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Willkommen im Zeitalter der Differenzierunfähigkeit!

Autor: D. E. Orange 24. Juni 2018

Hallo

Mein Name ist D.E.Orange und ich bin linksradikal. Nicht etwa, weil ich den Benz meines kapitalistischen Bonzennachbars angezündet  oder in einem mehrseitigen Manifest den Kommunismus in Wanne-Eickel ausgerufen hätte. (Warum auch? Kommunismus funktioniert einfach nicht)
Nein, was ich in meiner verdrehten, linkspopulistischen Ideenwelt gewagt habe, ist einfach nur mehr Qualität und Information im öffentlich-rechtlichen Rundfunk einzufordern.
Dass man linksradikal sein muss, um sich etwas mehr Niveau zu wünschen, hat mich dann doch etwas überrascht. Dann bin ich wirklich lieber linksradikal als… ja… als was auch immer.

Ein Abbild unserer verkorksten Zeit

Sicher, man könnte jetzt hingehen und diese Art des Feedbacks als lächerlich abtun. Sicher ist es das auch. Aber jeder, der öfter im Internet unterwegs ist erkennt hier ein Phänomen wieder, welches sich dieser Tage immer weiter und weiter ausbreitet: Die zunehmende Unfähigkeit der Leute, ein reflektiertes, differenziertes Verhalten an den Tag zu legen. Und diese Unfähigkeit beschränkt sich ja leider zunehmend nicht mehr auf das Internet.

Ja, wir leben in einer hektischen, schnelllebigen Zeit. Jeder sucht sich seine Wege, mit den Gegebenheiten umzugehen selber. Aber tut es wirklich Not, sich sein Leben einfacher zu machen, indem man sein Hirn weitestgehend ausschaltet und seine gesamte Weltsicht auf einen Sehschlitz von Bleistiftbreite verengt? Denn das ist es, was momentan in unserer Gesellschaft mehr und mehr zu Mode wird. Alles ist weiß und was nicht weiß ist, muss schwarz sein. Ein Wechselschalter im Großhirn, der nur „Gut“ und „Böse“ kennt. Ein Dazwischen ist nicht.

Darwin lässt grüßen

Evolutionär lässt sich das durchaus erklären. Das Gehirn eines T-Rex funktionierte auch auf diese Art und Weise, wobei der Schalter hier zwischen „Fressen“ und „Begatten“ hin- und herswitchte. Das Gehirn von Harvey Weinstein funktioniert bekanntermaßen bis heute so, womit sich die Frage nicht stellt, ob sich diese vereinfachte Funktionsweise des Gehirns nicht aus der Kreide- in die Neuzeit herübergerettet haben könnte.

Nun sind die Dinosaurier erwiesenermaßen nicht erst vorgestern ausgestorben. In unserer Welt geht es nicht mehr ausschließlich um Nahrungsaufnahme und Paarungsbereitschaft. Schön wäre es. Die Dinge liegen komplexer und sobald es um die Probleme aus Politik und Gesellschaft geht, gibt es nichts fataleres, als sich weiterhin auf den netten schwarz/weiß-Schalter in seinem Kopf zu verlassen. Und doch wird es getan.

Ich und Ich und Alle gegen Alle!

Volker Pispers hat mal gesagt, das Leben würde einfacher sein, wenn man seine Feinde kennt, denn dann hätte der Tag Struktur. Der Mann hat damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Dies ist genau die Vorgehensweise, welche wir Tag für Tag in Alltag, Internet und TV erleben dürfen. Jeder sucht sich sein persönliches Feindbild, gegen das er allein in Rambomanier zu kämpfen hat und alles, was am Tag passiert und aufgeschnappt wird, dient ausschließlich dem Zweck, seine eigene Überzeugung zu bestätigen und sich selbst im Kampf gegen „die Rechten“, „die Linken“, „die da Oben“, „die Flüchtlinge“ oder wen auch immer zu positionieren. Einige erreichen hierbei eine Kreativität, mit der sie jede noch so fisselige Kleinigkeit so umdeuten lässt, wie es gerade benötigt wird. Natürlich könnte man diese Geistesleistung dazu verwenden, die Dinge zu hinterfragen und sich selber einmal kritisch zu betrachten. Aber das entspricht einfach nicht dem Zeitgeist.

Sozialen Medien und weltweiter Vernetzung sei Dank sind wir heute in der Lage, uns eine Informationsfülle zu beschaffen, wie es nie zuvor in der Geschichte möglich war. Aufgrund ebenjener Vernetzung befinden wir uns aber auch im Zeitalter der totalen Selbstdarstellung. Wir alle stehen nun also vor der Wahl, die Gegebenheiten zu nutzen und etwas sinnvolles zur Gesellschaft beizutragen – oder als Ich-AG durch die Welt zu preschen und ungefiltert alles rauszuhauen, was einem gerade in den Kram passt. Was ist einfacher? Genau! Was wird also in der Mehrzahl getan? Exakt!

