderenorts die oft etwas eigensinnigen Gebirgsbewohner allesamt als Löffelschnitzer verrief anstatt sie in den etwas wohlwollenderen Topf der Pyramidenzauberer zu werfen.

Loeffelrohling

Und jetzt nur noch alles wegschnitzen, was nicht zum Löffel gehört…

Heute, freilich, hat jeder Dorfdepp ein Auto. Wie soll er sonst an die Arbeit kommen oder ins Arbeitsamt? Und man braucht es auch, weil man sonst seine Kinder nicht in die Schule gebracht bekommen würde. Denn heute, da die Kleinen so wohlgenährt sind wie nie, ist es ihnen sicher nicht mehr zuzumuten – wie zu Urgroßvaters Zeiten – zu Fuß in die Schule zu wandern oder mit dem Rad zu fahren. Außerdem ist die Schule jetzt viel weiter weg, denn die Lehrer sind ja alle in die große Stadt gezogen wo sie sich ungesund ernähren, ständig krank werden und dann für reihenweise Ausfallstunden sorgen. Und dann müssen die Kleinen ja auch wieder abgeholt werden. Mit dem Auto kann man nun also in die Stadt fahren und sich dort auch gleich allerlei nützliches und auch unnützes Gedöns kaufen.

Außerdem gibt es jetzt dieses Internet und damit endlich die Möglichkeit sich auch in abgelegenen und dünn besiedelten Gegenden mit den Waren des täglichen Bedarfs zu versorgen. Mit einem Prime-Account zahlt man dann nicht einmal Versandkosten. Genau genommen könnte man die Versorgung fast schon wieder ohne Auto gewährleisten und das auch noch preiswerter. Es ist einfach der Wahnsinn! Der Fortschritt ist nicht mehr aufzuhalten. Wenn man nur endlich auch noch Lebensmittel online mit dem Handy bestellen könnte!

Beim reichen Jeff bekommt man ein Dreierset industriell gefertigter Buchenholzlöffel schon für € 2,99 und in der Elektrobucht sind sie manchmal noch billiger. Kein normaler Mensch hätte also heute noch einen vernünftigen Grund, sich einen Holzlöffel selber zu schnitzen. Kein einziger! Nicht einmal, wenn er in einem Keller gefangen gehalten würde. Aber es gibt sie dennoch. Es gibt tatsächlich heute noch echte Löffelschnitzer – Menschen, die sich aus frischem Holz eigenhändig einen Löffel schnitzen! Und zwar nicht nur im Erzgebirge. Wie zur Hölle kommt denn unter den gegebenen Umständen ein normal verdienender Arbeiter oder Angestellter bei einem bundesweit geltenden Mindestlohn von € 8,84 auf die zunächst überaus hirnrissig erscheinende Idee, sich am Wochenende insgesamt locker mal zehn, fünfzehn Stunden lang damit zu beschäftigen, aus einem Stück Haselnuss oder Feldahorn einen meist eher krummen Esslöffel zu schnitzen? Selbst ein komplett gelangweilter Hartzer könnte doch in dieser Zeit neben der Besteckbestellung noch ganz entspannt ein paar Folgen seiner Lieblingsserie auf Netflix streamen und sich dazu eine Pizza liefern lassen. Wer braucht denn heute eigentlich überhaupt noch Holzlöffel?

Löffel ölen

In der Wildnis geht natürlich auch Wildentenfett.

Mal abgesehen von der wertvollen Zeit – zum Löffelschnitzen benötigt man ja auch Werkzeuge. Ein akzeptables Löffelschnitzmesser oder auch Hakenmesser fängt so bei zwanzig Euro an. Ein gutes Schnitzmesser mit gerader Klinge braucht man dann zusätzlich. Der Wetzstein ist bei diesen Anforderungen an den Klingenstahl unabdingbar; und für das Finish des Werkstückes sollte obendrein Schleifpapier in verschiedenen Körnungen im Haus sein. Einzig bei der letzten Ölung des Holzes könnte man zur Not noch auf das ohnehin in jeder Küche vorrätige Raps- oder Sonnenblumenöl zurückgreifen, obwohl der Euro für das Öl den Kohl nun auch nicht mehr fett macht. Darf man das eigentlich – jetzt, da der zuletzt deutlich abgemagerte Altkanzler nicht mehr unter den Lebenden weilt – überhaupt noch sagen? Egal! Fakt ist, dass selber machen deutlich teurer und auch um ein Vielfaches aufwändiger ist als online bestellen. Wozu also das Ganze?

