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Jule

Autor: D. E. Orange 11. Mai 2018

„Erklär mir einer die Frauen…“ sagte Steffen und starrte in sein Bier.

„Dat wird keiner schaffen.“, sagte Kalle, Steffens Tresennachbar.

„Weißte“, sagte Steffen“, „Letztens habe ich Jule getroffen.“

„Bah, Kär! Hör mich auf mit der! Wie lange is dat jetzt her? 5 Jahre? Oder mehr? Dat war docn anderet Leben! Du bis im Hier und Jetzt! Du hast seit Jahren kein Wort mit der gewechselt!“ rief Kalle und schaute entsetzt zu Steffen herüber.

„Jaja, du hast ja Recht. Aber weißte, die kam letztens einfach auf mich zu und…“

„Und wat? Hatse dich wieder grundlos beschimpft, weil se nen schlechten Tach hatte? Oder sich über irgendwat ausgeheult, nur damit du wieder den Helden gibst und dafür auffen Arsch krichst? So wie früher auch immer?“

„Nö. Sie hat mir einfach nur gesagt, dass sie vorm Supermarkt einen Werbeflyer meiner Firma gesehen hat.“

„Und dann?“

„Ja, nix dann. Dann isse wieder gegangen.“

„Is dat nich schonmal passiert?“

„Mehrmals. Und dann ist sie immer gegangen. Jedes Mal. Deshalb soll mir mal einer die Frauen erklären.“

„Hömma, et sind nich die Frauen, et is diese eine.“, sagte Kalle und nahm einen Schluck. „Die musst du nicht verstehen. Die kann man nich verstehen. Die versteht keiner. Ich nich, du nich und dem Häbbärt sein Schwager, der auch nich.“

„Ich habe sie aber mal verstanden. Jahrelang. Das hat lange funktioniert“

„Weißte, son Opel Kadett – weißte, der funktioniert auch jahrelang. Aber irgendwann dann nich mehr. Dann gehste zum KfZ-Kurt und da holtste dich nen Neuen. So einfach is dat“ Kalle zog sein Bier leer, knallte das Glas auf den Tresen und orderte ein neues.

„Kalle, Frauen sind aber keine Autos. Wenn es mit den neuen so einfach wäre, dann… dann wäre es ja einfach. Weißte? Dann hätte ich mir einiges erspart mit denen.“ murmelte Steffen und umklammerte sein Glas ohne zu trinken. „Ich würde einfach nur gerne wissen, wat dat soll. Warum kommt sie immer wieder an, sagt irgendeinen unwichtigen Blödsinn und haut dann ab? Und wenn ich sie fragen will, was sie damit bezwecken will – Schweigen. Als hätte se den Mund zugetackert.“

„Hatse nich. Wäre oft besser für uns alle gewesen!“, gluckste Kalle.

„Ja, eben! Warum also jetzt dieser Kindergarten? Ist sie unsicher, was sie eigentlich sagen will? Will sie spielen? Ist es boswillig oder feige? Was ist es? Ich frage es mich seit Wochen, seit Monaten, seit Jahren. Wieder und wieder! Das macht mich wahnsinnig.“ rief Steffen und stieß sich einen halben Meter vom Tresen ab.

„Wat weiß ich? Der Eule is allet zuzutrauen.“, sagte Kalle „Die hat vermutlich wieder ihren lustigen Tach, macht mal spontan den Mund auf und überlegt et sich dann wieder anders. Ihr habt doch früher beide eure Meinung öfter gewechselt als andere ihre Socken. Deswegen habt ihr euch doch immer so schön gegenseitig hochgeschaukelt.“

„Ja, du hast schon Recht.“, sagte Steffen zähneknirschend. „Mich beschäftigt das trotzdem. Ich hab sie früher immer verstanden. Oft als einziger. Ich würde es einfach nur gern wieder können. Um klüger zu sein und zu wissen, was ich hier eigentlich machen soll.“

„Schön, schön.“, sagte Kalle teilnahmslos. „Aber wat ICH mich jetzt frage – Warum interessiert dich der Scheiß überhaupt noch? Et is Jahre her, die Ische hat deinen kompletten Freundeskreis gegen sich aufgebracht und dich behandelt wie den letzten Arsch. Als wärst du Hitler oder schlimmeret. Die neurotische Egomanin hats nichtmal verdient, die gleiche Luft wie du zu atmen. Dat haben wir dir schon ALLE gesacht. Mehrfach!“

„Ich weiß, verdammt!“, rief Steffen „Ich weiß! Jede Sekunde, die ich mich mit Jule beschäftige, ist verschwendete Lebenszeit. Ich weiß, dass es nichts nützt, von ihr noch irgendwas zu erwarten. Egal in welcher Frage und egal in welchem Zeitalter. Ich weiß das alles.“

„Und warum machst du dir dann trotzdem den Kopp?“, fragte Kalle.

„Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich es hasse, keine Antworten auf meine Fragen zu haben? Vielleicht, weil mich meine eigene Ratlosigkeit ankotzt?“

„Oder…“, sagte Kalle langsam, ohne von seinem Bier abzusehen, „…oder weil du sie einfach immer noch liebst. Trotz allem und gegen jede Vernunft. Weil du dämlicher Idiot sie trotzdem liebst.“

„Ja. Oder deshalb. Ich Idiot.“

„Jupp.“

„Jupp.“

Dann tranken sie beide aus.

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