„Ich bin so klug! K-L-U-K!“

Das Eigenbedürfnis, sich die Welt so einfach zu machen, wie es gerade gewünscht ist gepaart mit der Tatsache, dass es heute möglich ist, dies alles gezielt und nahezu lächerlich leicht einem gewaltigen Publikum zugänglich zu machen, ist ein explosives Gemisch. Die Folge ist, dass unsere Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet. Aufgespalten in die Lager „Rechts“ und „Links“, die mittlerweile zum großen Teil selber nicht mehr wissen, was genau jetzt eigentlich „Rechts“ und „Links“ bedeutet. Für die allermeisten bedeutet es eigentlich längst nur noch „Ich bin klüger als du. Du dummes Arschgesicht.“ – Nicht vergessen: Immer eine Beleidigung hinzufügen, allein daran sieht man, wie viel klüger man als der andere ist! Es geht ums Prinzip und darum, sich besser zu fühlen als andere. Um Lösungen geht es nicht. Um Lösungen zu finden, müsste man über den Tellerrand hinwegschauen und sich Mühe geben, dem Standpunkt des anderen mit Sachlichkeit zu begegnen. Je radikaler die Ansichten, desto unmöglicher ist es jedoch, sachlich mit ihnen umgehen zu können oder zu wollen. Und schon befinden wir uns im Teufelskreis.

Aufschaukeln als Überlebensstrategie

Zu welch blödsinnigen Diskussionen diese Umstände führen, zeigt uns die aktuelle Lage; In Zeiten von Pflegermangel, einem fehlerhaften Bildungssystem, einer bröselnden Infrastruktur und einer wachsenden sozialen Ungerechtigkeit hängt sich die Gesellschaft kollektiv an der Zuwanderungsfrage auf und arbeitet sich an einer Krise ab, deren Höhepunkt Ende 2015 war. Vom Bäcker bis zum Innenminister, jeder haut seinen Senf zur Asylpolitik heraus, unabhängig davon, ob er irgendetwas sinnvolles beizutragen hat. Aber – wie gesagt –  es geht ja überhaupt nicht darum, etwas zur Lösung beizutragen. Im Gegenteil – Würde man sich dem Thema frei von jeder persönlichen Wertung und weit ab jeder populistischen Erhöhung nähern, würde man sich ja am Ende noch der Möglichkeit berauben, Stimmung zu seinen Gunsten zu machen. Hier ist sie wieder, diese unbedingte Selbstbestätigung. Die bekommt man nur, wenn man möglichst viel zu einem Thema beizutragen hat, welches die beiden gegensätzlichen Lager möglichst scharf emotionalisiert. Das geht natürlich nicht mit Themen, denen man sachlich kommen muss – Nicht mit Verwaltungsfragen im Gesundheitswesen, Reformen auf dem Arbeitsmarkt oder im Strategien für den effektiven Straßenbau. Das geht nur, wenn das Thema „Wir gegen Die“ bedient werden kann und der berühmt-berüchtigte Schwarz/Weiß-Schalter ausreicht, um die Affenbande, die sich unsere Gesellschaft nennt dazu zu bringen, sich gegenseitig mit Fäkalien zu bewerfen. Eine Partei wie die AfD tut den gesamten Tag nichts anderes, als genau dieses Fäkalienwerfen mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten. Sie lebt davon. Und entsprechend wenig ist sie daran interessiert, etwas dazu beizutragen, dass diese Zustände sich ändern. Die Differenzierunfähigkeit wird gezielt befeuert und mittlerweile führt dies dann dazu, dass der „Kampf“ in jeder noch so lächerlichen Situation weitergeführt wird. Stichwort Fußball-WM.

