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Mitten in Entenhausen

Autor: D. E. Orange 23. Mai 2022

Wenn ich in meine Kindheit zurückreisen will, reicht meist ein kurzer Ausflug in den Keller. Öffne ich mein Kellerabteil steht rechts an der Wand ein kleines Blechregal. Ein Regal, gefüllt mit Comicheften und alten Büchern, die nicht mehr in meine eigentliche Wohnung passten – und das ist wortwörtlich zu nehmen. Ich warte auf den Tag, an dem mein bis zum Bersten mit Büchern angefüllter Wohnzimmerschrank endlich in sich zusammenkracht. Eine deutliche Biegung in zentralen Positionen ist bereits seit Jahren zu beobachten.

Zwei Drittel des Regals im Keller sind belegt durch eine ganz bestimmte Art von Buch: DIN-A5 und 256 Seiten stark. Einige Exemplare sehr alt, noch original aus dem Fundus meines Vaters stammend, als dieser noch ein Kind war. Auf allen prangt der gleiche Schriftzug:

„Walt Disney. Lustiges Taschenbuch“

Gott, wie viele dieser Dinger habe ich mit den Jahren angehäuft und gelesen? Zugegeben, nur etwa halb so viele wie eigentlich möglich, denn meine Sammlung beinhaltet nur die Abenteuer des Teils von Entenhausen, der Federn trägt – denn sind wir mal ganz ehrlich: Micky Maus ist selbst mit Wohlwollen nichts anderes als ein angepasster Langweiler. Der Max Giesinger unter den Comic-Helden. Überall präsent, ja, aber mit seiner Qualität lässt sich das nun wirklich nicht erklären.

Bei den Ducks war einfach immer viel mehr los. Sie waren sympathischer, anarchischer, irgendwie nahbarer. Eine durchgeknallte Familie, die – wären sie reale Menschen – die perfekten Protagonisten einer typischen RTL-Nachmittags-Hartz-Vier-Serie wären.

Da wäre zunächst der Hauptdarsteller: Donald D. aus E.

Donald ist mittleren Alters, unverheiratet und schwankt zwischen Dauerarbeitslosigkeit und Niedrig-Niedriglohnjobs, die meist nicht wesentlich mehr als die Fähigkeiten eines frisch überfahrenen Eichhörnchens erfordern, an denen Donald aber zumeist trotzdem scheitert.

Obwohl Donald finanziell alles andere als gut aufgestellt ist, besitzt er ein Einfamilienhaus mit Garten und schafft es, neben sich selbst noch drei Kinder durchzubringen, die eigentlich überhaupt nicht seine sind, aber per One-Way-Ticket bei ihm abgegeben wurden, was Donald natürlich keine Sekunde hinterfragt.

Dabei sollte man da durchaus etwas hinterfragen; Zum Beispiel, was für Eltern das eigentlich sind, die in ihrer dauerhaften Abwesenheit ihre Kinder ohne sich in irgendeiner Form zu kümmern in die Obhut eines stadtbekannten Cholerikers zu geben, der sein Leben nur rudimentär im Griff hat und für gewöhnlich das Haus ohne Hosen verlässt – Was ihn jedoch nicht davon abhält, sich ein Handtuch um die Hüften zu binden, wenn er die Dusche verlässt.

Es ist ja nicht so, dass es in der Familie Duck keine besseren Alternativen gäbe, bei denen man elegant drei nervige Rotzblagen 18 Jahre zwischenparken könnte. In der Verlosung wären schließlich auch noch die herzensgute, aber zupackende Oma mit eigenem Bauernhof und der Fantastillardenschwere Großonkel ohne direkte Erben für das eigene Geschäftsimperium.  Aber nein, man wählt ausgerechnet den fröhlichen Familien-Hartzer. Im Ernst, was für strunzdumme Idioten!

Donalds Alltag ist relativ überschaubar. Er lebt in einer Dauer On-Off-Beziehung mit einer Frau namens Daisy, die erstens seine Cousine ist und die er sich zweitens mit einem Mann namens Gustav teilt, der mit Nachnamen „Gans“ heißt, obwohl er ziemlich eindeutig ebenfalls eine Ente ist und der – man ahnt es – ebenfalls ein Cousin von Donald und Daisy ist. Das findet in Entenhausen übrigens niemand merkwürdig. Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wo Entenhausen eigentlich liegt, aber es mehren sich die Hinweise auf das Saarland. 

