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Ein Biber namens Justin

Autor: D. E. Orange 27. Februar 2022

Ich habe beschlossen, etwas umweltbewusster zu leben. Irgendwann muss man damit ja mal anfangen. Am besten, solange es noch eine Umwelt gibt, der man sich bewusst werden kann.

Aber wo soll ich denn da anfangen? Kleine Schritte. Kleine Schritte gilt es zu machen; Ich habe mich daher entschieden, jede Woche einen fleischfreien Tag einzuführen. Gut, genau genommen hat es den in meiner Familie immer schon gegeben, bisweilen sind es auch mal zwei. Das habe ich bis jetzt immer so hingenommen und niemals an die große Glocke gehängt – Aber jetzt soll das gefälligst jeder wissen, damit ich mich ein klein wenig überlegener fühlen kann. Check. Das war einfach. Klimaschutz – Voll mein Ding!

Natürlich ruhe ich mich nicht auf dieser Lappalie aus. Ich denke bereits einen Schritt weiter. Nun geht es an das wichtige Reizthema “Mobilität”. Daher habe ich mir vorgenommen, von nun an innerhalb der Stadtgrenze nur noch mit dem Fahrrad zu fahren. Das ist sowieso besser für die Gesundheit. Dachte ich.

Von diesem Gedanken kann man leider relativ schnell abkommen, wenn man einmal bei 4 Grad und Graupelschauern quer durch die Stadt geheizt ist. Da ist „heizen“ dann auch gleich das Stichwort – Scheiße ist das kalt! Da ist die Viruserkrankung ja schon vorprogrammiert. Und wenn es eines gibt, wovon ich in den letzten Jahren wirklich die Schnauze gestrichen voll habe, dann sind das irgendwelche Viruserkrankungen!

Trotzdem: Fahrradfahren auf kürzeren Strecken ist gut und richtig. Darüber muss man auch gar nicht diskutieren. Aber das Kälteproblem – Das muss wirklich gelöst werden.

Natürlich kann man drei Regenjacken, zwei Strickmützen, fünf Reithosen und die komplette Handschuhproduktion der Decathlon-Filiale in Herne-Holsterhausen übereinander anziehen –  Aber als Ergebnis sieht man dann aus wie das Michelin-Männchen nach der Zwangsmast und ist auch ungefähr genau so beweglich.

Nachdem ich auf diese Art und Weise gleich mehrmals seitlich vom Fahrrad gefallen bin und nicht von der Stelle kam, weil es einfach nicht mehr möglich war mit zusätzlichen 47 Kilo Kleidung in die Pedale zu treten musste ein Umdenken her: An die wesentlichen Körperteile denken und den Fokus darauf legen, ebenjene primär zu schützen.

Also habe ich als findiger Bastler ein Dynamo-betriebenes Heizkissen in den Sattel eingebaut um wenigstens meinen Hintern warm zu halten. Der zusätzliche Clou der Konstruktion: Es wird wärmer, je härter man in die Pedale tritt. Das war auf den ersten Gedanken keine so üble Idee und sollte zu sportlicher Fahrweise motivieren. Doch schon nach kurzer Zeit war ich an kühlen, dunklen Wintermorgen auf dem Weg zur Arbeit DAS Stadtgespräch. Düstere Kindersagen entstanden über den mysteriösen Helden der Nacht, der mit 60 Sachen und weithin sichtbar brennendem Hinterteil laut schreiend durch die Straßen radelte. Der rektale Ghost Rider von Wanne-Süd.

Nach wenigen Wochen hatte ich den vernarbten Hintern eines 78-jährigen, der hauptberuflich bei Thyssen flüssigen Stahl in Schaufelform sitzt und das Geld für neue Hosen ging auch langsam zur Neige. Es war Zeit für Alternativideen. Und hier dachte ich mir: Schau über den Tellerrand. Lass dir etwas grundsätzlich neues einfallen. Diese eine magische Idee, die alles ändert.

Und so kaufte ich mir einen Biber.

