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Schatten der Vergangenheit

Autor: D. E. Orange 23. Mai 2018

Wir hatten uns ziemlich lange nicht mehr gesehen, daher überraschte es mich sehr, als dir letztens auf dem Weg zum Bäcker über den Weg lief. Wir hielten an und unterhielten uns kurz. Es passierte, was bei uns immer passiert – Nach wenigen Sätzen artete es bereits in Foppereien, Albernheiten und Gelächter aus. Es war ein eingespieltes Ritual, welches wir jederzeit abrufen konnten, wenn wir es wollten. Ein Ergebnis unserer Vergangenheit.

10 Jahre zuvor, als Teenager, hingen wir nahezu täglich aufeinander. Manchmal sogar wortwörtlich Wir lagen auf der Couch in meinem alten Zimmer, hörten Musik, spielten selbsterdachte Kartenspiele und ab und an fanden wir Vorwände, uns gegenseitig von der Couch runterzuschubsen und darüber zu rangeln, wer das alleinige Recht hatte, die Couch besetzen zu dürfen. Saßen wir nicht zusammen, telefonierten wir stundenlang und zogen die Gesprächsthemen so weit wie möglich in die Länge, weil keiner von uns zuerst auflegen wollte. So ging es einige Zeit lang. Irgendwann eines Nachts auf dem Heimweg von einer Party sagte ich dir dann, dass ich mich in dich verliebt hatte. Ich holte mir eine Abfuhr von dir, auch wenn es dir Leid tat – aber das musste es nicht. Ich kannte dich gut genug, um zu wissen, wie deine Reaktion aussehen würde – und ich brauchte sie, um Gewissheit zu haben. Wenn ich ehrlich bin, hätte jede andere Antwort mich mehr aus dem Konzept gebracht, denn wirklich etwas ändern an unserem Status Quo wollte auch ich nicht. Wir harkten die Sache ab. Einige Monate später waren wir beide in einer Beziehung, allerdings nicht miteinander. In der kommenden Zeit verloren wir uns mehr und mehr aus den Augen, ohne es zu merken, bis der Kontakt irgendwann vollständig zum Erliegen kam.

Jetzt stehen wir also hier. Du fragst mich, wie es in der Liebe so läuft. Meine Beziehungen der letzten Jahre hatten nur eines gemeinsam: Die endeten nie gut. Und seit einiger Zeit schauen die Frauen quasi durch mich durch, als sei ich unsichtbar. Keine Chance auf Zugriff. Ich habe das Gefühl, es einfach nicht gebacken zu bekommen und genau so erzähle ich es dir auch. Du nickst nur und sagst, dieses Gefühl würde dir nur zu bekannt vorkommen. Die Typen hätten dich in den letzten Jahren reihenweise verarscht und du würdest dich langsam fragen, was du eigentlich falsch gemacht hättest, um andauernd zum Spielball degradiert werden zu müssen. Ich äußere mein Unverständnis darüber, bekräfte, dass du das bestimmt nicht verdient hast und versuche dann, mit dem Geschick eines betrunkenen Nashorns das Thema zu wechseln. Ein paar Minuten später bemerken wir, dass es spät geworden ist und verabschieden uns voneinader.

Am Abend muss ich über unsere Begegnung nachdenken und mir fällt diese Situation vor vielen Jahren wieder ein; Wie wären die Dinge gelaufen, wenn du dich damals anders entschieden hättest? Wäre auch das im Unglück geendet? Oder hätten wir uns dadurch all die Enttäuschungen erspart? Ich hätte dich bestimmt besser behandelt als es die anderen Typen gemacht haben, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber sonst? Und was ist mit dir? Wie war das für dich damals? Im Nachhinein frage ich mich, ob da damals wirklich nichts war, oder ob du – wie ich ja eigentlich auch – einfach nur Angst hattest, unser Verhältnis zueinander einem Risiko auszusetzen, welches wir beide nicht hätten kontrollieren können. Weil es für uns irgendwie bequemer war, an einem Punkt stehen zu bleiben, an dem wir uns beide wohlfühlten, anstatt uns auf eine Reise zu begeben, deren Ziel wir nicht kannten.

Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß nur eines: Wenn ich dich das nächste Mal treffe, werden mir genau diese Gedanken wieder im Kopf herumkreisen. Und wieder werde ich mich fragen, ob du genau wie ich noch an diesen Moment zurückdenkst, an dem alles hätte anders laufen können und dir heute die gleichen Fragen stellst, die ich mir stelle. Ich könnte dich ja einfach fragen, aber das werde ich nicht tun. Warum? Weil ich den gleichen Fehler mache wie damals und Angst vor der Antwort habe.

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