Von „Mannschaft“ und „Nationalismus“

Die seltsam dämliche, völlig irrationale Diskussion „linksradikal/rechtsradikal“ zeigt sich nirgends so schön in ihrer ganzen Dämlichkeit wie beim Thema „Deutsche Fußballnationalmannschaft“. Die Diskussionskultur rund um die Mannschaft und die Frage, ob und wie man sie denn unterstützen sollte beweist ziemlich deutlich, wie viele Leute im Kampf um ihr eigenes Weltbild die Grenze zur Paranoia bereits überschritten haben.
Ein Lager sieht in dem Team das aktive Bestreben der Regierung (also Frau Merkel, da sie bekanntermaßen als alleinverantwortliche Diktatorin herrscht…) die Vorteile der Umvolkung zu propagieren, da die Mannschaft ausschließlich aus Migranten bestehe und somit auch keine Mannschaft mehr sei, welche das Deutsche Volk repräsentiert. Tja. Im aktuellen WM-Kader haben übrigens ganze 6 der 23 Spieler einen Migrationshintergrund, 3 davon jeweils nur bei einem Elternteil. Den Beweis für ihre Thesen sehen diese Leute dann übrigens in der Tatsache, dass die Fußballnationalmannschaft sich seit einigen Jahren nicht mehr als NATIONALmannschaft, sondern nur noch als „Die Mannschaft“ vermarktet und damit ihre nationale Identität bewusst verleugne. Was außer ihr im Übrigen keine andere Nationalmannschaft der Welt täte. Eine kurze Internetrecherche zeigt zwar, dass
die anderen Mannschaften sich wahlweise nach ihren Trikotfarben oder ebenfalls „Mannschaft“ bzw „Auswahl“ benennen, aber wie gesagt: Die eigenen Ansichten kurz reflektieren ist nicht mehr zeitgemäß.

Ebenso lustig ist die allturnierliche Kollektivechauffierung, wenn Nationalspieler mit Migrationshintergrund vor dem Spiel die Hymne nicht mitsingen. Undankbar sei dies. So etwas hätte es bei den treudeutschen Spielern der 1970er nicht gegeben. Hm… Kurz mal gegoogelt…
Aber auch dies ist egal. Ein Spieler, der die Hymne nicht mitsingt war früher, als das alles noch Deutsche waren, nicht möglich und das ist einfach so. Punkt.

Im anderen Lager ist die engstirnige Paranoia zum gleichen Thema ebenfalls ausgeprägt, nur halt anders gelagert. Hier heißt es, man könne die deutsche Mannschaft nicht unterstützen, weil dies bereits purer Nationalismus sei und Nationalismus eine schlimme Sache ist. Aha.

Ja, Nationalismus auf politischer Ebene ist gefährlich, wenn er ausartet. Das hat die Geschichte uns endlos oft bewiesen. Das Anfeuern der Fußballnationalmannschaft bereits als Nationalismus auslegen kann man aber nur, wenn man wirklich wenig von seinen Mitmenschen hält und sich selber für sehr, sehr klug hält.
Wer heute jubelt, weil Toni Kroos den Schweden in der 95. Minute einen Freistoß zum 2:1-Siegtreffer einschenkt, wird morgen mit allergrößter Wahrscheinlichkeit NICHT mit dem Panzer in Malmö einfahren. Und die wenigsten echten Fußballfans unterstützen bei einem Turnier nur eine Mannschaft, sondern mögen durchaus auch andere. Ich beispielsweise halte zu den Isländern, weil ich dieses Team sympathisch finde. Deswegen werde ich morgen nicht mit einem Wikingerschiff vor der irischen Küste anlanden und Dublin anzünden. Auch hier ist die Problematik schnell erledigt, wenn man bereit ist, einfach nur einen kleinen Schritt weiter zu denken, als es das eigene kleingehaltene Weltbild im ersten Moment zulässt. Scheinbar ist das aber im Jahre 2018 einfach zu viel verlangt.

Schaltet das Hirn ein!

Und So befinden wir uns nun an den Rändern einer großen Schiffsschaukel, die immer weiter erst in die Eine, dann in die andere Richtung ausschlägt. Die Leute an den Ecken jubeln, wenn sie wieder einmal am Scheitelpunkt angekommen sind, die in der Mitte entscheiden sich nach und nach, ebenfalls zu einer Seite herüber zu wechseln und am Ende steht keiner mehr in der Mitte, um die Ausschläge abzufangen. Dann haben wir endgültig ein Problem. Freuen wir uns darauf. Lange kann es nicht mehr dauern. Wir müssen endlich wieder lernen, unser Hirn einzuschalten, bevor wir uns vorschnell das Bild von der Welt machen, wie wir sie gerne sehen möchten. Das führt am Ende nur dazu, dass wir uns kollektiv selbst und in der Folge auch alle anderen belügen. Gepaart mit der zunehmenden Aggressivität im Umgang miteinander steuern wir unaufhaltsam auf den Moment zu, an dem wir uns gegenseitig zerfleischen oder verbrüdern, um zu zerfleischen. Dann sind wir endgültig wieder beim T-Rex und seiner Art des Denkens angekommen und vergessen doch das Wesentlichste: Der T-Rex ist tot. Wir sollten es also besser machen als er.

Oder?

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