Hauptseite Gedankendenk Wieso, weshalb, warum… runde Geburtstage überbewertet sind

Wieso, weshalb, warum… runde Geburtstage überbewertet sind

Autor: D. E. Orange 19. Juli 2018


Gestern bin ich 30 geworden.

Viele Menschen sehen runde Geburtstage ja als eine Art Zäsur. Als einen Anlass, Dinge zu überdenken und sich vorzunehmen, sie von jetzt an anders zu machen. Quasi ein individuelles Neujahr für Fortgeschrittene, an dem man sich auch ohne Raclette und über Teppiche stolpernde Butler aus den 1960ern Vorsätze macht, die man im Endeffekt eh nicht hält.

Auch ich habe mich in den letzten Wochen immer wieder dabei erwischt, wie ich mein Leben habe Revue passieren lassen und Teile davon einer eindringlichen Überprüfung unterzogen habe. Irgendwann kam der Tag dann. Und als ich gestern Abend dann letztendlich auf der heimischen Couch saß – die obligatorische Geburtstagsfeier, zu der meine Freunde mich genötigt haben, nachdem ich mich die letzten Jahre erfolgreich dagegen wehren konnte, ist erst am Samstag – wurde mir letztendlich klar: Dies alles ist so dermaßen egal.

Natürlich kann ich mir vornehmen, an meinem 30. Geburtstag mit dem Rauchen aufzuhören (Okay, ich persönlich müsste dafür erstmal damit anfangen), keinen Alkohol mehr zu trinken und statt Punkrock nur noch Jazz zu hören. Aber ganz mal ganz unter uns: Würde ich es mit solchen Dingen wirklich ernst meinen, bräuchte ich keinen Anlass, um sie durchzuziehen, sondern würde es einfach tun. Dann wäre die Wahrscheinlichkeit auch höher, es am Ende zu schaffen. Was auch immer man schaffen will.

Wenn man mal ehrlich ist, ist ein runder Geburtstag nichts von Aussagekraft. Man ist nicht plötzlich ein komplett anderer Mensch, nur weil sich von einen auf den anderen Tag die vordere Zahl bei der Altersangabe ändert. Das hat das Leben nicht vorgesehen. Das Leben ist kein Lidl-Pudding, auf dem irgendwo ein konkretes Datum draufsteht, ab dem der Pudding mit ziemlicher Sicherheit Schimmel ansetzt. Es wäre ja furchtbar, wenn dies wirklich so wäre.

Nein, das Leben ist eine wilde Straße mit vielen Kreuzungen, Abzweigungen, Kreisverkehren und dem ein- oder anderen Steinschlag und Hagelschauer aus dem Hinterhalt. Und wir alle biegen dort ab, wo wir meinen, dass es dort richtig ist. Wo wir enden und wann wir enden? Keiner von uns weiß es.

Unten bei mir im Haus wohnt eine alte Dame. Diese Frau ist das kommunikative Zentrum unseres Viertels. Jeder kennt sie, jeder liebt sie und es vergeht kein Tag, an dem man sie nicht im eifrigen Gespräch mit irgendwem aus der Nachbarschaft treffen kann und ihr lautes Gelächter dann quer durch die Straßen schallt. Diese Frau steckt voller Lebensfreude. Die 90 hat sie schon vor Jahren überschritten. Ein Ende? Nicht absehbar. Wenn es nach mir geht, kann und soll sie alle Rekorde brechen. Der Vater meiner Kleinen Schwester anderer Eltern (so lässt sich am treffensten formulieren, als was ich unser Verhältnis empfinde) wiederum ist gerade 60. Er sitzt seit einem Schlaganfall vor über 25 Jahren im Rollstuhl. Derzeit liegt er nach einer Lungenembolie im Krankenhaus und kämpft dort um sein Leben.

Was also nützt es, sich Vorsätze zu machen, die an ein Datum gebunden sind? Was nützt es uns, wenn dann morgen schon irgendetwas passiert, was diese Vorsätze zum Einsturz bringt? Warum nicht lieber jeden Tag so leben, wie er kommt. Denn wer weiß, wie viele noch kommen?

Es sind nicht die runden Geburtstage, an denen man sich zwangsläufig Gedanken über die Richtung machen kann, denn sie sind nicht entscheidend. Sie sind selten die Tage, an denen das Leben es dir zur Aufgabe macht, eine neue Richtung zu finden. Es hält sich sehr selten an den Kalender. Warum also sollte ich das tun? Das Alter ist eine Zahl, errechnet aus einem Datum, das in deinem Ausweis steht. Wirklich etwas über dich, dein Leben und die Dinge die du machen kannst, willst oder eben nicht mehr schaffst sagt es nicht aus. Also tut euch den Gefallen und macht euch nicht zu viel daraus, wenn ihr mal wieder in einem neuen Lebensjahrzehnt angekommen seid. Im Zweifelsfall tun dies sowieso andere für euch.

Und so werde ich an diesem Wochenende Gast auf meiner eigenen Geburtstagsfeier sein und mich wieder und wieder fragen, was der ganze Aufriss eigentlich soll. Dann werde ich in die Gesichter meiner Freunde blicken, mich daran erinnern, was ich an diesem Haufen in den letzten Jahren alles hatte und in den kommenden Jahren hoffentlich noch haben werde, wieder feststellen, wie sehr ich jeden einzelnen dieser Vögel doch eigentlich liebe und mir denken, wie schön diese Gelegenheiten, mal alle zusammen zu sein doch eigentlich sind.

Zugegeben, zumindest dafür sind diese Geburtstage dann doch zu gebrauchen.

Aber dann soll es auch reichen.

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