Der emanzipierte Löffelschnitzer von heute nennt sich übrigens selbst gar nicht mehr Löffelschnitzer. Obwohl; das taten auch die Erzgebirgler eigentlich nie. Wer heutzutage in den Wald geht oder sich am Wegesrand mit der stets mitgeführten Klappsäge einen Ast absägt um daraus einen Löffel zu machen, nennt sich zumeist “Bushcrafter”. Das klingt hip, das klingt modern, das klingt irgendwie fremdländisch und damit exotisch und eigenwillig.
Und warum machen die das? Was ist denn bushcraften noch außer Löffel schnitzen?

Bushcraften ist im Prinzip ein Sammelbegriff für Übungen, die das Überleben in der Wildnis nach der Zombieapokalypse sichern sollen. Wenn die Zivilisation zusammengebrochen ist und man sich um alles, um wirklich alles vollkommen alleine kümmern muss, dann werden nur diejenigen überleben können, die gewisse Basic-Skills haben: Armbrust aus Ästen und Tiersehnen bauen, Ratten mit Fallen fangen, Eichhörnchen schlachten, Unterschlupf ohne Armeeplane bauen…

Hier sind die Erzgebirgler ja wieder deutlich im Vorteil. Die Zombieapokalypse hat ja dort zum Teil schon begonnen. Immerhin zieht es die meisten jungen Menschen mit Führerschein in Ballungsräume mit beruflichen Entwicklungschancen während die Dörfer veröden und überaltern. Bei einer Handvoll fußlahmer Rentner mit Heißhunger nach Innereien rentieren sich dann Supermärkte meist nicht; und falls doch, ist die Vielfalt vergleichbar mit der im Ost-Konsum am Freitagnachmittag. Wo einkaufen also wieder zum Tagesausflug wird und Fuchs und Hase fix geschossen sind, da ist schlachten und wursten wie zu Opas Zeiten noch nicht vergessen. Und da kann man halt auch entweder vernünftig häkeln oder aber seinen eigenen Löffel schnitzen. Oder beides – das mit der Geschlechterverteilung wird ja heute nicht mehr so genau genommen. Das hat man auch im Erzgebirge schon gemerkt – beziehungsweise zumeist mit Erschrecken festgestellt.

Gut, das mit der Häkelei scheint jetzt auf den ersten Blick auch nicht so überlebensnotwendig. Aber was, wenn der nukleare Winter kommt? Man will doch schließlich was warmes zum anziehen haben, wenn man seinen Eichhörnchengulasch löffelt oder verschüttete Supermarktlager nach gut erhaltenen Konservendosen durchsucht.

Im Grunde leuchtet der Gedanke ja ein: Was nützt mir eine Dose Ravioli, wenn ich keinen Löffel habe? Gut; ich könnte mir mit einer Gabel behelfen. Immerhin brauche ich ja ohnehin einen Dosenöffner oder zumindest ein scharfes Messer um an den Inhalt der Konserve zu gelangen. Warum also – wenn ich mich im Angesicht des Weltuntergangs darum kümmere, dass ich für den Fall der Fälle ein Messer, ein Hakenmesser und so weiter habe um mir einen Löffel schnitzen zu können – soll ich nicht auch gleich direkt an ein vollständiges Essbesteck samt Dessertlöffel und Kuchengabel denken. Dann könnte ich ja in der Zeit, in der sich andere  Überlebende einen Löffel schnitzen, in aller Seelenruhe einen leckeren Fisch angeln mit der Angel, die ich mir ebenfalls wohlweislich aus der guten alten Zeit hinübergerettet habe. Den Fisch esse ich dann schön gesittet mit Messer und Gabel. Und zum Nachtisch gibt es selbst gepflückte heiße Himbeeren mit geschlagener Löwenzahnmilch. Holzlöffel hin oder her – besser man hat als man hätte! Die Löffelschnitzer werden dann beim Suppe löffeln von den Zombies überfallen und ich kann mit vollem Bauch ganz gediegen einen sicheren Ort aufsuchen, an dem ich mein Discounter-Zelt aufbaue.

Ob jetzt angeln oder Beeren suchen auch schon unter Bushcraften fällt ist mir im Moment gar nicht so klar; oder Feuer machen; oder zelten. Im Grunde sind Bushcrafter wohl sowas wie etwas größere Pfadfinder. Also schon irgendwie eigensinnig – ähnlich wie Erzgebirgler. Löffelschnitzer halt!

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