Ich bestellte mir ein lebendes, äußerst agiles Exemplar auf einer dubiosen Internetseite, die hauptsächlich Kanadische Holzfällerpornos vertrieb, darunter illustre Titel wie „Geil abgespritzt mit Ahornsirup Teil 1-14“, „Er war Neil Young und brauchte das Geld“ und „Meuterei auf dem Mountie

Als mein Biber endlich bei mir daheim angekommen war, schritt ich zur Tat. Mit Hilfe zweier Gummiflitschen befestigte ich den kuschelig warme Nager auf meinem Fahrradsattel. Es war die Lösung aller Probleme.

Seit ich meinen Biber – ich habe ich Justin getauft – als Fahrradsattelheizung benutze bin ich ein fideler Radfahrer. Mein Hinterteil ist warm und stets pelzig-weich gefüttert, vor allem da Justin durch heftige Bewegungen gegen seine für ihn vielleicht manchmal etwas suboptimale Gesamtsituation protestierend für zusätzliche Reibungsenergie sorgt. Einfache Physik kann so etwas herrliches sein.

Ohnehin stellte sich sehr bald die Erkenntnis ein, dass eine Fahrradsattelheizung mit einem lebenden Biber als Grundlage Vorteile beinhaltete, die ich zuvor überhaupt nicht in die Rechnung mit einbezogen hatte.

Es ist nämlich nicht nur so, dass Justin beim Aufsitzen absolut liebenswerte Quietschlaute von sich gibt – Wenn man den korrekten Trampelrhythmus einhält, steigert sich dieses Quietschen zu einer Art Sirenengesang, nicht unähnlich einem Martinshorn. Seit ich das herausgefunden habe bin ich jeden Morgen 10 Minuten eher bei der Arbeit und vor allem auch 20 Minuten eher wieder daheim, da ich rote Ampeln überfahren darf und alle anderen Verkehrsteilnehmer mich mich respektvoller Umsichtigkeit vorbeiwinken.

Ich hätte niemals gedacht, dass klimabewusstes Handeln mein Leben so bereichert. Zumal es auch überhaupt nicht teuer ist. Justin hat in der Anschaffung umgerechnet 37 Euro gekostet und seine Unterhaltskosten für Wasser, Salatblätter, Kräuter und hin und wieder ein paar Äste von Bäumen aus der nahen Parkanlage sind auch nicht die Welt. Auch wenn wir einen schlechten Start miteinander hatten, an dem jedoch selbstredend nicht ich die Schuld trug, sondern linksversiffte Biologielaien wie Ralph Ruthe, die mir seit Jahren weiß machen wollen, Biber würden sich tatsächlich hauptsächlich von Holz ernähren. Das stimmt ja überhaupt nicht! Jetzt hab ich den 25 Kilo-Sack Holzpellets als Snacks für Justin völlig umsonst gekauft. Ein bedauerlicher Fauxpas, ändert jedoch nichts am guten Gesamteindruck.

Ich habe das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Inzwischen habe ich weitere Verwendungszwecke für Justin im Haushalt gefunden. Richtig am Schwanzansatz gepackt ist er beispielsweise als hervorragender Pfannenwender einsetzbar und Möglichkeiten, mit ihm Bierflaschen zu öffnen oder ihn als Korkenzieher zu verwenden habe ich auch bereits gefunden. Da kann ich mir die ganzen anderen Haushaltsgegenstände sparen und so ein Biber hält bei guter Pflege 30 Jahre. So eine Reduzierung der Ressourcenverschwendung! Ich bin hellauf begeistert!

Gelebte Nachhaltigkeit kann so einfach sein. Das hätte ich niemals gedacht.

Ich kann mit Fug und Recht behaupten, umweltbewusster zu leben war die beste Entscheidung die ich jemals treffen konnte. Aber jetzt muss ich Schluss machen. Ich versuche gerade, Justin als Staubsaugerroboter anzulernen. Leider stehen wir noch am Anfang und ich fürchte, Justin hat sich gerade komplett unter dem Sofa verkeilt. Da muss ich mit dem Brecheisen ran. Sorry. 

 

(Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich als Bühnentext konzipiert und wird durch D.E.Orange unter bürgerlichem Namen als solcher verwendet. Sollte er Ihnen zufällig in diesem Zusammenhang über den Weg laufen, sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt)

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