Wie Donald gehen weder Daisy noch Gustav einer geregelten Arbeit nach. Gustav lebt gut von professionellem Glücksspiel, Daisy wiederum gibt sich alle Mühe, ein Frauenbild aus längst vergangenen Zeiten zu spiegeln und lässt sich 24/7 von ihren beiden Herren aushalten, wobei stets derjenige die Nase – respektive den Schnabel – vorn behält, dem es besser gelingt, die verwöhnte Dame von Welt mit materiellen Begünstigungen bei der zumeist garstigen Laune zu halten – Was eigentlich ziemlich clever von ihr ist, denn Daisy gelingt es auf diese Art, vollkommen ohne eine eigene Leistung durch ihr Leben zu schlingern. Was für ein Vorbild.

Wenn Donald nicht gerade damit beschäftigt ist, seiner Cousine im Duell mit seinem Cousin nachzusteigen, wartet er darauf, dass der bereits angesprochene reiche Onkel endlich stirbt, damit Donald ihn beerben kann.

Ein Unternehmen, welches bereits im Ansatz zum Scheitern verurteilt ist. Beobachtet man Onkel Dagobert für länger als zwei Bilder, stellt man relativ schnell fest, dass der Kerl widerstandsfähiger ist als Keith Richards, Ozzy Osbourne, die Queen und Lippenherpes zusammen.

Abgesehen davon gibt der Geizhals sowieso nichts ab, erst recht nicht den Löffel.

Onkel Dagobert bedarf ohnehin einer eigenen Betrachtung. Der alte Erpel führt einen internationalen Allroundkonzern, bei dem nicht final geklärt ist, was genau er eigentlich alles macht und was genau dabei jetzt legal ist und was genau eigentlich nicht. Das Arbeitsrecht ist in der Welt des Dagobert Duck ein Fremdwort. Der leidenschaftliche Turbokapitalist fördert und befürwortet Sklavenarbeit, Lohndumping, Ausbeutung und Kommerzialisierung in jeder Form und gilt damit als populäres Rolemodel für die FIFA. Weihnachts-Fußballweltmeisterschaften in Katar zur Gewinnmaximierung? Onkel Dagobert hätte genau DAS auch gemacht.

Da dies alles noch nicht genügt und er mit der alleinigen Führung eines Menschenverachtenden Großkapitalunternehmens scheinbar noch nicht richtig ausgelastet ist, reist Onkel Dagobert in Freizeit vornehmlich in die äußersten Ecken der Welt, um untergegangene und/oder noch in Resten vorhandene Hochkulturen um deren Habseligkeiten zu erleichtern, natürlich ohne um Erlaubnis zu fragen und meist unter Mithilfe seiner Verwandtschaft, inklusive der minderjährigen Großneffen, die theoretisch in der Schule sein müssten anstatt mit hinterhältigen Taschenspielertricks ihrem gefiederten Friedrich Merz von Großonkel dabei zu unterstützen, auf lebensgefährliche Weise ein paar Ureinwohner übers Ohr zu hauen.

Hm.

Wenn ich aus heutiger Sicht darüber nachdenke, sind das eigentlich gar nicht so lustige Taschenbücher. Damit habe ich meine Kindheit verbracht? Und meine Eltern auch? Sind wir deswegen so verkorkst wie wir sind? Weil die Figuren mit denen wir aufgewachsen sind es ziemlich offensichtlich auch waren? Weil wir die Abenteuer von Gestalten konsumiert haben, deren Alltag mit Gesetz und Logik nicht immer zu erklären sind und deren Vorbildpotenzial eigentlich gegen Null tendiert?

An dieser Stelle soll jetzt der moralische Twist kommen, dass wir nicht die Vorbilder unserer Kindheit als Maßstab für uns selbst sehen sollten und unsere echten Vorbilder viel eher links und rechts neben uns stehen als vor uns auf Papier zu erscheinen.

Und dass die Abenteuer fiktiver Federviecher und die Logiken ihrer Leben weder etwas mit unserer realen Welt zu tun haben, noch es sollen und wollen. Sie dienen der Unterhaltung, des Abtauchens in eine Fantasiewelt und allein die Tatsache, dass wir uns als Erwachsene noch alle an diese Geschichten erinnern können zeigt, dass sie genau das auch geschafft haben.

Und dafür vielen Dank, liebe Familie Duck.

So. Und jetzt muss ich leider los, ich muss mit meinen Neffen einen Mayatempel plündern, damit ich was glänzendes habe, um morgen Abend meine Cousine rumzukriegen, bevor mich mein Vetter wieder aussticht. Einen schönen Tag noch.

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