Hauptseite Blödsinn Tanzbären

Mein erstes Mal hatte ich auf der Liege eines Krankenwagens und es war ein infernaler Höhepunkt in der Geschichte der menschlichen Liebe!

Das stimmt natürlich nicht.

Mein wirkliches erstes Mal hatte ich im schummerigen Kinderzimmer von und mit Sophie, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, mit dem ich binnen der folgenden zwei Wochen für die Dauer einer Olympiade zusammenkommen würde – Und es warf eher Fragen auf, als es Antworten gab.

Es waren Fragen wie „Was bitte war das?“, „War das jetzt alles“ und „War ich eigentlich drin und wenn ja, wo genau eigentlich?“ 

Ja, wir waren jung und ungeübt und stellten uns an wie zwei Tanzbären auf einem wackelnden Hochseil zwischen Everest und Nanga Parbat. Zwei Tanzbären ohne Sauerstoffflaschen, splitterfasernackt und mit plattem Einrad.

Immerhin, beim Vorspiel hatten wir uns Mühe gegeben. Es dauerte alles in allem zwei Wochen und bot alles auf der autobahnbreiten Spanne von Anzüglichkeiten, mehr oder minder direkten Angeboten und zufälligen Berührungen jeder Form und Gestalt. Was wir dabei im Ansatz zu umgehen versuchten war der möglicherweise nicht ganz zu vernachlässigende Punkt, dass wir nur deshalb so lange um den heißen Punkt herumlamentierten weil wir schlicht und einfach keine Ahnung von praktischem Geschlechtsverkehr hatten – und zwar beide – und jeweils warteten bis die andere Partei die Zügel in die Hand nahm. Oder andere Dinge. Sie wissen schon.

Sophie war bekannt dafür, dass ihre Geduldsspanne traditionell nicht weiter als von null Uhr bis Mitternacht reichte, also war SIE es, die eines Nachmittags die weitere Planung an sich riss und die Dinge entschied – Und zwar dahingehend, dass sie einen auf die Minute durchgetakteten Plan aufstellte, wann, wo, wie und weswegen ihre und zugleich meine Entjungferung stattfinden sollte.

Ich dachte, dass würde schon aufgehen. Auch, als sie mir im Rahmen eines nachmittäglichen gemeinsamen Spaziergangs durch die romantische Industriebrache unserer städtischen Abraumhalde eine bis ins Detail ausfeilte Checkliste für den geregelten Ablauf des folgenden Abends in die Hand drückte.

Was für ein Bild von einer Checkliste! Sieben Seiten. Eng beschrieben. An alles gedacht;

Ankunftszeit M (also ich) – 18:00. Bitte abharken bei Erledigung. Zimmerlicht -. Aus. Kerzen – Check. Kerzenfarbe – weiß. Check. Musikanlage in Funktion – Check. Landeklappen 15 Grad, Steuerkurs 185, durchstarten beim Tower melden – Check. Socken – Aus. Und so weiter und so weiter. Jeder 747-Pilot hätte vor ekstatischer Erregung zielsicher abgespritzt.

Mir fällt übrigens jetzt erst auf, wie viel Kalauerpotenzial das Wort „Verkehrspilot“ in diesem Zusammenhang hat. Ja, ich bin jetzt schon ein wenig stolz auf mich!

Als ich um 18 Uhr pünktlich bei Sophie ankomme harke ich den entsprechenden Punkt auf der Liste pflichtbewusst ab. Ihre Eltern sind übers Wochenende nicht da, wir haben die Wohnung für uns. Sehr schön. Und vor allem haben wir Zeit. Den eigentlichen Akt hat Sophie auf Punkt 23 Uhr terminiert, vorher können wir uns noch in Stimmung bringen. Wir schalten den Fernseher ein und gucken die Sportschau.

Anschließend sieht die Checkliste einen romantischen Film vor, den ich noch bitte mitzubringen habe – Was damals noch hieß, eine DVD auszuleihen. Dummerweise hatte ich noch keinen Führerschein und obwohl es damals noch Videotheken gab, befand sich doch keine einzige von ihnen in Wanne-Eickel. Ich musste also nehmen, was sich bei meinen Eltern so finden ließ und entschied mich für „Den Exorzismus der Emily Rose“ –  Da kommt immerhin eine Rose vor. Rose gleich Romantik. Passt. Sophie ist einverstanden. Solange weder Spinnen, noch Wespen und vor allem nicht Ben Affleck vorkommen geht der Film klar. Check.

Fußball und Horrorfilme. Die Frau musst du heiraten schießt es mir durch den Kopf. Es ist 22:50.

„Sollen wir dann…?“ säuselt Sophie in einem Ton, der Erotik suggerieren soll, aber eher nach eitriger Angina klingt. „Frag mich in 10 Minuten nochmal. Dann sage ich auch „ja“.“  Vorausgesetzt, meine Schockstarre lässt bis dahin ein wenig nach.

Während Sophie die Musikanlage einschaltet und die nächsten 10 Minuten angestrengt die Wanduhr anstarrt baut sich in mir Druck auf. Aber nicht an gewünschter Stelle. Durch das Rauschen in meinem Kopf dringen
Norbert Dickel und die Südtribüne: „Und hier der aktuelle Spielstand: Tapsige Teenager: Zwei! Erregung: Null! Danke! Bitte!“

Ein langgezogenes „Jeeeetzt“ aus anderem Munde zieht mich zurück in die Realität. Vor meinem Augen erscheint Sophie. Wir sind nackt. Häh? Wie hat sie das jetzt gemacht??

Konzentration Junge! Auf die Situation haben wir hingearbeitet und jetzt ersparst du dir sogar die Blöße eindrucksvoll beweisen zu müssen, dass du KEINEN Schimmer hast wie so ein BH aufgehen mag.

An prominenter Stelle rührt sich etwas, entscheidet dann aber doch „Och, hier auf halb 8 ist es aber auch ganz schön“ und verharrt dort. Zwei Augenpaare schauen hin, dann sich an. Wird schon. Weiter im Programm. Wie zwei angeschossene Ü-70 Wrestler werfen wir uns pseudoerotisch auf die ausgezogene Schlafcouch und landen unsanft aufeinander. Etwas knackt. DVD-Hülle. Ach da war die?! Mist, das kostet.

Hilflos wie zwei umgedrehte Schildkröten liegen wir aufeinander und versuchen es nicht wie einen Unfall aussehen zu lassen. Sophie langt nach links, greift die Checkliste und prüft den Stand der Prozedur. Romantik pur.

„Ich wusste doch, da fehlt was“. Sophie fingert nach ihrer Hose und zieht eine Packung Kondome aus der Tasche. Mist. Das hatte ich in weiser Voraussicht geübt wie eine Formel 1-Crew den Boxenstopp. Das Problem: Mein kleiner Kimi Räikkönen steckt im Kiesbett fest und versucht verzweifelt auf Allrad zu schalten. Sophie greift beherzt zu und versucht einzutüten was sie findet. Ihr Gesichtsausdruck erreicht fatalistische Züge und mir wird klar „Wir ziehen das jetzt hier durch, vollkommen egal wie viele Psychologische Gutachter sich das in den kommenden Jahren anhören werden dürfen.”

Ich bringe mich in eine halbwegs bequeme Position und versuche zu tun, was meiner naiven Vorstellung nach das Richtige ist. Augen zu und Konzentration. Du willst das hier doch auch! Im Hintergrund läuft die einzige Band, auf die Sophie und ich uns einigen können: Die Ärzte. Auuuuus Berlin. „Bitte komm zurück“ jault Farin Urlaub aus dem Boxen. Lieber Gott, bitte lass den nächsten Song nicht die fette Elke sein, denn dann geht hier gar nichts mehr…

Aber viel geht eh nicht, von der suboptimalen Kombination aus Schweiß und Frustration abgesehen. Ich stoße hilflos in die Nacht während Sophie sich sichtbar Mühe gibt mit allen ihr gegebenen Sinnen auszuloten wo ich mich gerade überhaupt befinde. Die Minuten verstreichen Ereignislos. Irgendwann muss ich aufs Klo. Wir geben auf.

Lagebesprechung; Sophie geht wiederholt die Checkliste durch und bittet um Feedbacks. Ich verkneife mir die obligatorische Frage, wie es denn für sie eigentlich war. Natürlich nicht weil ich mir die Antwort denken kann und sie nicht hören will, sondern weil mir klar ist, dass sie da auch keine Vergleichswerte hat. Natürlich.

In den folgenden Wochen und Monaten wird sich zeigen, dass wir uns von diesem Fehlstart in unser Sexualleben nicht entmutigen lassen. Dafür sind wir ohnehin beide viel zu stur. Und zu geil aufeinander, zumindest dann wenn es nicht gerade drauf ankommt. Kein Druck. Learning by doing. Das alles wird von selbst kommen. Oder wir halt.

Epilog. 8 Monate später:
Orgasmus: Doppelcheck.

Keuchend zückt Sophie den Kugelschreiber und harkt den Punkt von der Checkliste ab. „Und mit einer geschlossener Mannschaftsleistung fahren sie den erwarteten Favoritensieg ein“ ruft Norbert Dickel in meinem Kopf.

Gekonnt rollen wir uns von der Liege ab, landen elegant auf den Füßen und legen unsere Klamotten wieder an. Schnell los, bevor die beiden Sanitäter zurückkommen. Wir schließen die Tür des Krankenwagens und verschwinden lautlos in den Sommer. Wir sind keine Tanzbären mehr. Wir sind jetzt verdammte Ninjas. 
Check.

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